Heft 
(1881) 295
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Jllustrirte Deutsche Monatshefte.

karten bei dieser Gelegenheit ist in Japan mindestens ebenso verbreitet als bei uns. Im zweiten Monat (Ni-guats) wird das Fest der Frauen, im fünften (Go-guats) das der Männer gefeiert. Den in letzte­rem Monat geborenen Kindern männlichen Geschlechts soll nach japanischem Glauben ein besonderer Glücksstern leuchten. Viele der kleinen Festtage gehen ohne sonder­lichen Prunk vorüber; aber bei den großen, den sogenanntenMadzuri", ist die ganze Bevölkerung in freudiger Aufregung.

Der Zufall wollte, daß während meines Aufenthaltes in Nagasacki das Fest des Stadtpatrons gefeiert und mir Gelegen­heit geboten wurde, der größtenMad­zuri" des Jahres beizuwohnen. Der Gouverneur der Stadt, der mit meinem Wirthe, dem amerikanischen Consul, auf freundschaftlichem Fuße stand, ließ ihm am Tage vor dem Feste sagen, er habe in der Nähe seiner Loge Sitze bereiten lassen, von denen aus wir in aller Be­quemlichkeit den Schauspielen beiwohnen könnten, die in freier Luft zu Ehren des göttlichen Schutzherrn der Stadt aufge­führt werden sollten. Walsh nahm die Einladung an, und am nächsten Tage begaben wir uns rechtzeitig an den be­stimmten Ort. Der Stadttheil, den wir bei dieser Gelegenheit durchschritten, war wie ausgestorben. Die Läden waren ge­schloffen, und die wenigen Japaner, die wir noch erblickten, eilten festlich geschmückt dem Schauplatze zu, wo dieMadzuri" gefeiert werden sollte. Wir fanden, als wir dort ankamen, eine zahlreiche heitere und harmlose Gesellschaft versammelt. Mit jener Höflichkeit, die damals dem Japaner noch angeboren erschien, von der er aber leider während der letzten zwanzig Jahre einen großen Theil eingebüßt hat, beeilte man sich, uns überall Platz zu machen. Es war, als ob sich die Leute sagten:Hier kommen Fremde; wir

wollen sie als Gäste mit schuldiger Zu­vorkommenheit behandeln." So durch­schritten wir einen großen Platz und ge­langten nach einer Tribüne, von der aus mau denselben vollständig übersehen konnte. Ein Offizier erwartete uns am Eingang und führte uns in eine bedeckte Loge, neben der des Gouverneurs und seiner Offiziere gelegen. Im Hintergrund der­selben waren Tische aufgestellt, die mit

! den ansgewähltesten Speisen und Lecker- j bissen der japanischen Küche bedeckt waren: Reis, roher und gekochter Fisch, Eier, Gemüse, Obst, Zuckergebäck, süßer Wein von Osakka, Sakki (Reisbranntwein) und Thee. Kaum hatten wir uns gesetzt, so brachten uns die Bedienten Pfeifen und Tabak. Einige Minuten später erschien ein Offizier in Begleitung eines Dolmet­schers, um Namens des Gouverneurs dafür zu danken, daß wir seiner Einladung Folge geleistet hatten. Darauf blieben wir uns selbst überlassen, um in Ruhe und Behaglichkeit das bunte Schauspiel zu unseren Füßen zu betrachten.

Vor uns befand sich ein weiter, leerer Raum, da die japanische Sitte nicht ge­stattet, daß das Volk sich unmittelbar der Loge des Gouverneurs nähere; und um diesen Raum drängte sich die schau­lustige Menge. Den Kindern hatte man die besten Plätze eingeräumt. Es war ein Vergnügen, diese kleinen Japaner zu sehen; sie waren alle mit vollkommener Sauberkeit gekleidet, und man hatte ihnen die niedlichen Köpfe in putziger Weise srisirt. Hinter den Kindern standen die Eltern und Verwandten: die Männer, Gesicht und Haupt glatt rasirt, in langen dunkelfarbigen Kleidern, die an der Hüfte durch einen schmalen Gürtel (Obi) zu­sammengehalten werden; die Frauen in gefälliger und auffallenderer Tracht. Die schonen Haare, sorgfältig geglättet, waren zu Pyramidalen Frisuren aufgesteift, mit langen, vergoldeten Nadeln geschmückt und um Kämme aus gelbem Schildpatt gewunden. Frauen und Mädchen waren über die Maßen geschminkt und augen­scheinlich ohne jede Absicht, dies zu ver­heimlichen; denn die rothe und weiße Schminke bildet leicht bemerkbare Schich­ten auf Hals und Wangen. Einige be­sonders kokette junge Personen hatten ihre Lippen vergoldet; die bescheideneren sich damit begnügt, dieselben mit Carmin zu röthen.

Die jungen japanischen Mädchen sind sehr anmuthig. Sie haben schöne, kleine, weiße Zähne, prachtvolles, schwarzes Haar, winzige Hände und Füße, sanfte, dunkle Augen und fcingezeichnete Bremen. Sie sind klein und zart, von schlankem, symmetrischem Wüchse und ihre Manieren > dürfen geradezu als vorzüglich bezeichnet