Lindau
werden. In ihrer Art zu grüßen, zn danken, zn bitten ist eine abgerundete, gefällige Höflichkeit, wie man sie bei uns nur in den besten Elasten der Gesellschaft findet. Wenn man sieht, wie die einfachen Bürgerstöchter sich mit Verbeugungen bis zur Erde, mit gewinnendem Lächeln und artigen Worten begrüßen; wenn man hört, wie sie im Vorübergehen „Nu-pwa Aomsn k>88nä" flüstern, für eine illusorische Störung um Verzeihung bittend, so drängt sich jedem Unbefangenen die Bemerkung auf, daß das japanische Volk in seiner großen Mehrheit aus außerordentlich wohlerzogenen Menschen zusammengesetzt ist.
Plötzlich erhebt sich großer Lärm. Die Menge lichtet sich und macht einem Trupp herumziehender Bänkelsänger Platz. Die Einen spielen die Pfeife, Andere die dreisaitige Guitarre (Sam-sin) oder schlagen die Pauke. Mehrere sind mit Werkzeugen und Brettern beladen. Endlich kommen drei große Männer, von denen ein jeder ans den Schultern rittlings ein wunderlich geschminktes und herausgepntztes Kind trägt. In wenigen Augenblicken haben die Maschinisten die Bretter ausgeschlagen, die Decorationen aufgestellt und die ganze Bühne hergerichtet. Die Handlung des Schauspiels, dem ich beiwohnen soll, wird inmitten eines Gartens vor sich gehen. Ich erblicke Buschwerk, Bäume, ein kleines Haus, Ackergeräthschaften rc. Die Musikanten haben ihre Plätze eingenommen, die Kinder recken und strecken sich auf der improvisirten Bühne und überlassen es den Männern, von deren Schultern sie herabgestiegen sind, das, was an ihrer Toilette etwa in Unordnung gerathen ist, wieder herzustellen. Der Director steht auf seinem Posten; drei Schläge auf der großen Pauke geben das Signal, und die Vorstellung beginnt.
Uebcr den literarischen Werth des Stückes, das man gab, muß ich mich jedes Urtheils enthalten. Es war, wie ich mich erinnere, ein Gewebe von langathmigen Declamationen und Unwahrscheinlichkeiten. Eine Sache fiel mir besonders auf, nämlich die unerschütterliche Ruhe und Sicherheit der jungen Schauspieler, die sich durch nichts aus der Fassung bringen ließen. Sic sprachen und spielten ohne die geringste Spur von Scheu und Verlegenheit, wie ein Kind, das eine Fabel auswendig
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gelernt hat, diese vor nachsichtigen Verwandten und Freunden hersagt und sicher ist, damit zu gefallen. Das erste Drama war sehr einfach. Ein junger Mann macht einem jungen Mädchen eine Liebeserklärung; das verliebte Paar wird von einem Greise überrascht. Es folgt ein heftiger Auftritt. Die beiden Männer ziehen blank und kreuzen die Säbel. Dabei überschütten sie sich mit Injurien. Das junge Mädchen schluchzt und weint, bis es sich plötzlich erhebt und den Greis von hinten meuchlings überfällt. Dieser taumelt und sinkt zn Boden; der Liebhaber versetzt ihm den Gnadenstoß. Gleich darauf erscheint der Getödtete aber wieder unter dem Costüm einer Gottheit und segnet das junge Paar. Sodann lassen es sich alle Drei angelegen sein, den glücklichen Tag durch einen Tanz zu feiern, dessen Ausgelassenheit sich mit dem wachsenden Lärm des Orchesters steigert. Plötzlich verstummt die Musik, und mit ihr hört der Tanz ans. Die Kinder steigen wieder ans die Schultern ihrer Träger, das Theater wird abgebrochen und die kleine Gesellschaft zieht mit klingendem Spiel aus und davon. Sie macht einer neuen wandernden Truppe Platz, um ihr kleines Drama vor anderen Zuschauern aufzuführen, die an einem entlegeneren Punkte der Stadt auf diesen Genuß warten. Eine jede Vorstellung dauert etwa zwanzig Minuten, das Aufschlagen und Abbrechen der Bühne mit eingerechnet. Die Pause zwischen den Vorstellungen der einen und der anderen ambulanten Truppe währte kaum zehn Minuten. Seit neun Uhr Morgens hatte das Publikum schon mehr denn ein Dutzend dramatischer Gesellschaften bewundert und war darauf vorbereitet, bis zu Sonnenuntergang noch einige zwanzig vorübermarschiren zn sehen.
Nachdem wir fünf dieser Aufführungen beigewohnt hatten, die sich alle darin glichen, daß die Rollen drei darstellenden Kindern anvertraut waren, verließen wir das Schauspiel, um andere Belustigungen der großen „Madzuri" iu Augenschein zu nehmen. Wir verabschiedeten uns vom Gouverneur, der einen seiner Offiziere beauftragte, uns durch das Gewühl bis zum Circus zu begleiten, wo eine berühmte Truppe von „starken Männern" Vorstellungen angekündigt hatte. Aus dem
Rcisc-Eriu neru ngeu.