Heft 
(1881) 295
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Lindau: Reise

Bemerkenswerthes und gleichen mit ihren weißgetünchten Mauern und kleinen, ver­gitterten Fenstern einem Gefängniß, einer Caserne oder einem Waarenlager. Die Häuser der Kaufleute und Bürger sind klein und haben gewöhnlich zwei Stock­werke. Sie sind außerordentlich leicht gebaut. Die inneren Wände bestehen ans dünnen, hölzernen Rahmen, die mit Papier überzogen sind, aber sie sind mit großen, schweren Ziegeldächern be­deckt, die aus starken Holzpseilern ruhen. Eine Jahrhunderte alte Erfahrung hat diese Bauart als die zweckmäßigste er­wiesen, um den in Japan häufig wieder­kehrenden Erdbeben einigermaßen zu wider­stehen.

Das japanische Papier, das zur Be­kleidung der Thüren und Fenster benutzt wird, ist zwar außerordentlich zähe und stark, so daß man es beinahe mit leichtem Banmwollenstosf vergleichen kann, aber es besitzt doch nicht annähernd die Wider­standsfähigkeit des Glases und muß in verhältnißmäßig kurzen Zwischenräumen immer wieder erneuert werden. Dies trägt wesentlich dazu bei, auch den ärm­lichen japanischen Häusern das reinliche, freundliche Aussehen zu geben, welches den Fremden beim Eintritt in japanische Ortschaften angenehm anffällt. Das Papier, welches bis zum Jahre 1859 das Fensterglas ganz allgemein ersetzte, ist gerade durchsichtig genug, um so viel Licht in die Wohnungen gelangen zu lassen, wie nöthig ist, um dort die Ver­richtung der gewöhnlichen Haushaltungs­arbeiten zu gestatten. Die angenehme Halbdämmerung, die in den Zimmern herrscht, ladet zur Beschaulichkeit und Trägheit ein, und der Japaner ist, im Allgemeinen wenigstens, keineswegs ein Mann, der sich durch energische Thätigkeit auszeichnet. Die Handwerker, welche sehr geschickt sind und an gutem, sicherem Ge­schmack mit den besten französischen Ar­beitern wetteifern können, verrichten ihr Gewerbe gewöhnlich bei offenen Thüren und Fenstern. Uebcrhaupt kann das Leben des Japaners nicht als ein geheimniß- volles bezeichnet werden. Er pflegt sogar Vieles bei offenen Thüren und Fenstern zu verrichten, was das europäische An­standsgefühl verletzt. Daher kommt es auch, daß mau dem Japaner häufig vor-

-Erinnernngen.

geworfen hat, schamlos zu sein. Dieser Vorwurf scheint mir jedoch unbegründet.

Die Japaner waren, bis sie mit den Fremden in Verbindung traten, ein harm­loseres Völkchen als die Nationen des Westens; und mancherlei Natürliches, was in civilisirten Ländern schicklicherweise ver­schleiert wird, zeigte sich dort unverhohlen auf offener Straße und am Hellen Tage. Ich will in dieser Beziehung nur eines alten Gebrauches erwähnen, nämlich des Badens von Männern und Frauen in denselben engen Räumen und des Badens von jungen Mädchen und alten Weibern auf offener Straße. Die Japaner pflegten daraus gar nicht zu achten, und die Badenden erregten kein Aergerniß. Seit dem Tage aber, an dem es ihnen auffiel, daß die Fremden ihnen unge­wohnte Aufmerksamkeit zollten, wurden die Bäder auf offener Straße immer seltener, und ich glaube nicht, daß ein Europäer heute noch Grund haben wird, in dieser Beziehung über japanische Scham­losigkeit und Sittenlosigkeit zu klagen. Das Schamgefühl war bei den Japanern im Jahre 1859 nur höchst unvollkommen entwickelt. Eine auffällige Sittenverderb- niß existirte keinesfalls unter ihnen, und nach ihrer Art hatten sie in dem halb­paradiesischen Zustande, in dem sie in ihrer glücklichen Zurückgezogenheit lebten, ebenso viel Zucht und Sitte wie wir.

Das Innere der japanischen Häuser ist sauber und reinlich; auch ist Ordnung und Reinlichkeit leicht aufrecht zu er­halten, denn man findet dort fast keines der bei uns gebräuchlichen Möbel, als da sind Sopha, Tisch, Stuhl, Schrank, Bett. Die Zimmer sind mit Hellgelben Strohmatten bedeckt und beinahe gänzlich leer. Ans der Matte, in der Nähe eines Kohlenbeckens (Chibats), kauert der nu- thätige Japaner, stundenlang ans einer Miniatnrpfeife rauchend und mit anderen, ebenfalls nnthätigen Freunden harmlos plaudernd. Handelt es sich darum, einen Brief zu schreiben oder eine Rechnung auszustellen, so wird aus einer der Nischen, die sich in großer Anzahl in den meisten Zimmern befinden, eine Tafel her­vorgeholt, die einen halben Fuß hocb, einen Fuß breit und Zwei bis drei Fuß lang ist. Der Japaner hockt vor diesem ! Möbel nieder, zieht aus seinem Gürtel