Heft 
(1881) 295
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Lindau: Reisc-

und bedächtiger Ruhe, um deu Anmaßun- geu einer gewissen Classe javanischer Be­amten gebührende Grenzen zu setzen.

Nagasaki.

Nagasacki ist der sreundlichste Hafen im fernen Osten. Er hat einen geringen Um­fang, so daß er leicht ganz übersehen werden kann, und ist rings von schönen grünen Hügeln eingeschlossen, die mit stolzen, mächtigen Bäumen und frischen, üppig treibenden Slränchern bedeckt sind, und ans denen sich Dorf an Dorf und Landhaus und Tempel an Landhaus und Tempel reihen. Die Landschaft ist nicht großartig, aber sie ist vollkommen schön. Zwar erblickt der Beschauer weder Vulcane noch schneebedeckte Bergriesen, aber er ver­langt auch nicht danach. Sein Blick ruht befriedigt auf dem lieblichen Bilde, das sich vor ihm ausbreitet; denn das Land ist unbeschreiblich anmuthig in seiner fried­lichen, freundlichen, immergrünen Pracht. Alan begreift, wenn man es sieht, daß seine Bewohner Jahrhunderte lang in gänzlicher Abgeschlossenheit leben konnten und sich nur ängstlich den geheimnißvollen Fremden näherten, die ihnen Wunder­dinge versprachen und erstaunliche Kunst­werke vor ihnen ausbreiteten, um sie aus ihrer Zurückgezogenheit herauszulocken. Die Japaner hatten nichts zu gewinnen, wenn sie Freunde der Fremden wurden. Sie besaßen Alles, was ihre genügsamen Herzen wünschten; dagegen durften sie fürchten, bei einer plötzlichen Umwälzung der alten Verhältnisse das zu verlieren, was sie Jahrhunderte lang zu einem der glücklichsten Völker der Erde gemacht hatte.

Auf der Westseite des Hafens von Nagasacki befindet sich die japanische Maschinenfabrik von Akonura, die seit längerer Zeit von holländischen Ingenieu­ren geleitet wird. Die großen, rothen, rauchenden Schornsteine, die sich über der Fabrik erheben, geben diesem Theil der Landschaft einen Charakter, der den euro­päischen Beschauer lebhaft an den Westen erinnert.

Im Norden von Nagasacki, ebenfalls ans der Westseite der Bai, in der un­mittelbaren Nähe eines kleinen Fischer­dorfes mit Namen Jnassa, haben sich die

Erinnerungen.

Russen festgesetzt. Die Niederlassung ist durch die Bai von der Stadt Nagasacki und von Oora, dem eigentlichen Fremden­quartier, getrennt, und ihre Lage zeigt deutlich, daß die Russen ursprünglich nicht beabsichtigten, sich als Handelstreibende in Nagasacki zu etabliren. Noch weiter nördlich, am äußersten Ende der Bai, er­blickt man ein wohlcnltivirtes Thal, das von einem kleinen Bache, der sich in den Hafen ergießt, durchflossen wird und in dem sich zahlreiche wohlhabende Ort­schaften befinden.

Nagasacki erstreckt sich längs der Ost­seite der Bai. Es ist eine bedeutende Stadt, die nahe an zehntausend Häuser und ungefähr fünfundsiebzigtausend Ein­wohner zählt. Sie liegt in einem großen Thale von unregelmäßiger Form, das durch malerische Hügel von fünfhundert bis tausend Fuß Höhe gebildet ist. An manchen Stellen klimmt die Stadt den Hügel hinauf und bedeckt diesen bis zu einer Höhe von zweihundert bis drei­hundert Fuß mit ihren kleinen weißen, reinlichen Häusern. Dazwischen erheben sich zahlreiche Tempel, die an ihren mächtigen, in der Sonne glänzenden, schwarzen Dächern leicht zu erkennen sind. An anderen Stellen, da, wo die Stadt in der Ebene geblieben ist, sieht man auf den Hügeln wohlunterhaltene Todtenäcker mit Tausenden von kleinen, weißen Grab­steinen; ferner vereinzelte, von großen Gärten oder Höfen umgebene Tempel, freundliche Landhäuser und im Schatten hoher alter Bäume die kleinen, friedlichen Wohnungen einfacher Ackerbürger. Ueber- all, wo nicht ein Gebäude steht, grünt und blüht es. Alles auf den Anhöhen von Nagasacki athmet volles, kräftiges, ungetrübtes Leben.

Um die Landschaft ganz würdigen zu können, muß man eine Anhöhe ersteigen, welche die Südgrenze der Stadt bildet und an deren Fuß zu meiner Zeit das englische Consulat errichtet war.

Ein bequemer Steig führt bis zu einer Höhe von ungefähr fünfhundert Fuß; dann hat man sich seinen Weg durch Bäume und Sträncher zu bahnen, und bald erreicht man eine Plattform mit herrlicher Aussicht. Auf der einen Seite erblickt man die blaue Bai und die sreund- - liehe weiße Stadt von Nagasacki. Große

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