72
Jllustrirte Deutsche Monatshefte.
karten bei dieser Gelegenheit ist in Japan mindestens ebenso verbreitet als bei uns. Im zweiten Monat (Ni-guats) wird das Fest der Frauen, im fünften (Go-guats) das der Männer gefeiert. Den in letzterem Monat geborenen Kindern männlichen Geschlechts soll nach japanischem Glauben ein besonderer Glücksstern leuchten. Viele der kleinen Festtage gehen ohne sonderlichen Prunk vorüber; aber bei den großen, den sogenannten „Madzuri", ist die ganze Bevölkerung in freudiger Aufregung.
Der Zufall wollte, daß während meines Aufenthaltes in Nagasacki das Fest des Stadtpatrons gefeiert und mir Gelegenheit geboten wurde, der größten „Madzuri" des Jahres beizuwohnen. — Der Gouverneur der Stadt, der mit meinem Wirthe, dem amerikanischen Consul, auf freundschaftlichem Fuße stand, ließ ihm am Tage vor dem Feste sagen, er habe in der Nähe seiner Loge Sitze bereiten lassen, von denen aus wir in aller Bequemlichkeit den Schauspielen beiwohnen könnten, die in freier Luft zu Ehren des göttlichen Schutzherrn der Stadt aufgeführt werden sollten. — Walsh nahm die Einladung an, und am nächsten Tage begaben wir uns rechtzeitig an den bestimmten Ort. Der Stadttheil, den wir bei dieser Gelegenheit durchschritten, war wie ausgestorben. Die Läden waren geschloffen, und die wenigen Japaner, die wir noch erblickten, eilten festlich geschmückt dem Schauplatze zu, wo die „Madzuri" gefeiert werden sollte. Wir fanden, als wir dort ankamen, eine zahlreiche heitere und harmlose Gesellschaft versammelt. Mit jener Höflichkeit, die damals dem Japaner noch angeboren erschien, von der er aber leider während der letzten zwanzig Jahre einen großen Theil eingebüßt hat, beeilte man sich, uns überall Platz zu machen. Es war, als ob sich die Leute sagten: „Hier kommen Fremde; wir
wollen sie als Gäste mit schuldiger Zuvorkommenheit behandeln." — So durchschritten wir einen großen Platz und gelangten nach einer Tribüne, von der aus mau denselben vollständig übersehen konnte. Ein Offizier erwartete uns am Eingang und führte uns in eine bedeckte Loge, neben der des Gouverneurs und seiner Offiziere gelegen. Im Hintergrund derselben waren Tische aufgestellt, die mit
! den ansgewähltesten Speisen und Lecker- j bissen der japanischen Küche bedeckt waren: Reis, roher und gekochter Fisch, Eier, Gemüse, Obst, Zuckergebäck, süßer Wein von Osakka, Sakki (Reisbranntwein) und Thee. Kaum hatten wir uns gesetzt, so brachten uns die Bedienten Pfeifen und Tabak. Einige Minuten später erschien ein Offizier in Begleitung eines Dolmetschers, um Namens des Gouverneurs dafür zu danken, daß wir seiner Einladung Folge geleistet hatten. Darauf blieben wir uns selbst überlassen, um in Ruhe und Behaglichkeit das bunte Schauspiel zu unseren Füßen zu betrachten.
Vor uns befand sich ein weiter, leerer Raum, da die japanische Sitte nicht gestattet, daß das Volk sich unmittelbar der Loge des Gouverneurs nähere; und um diesen Raum drängte sich die schaulustige Menge. Den Kindern hatte man die besten Plätze eingeräumt. Es war ein Vergnügen, diese kleinen Japaner zu sehen; sie waren alle mit vollkommener Sauberkeit gekleidet, und man hatte ihnen die niedlichen Köpfe in putziger Weise srisirt. Hinter den Kindern standen die Eltern und Verwandten: die Männer, Gesicht und Haupt glatt rasirt, in langen dunkelfarbigen Kleidern, die an der Hüfte durch einen schmalen Gürtel (Obi) zusammengehalten werden; die Frauen in gefälliger und auffallenderer Tracht. Die schonen Haare, sorgfältig geglättet, waren zu Pyramidalen Frisuren aufgesteift, mit langen, vergoldeten Nadeln geschmückt und um Kämme aus gelbem Schildpatt gewunden. Frauen und Mädchen waren über die Maßen geschminkt und augenscheinlich ohne jede Absicht, dies zu verheimlichen; denn die rothe und weiße Schminke bildet leicht bemerkbare Schichten auf Hals und Wangen. Einige besonders kokette junge Personen hatten ihre Lippen vergoldet; die bescheideneren sich damit begnügt, dieselben mit Carmin zu röthen.
Die jungen japanischen Mädchen sind sehr anmuthig. Sie haben schöne, kleine, weiße Zähne, prachtvolles, schwarzes Haar, winzige Hände und Füße, sanfte, dunkle Augen und fcingezeichnete Bremen. Sie sind klein und zart, von schlankem, symmetrischem Wüchse und ihre Manieren > dürfen geradezu als vorzüglich bezeichnet