Lindau: Rcise-
findet man die gewöhnlichen japanischen Waaren, hier und da eine hübsche Elfenbein- oder Holzschnitzerei; und wenn man i nicht Kaufmann oder eifriger Sammler ist, so wird man des „8boppin^" bald überdrüssig und sucht sich andere Zerstreuungen in Nagasacki.
Man muß die Tempel, die größten Mia und Tera noch besuchen. Eine Mia ist ein religiöses Gebäude, das dem Sin- toismus, dem alten japanischen Cultus, geweiht ist. Die Tera sind Buddhisten- Tempel. — Wenn man eine Mia und zwei bis drei Tera gesehen hat und die japanische Religion nicht gerade zum Gegenstand eines besonderen Studiums machen will, so ergeht es Einen: mit den religiösen Gebäuden wie mit den Wohnhäusern: man findet kein besonderes Interesse mehr an ihnen. Die Tempel unterscheiden sich in der That auch nur sehr wenig von einander. Die größten unter ihnen sind leidlich besucht. In der Umgebung der kleineren herrscht Einsamkeit. Man findet dort schöne, stille Plätze mit uralten, mächtigen Bäumen, in deren Schatten in: Sommer sanftes Ruhen ist.
Die Mia sind große leere Gebäude, die gar keine Götzenbilder enthalten. Man bemerkt dort einen einsachen polirten Metallspiegel als Symbol der höchstmöglichen Reinheit der Seele, des Körpers und des Lebenswandels, welche die Sinto- religion ihren Anhängern als vornehmstes Gesetz vorschreibt.
In den Buddhisten-Tempeln findet man dein Eingang gegenüber einen Hauptaltar, auf dem eine, zwei oder drei kolossale Figuren ans Holz und zahlreiche kleinere Götzenbilder aufgestellt sind; ferner Weihbecken, Rosenkränze, kleine Glocken, Betstäbe, Leuchter, Lampen, Gebettafeln rc. Der Hauptaltar ist in der Regel reich geschmückt, mit seidenen Decken und Vorhängen versehen und mit den kostbarsten Geräthschaften bedeckt, die sich im Besitz des Tempels befinden. Rechts und links vom Hauptaltar sind Seitenaltare angebracht, die wie jener, aber bescheidener ansgeschmückt sind. In den meisten Tera findet man große Laternen ans Papier; hier und da sieht man auch Aquarelle auf Holz, Seide oder Papier. Einige dieser Bilder stellen einen Schiffbrnch
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oder einen Menschen in Lebensgefahr dar und sind augenscheinlich Weihgeschenke, i Am Eingang der Tera steht ein großer Kasten, in den Jeder, der in den Tempel tritt, einige Kupfermünzen zu werfen pflegt, die zum Unterhalt der den Tempel bedienenden Priester verwandt werden. An der Thür der großen Tera findet man gewöhnlich einen oder mehrere Mönche, welche geweihte Rosenkränze, Bilder der Heiligen, welche im Tempel verehrt werden, und andere religiöse Gegenstände verkaufen.
Die zahlreichen Sinto- und Buddha- Mönche und -Nonnen -- man sagt, daß es deren an Viermalhunderttausend gäbe — erfreuen sich keines besonderen Ansehens und thun wenig, um die Hochachtung ihrer Mitbürger zu verdienen. An: populärsten unter ihnen ist eine Brüderschaft von Blinden, deren Mitglieder über ganz Japan verbreitet sind und das Gewerbe des Massirens mit großer Geschicklichkeit betreiben. Sie gehen des Abends mit einer brennenden Laterne umher, und man erkennt sie schon von Weiten: an ihrem schlürfenden Schritt und an den: schrillenden Pfiff, den sie von Zeit zu Zeit auf einen: kleinen Holzinstrnment ausstvßen. Wem: ein Japaner sich körperlich stark angestrengt hat und Müdigkeit in den Gliedern fühlt, so ist sein erster Gedanke, einen blinden „Bo-san" zu rufen und sich von ihm massiren zu lassen. Diese Mönche treiben sich deshalb auch viel in der Nachbarschaft der Wirthshäuser umher, wo ihre Dienste von vielen der Reisenden in Anspruch genommen werden. —- Vor den anderen Priestern hat das Volk eine Scheu, wie man sie bei uns in: Mittelalter vor Hexen und Zauberern hatte und wie sie heute noch in Italien Mönchen gegenüber existirt.
Lin japanisches Volksfest.
Der japanische Olymp enthält eine bedeutende Anzahl von Göttern und Halbgöttern, und der Kalender ist mit Festtagen reichlich gesegnet. Die größten darunter fallen in den ersten, zweiten und fünften Monat des Jahres. Der Neujahrstag wird wie bei uns gefeiert. Man macht sich Gratulationsvisiten und Geschenke, und der Gebrauch der Visiten-