Heft 
(1881) 295
Seite
68
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Jlluftrirte Deutsche Monatshefte.

Kauffahrer und mächtige Kriegsschiffe des ! Westens wiegen sich im Hafen. Zwischen! und hinter diesen Fahrzeugen liegen Hunderte von Dschunken vor Anker. Leichte japanische Boote durchkreuzen die stille Fluth in allen Richtungen, und der monotone Gesang, mit dem die Fischer und Bootsleute ihre Arbeit zu begleiten Pflegen, dringt harmonisch gedämpft zur Höhe herauf, auf der der Schauende weilt. Aus der gegenüberliegenden Seite der Bai sieht man Akonura, Jnassa, den von den Russen occupirten Tempel, das grüne Thal, das sich am Nordende des Hafens befindet, und die zahlreichen Ort­schaften, die in demselben gelegen sind. Nagasacki selbst zeigt sich in seiner ganzen Ausdehnung. Dem Mittelpunkt der Stadt gegenüber und durch einen schmalen Canal von derselben getrennt, liegt die kleine Insel Decima, die alte, wohlbekannte holländische Factorei; am Südende der Stadt, am Fuße des Berges, breitet sich Oora, das neue Fremdenqnartier, ans.

Das alte, pittoreske Decima, das Decima der Kämpfer Thunberg und Siebold, ist durch Fenersbrünste zerstört worden. Das neue Decima ist eine kleine holländische Stadt. Die wenigen Stra­ßen sind schnurgerade, äußerst reinlich, todtenstill und schneiden sich in rechten Winkeln. Die Häuser, eines dem anderen gleich, sind weiß getüncht, haben kleine, bescheidene Fenster, braun angestrichene Fensterläden und sehen wie Scheunen oder Casernen aus. Nichts in Decima erinnert daran, daß man sich im fernen Osten befindet; und wären nicht die zahlreichen, jungen japanischen Mädchen, die man in den Thüren der Häuser stehen oder in den Straßen umherwandeln sieht, so könnte man sich in eine un­bedeutende niederländische Stadt versetzt glauben. Dort lebten im Jahre 1861 einige dreißig holländische Kaufleute und mehrere Beamten. Sie bildeten eine von den in Oora lebenden Fremden fast gänz­lich abgesonderte Gesellschaft. Sie ver­ließen Decima nur selten, hatten ihre Privatinteressen und Privatvergnügungen nnd kümmerten sich wenig oder gar nicht nm Engländer und Amerikaner. Diese machten ihrerseits keinen Versuch, sich den Holländern zu nähern, nnd sahen ohne jeden vernünftigen Grund mit einer ge­

wissen Geringschätzung auf die ruhigen Geschäftsleute hinab, welche sieDecima- Krämer" nannten.

Oora war, als ich es kennen lernte, noch im Entstehen. Es existirten dort nur fünf oder sechs fertige Gebäude, die im Stile der europäischen Häuser von Shanghai, aber nach einem bescheideneren Maßstabe erbaut waren. Seitdem ist eine große Anzahl neuer Wohngebäude nnd feuerfester Waarenlager in Oora er­richtet worden, nnd jetzt erhebt sich am Südende von Nagasacki eine fremde Stadt, in der Engländer, Amerikaner und Deutsche sich für alle Zeiten festgesetzt zu haben scheinen.

Die Bai, Akonura, Jnassa, Nagasacki, Decima nnd Oora bilden die eine Seite des großen Bildes, das man zu seinen Füßen sieht, wenn man den Berg des englischen Consulats erstiegen hat. Wendet man sich nun nach der anderen Seite, so erblickt man einen wahren Jnselgarten vor sich ausgebreitet. Die See erstreckt sich, so weit das Auge reicht; aber nicht die großartig einförmige See, sondern ein Meer, in dem das Land seine Rechte stark geltend macht. Ueberall längs der Küste von Kiusiu erheben sich grüne Inseln aus dem dunklen, blauen Meer; dazwischen öde, rauhe, unfruchtbare Felsen. Wenn das Meer bewegt ist, dann bricht sich die See brausend und schäumend an dem felsigen, nacktgewasche­nen Fuß der Inseln und stürzt laut heulend über die Klippen, die sie mit schnee­weißem Schaum bedeckt, um sie gleich darauf wieder in ihrer schwarzen Nackt­heit zu zeigen. Ist der Himmel klar und die See ruhig, so umgiebt sie Insel und Felsen mit einem breiten geschmeidigen Gürtel von Azur und flüssigem Silber, und ihr leises Murmeln scheint ewige Ruhe nnd ewigen Frieden zu versprechen. Aber das japanische Meer ist falsch und tückisch. Es verschlingt alljährlich zahl­reiche Opfer und wird von den Schiffern gefürchtet.

Nagasacki wird dem Fremden bald heimisch. Eine Straße gleicht der an­deren, ein Hans dem anderen. Der öffentlichen Gebäude giebt es nur wenige. Diejenigen, die man findet, zeigen nichts