Heft 
(1881) 295
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Lindau: Reise-Erinnerungen.

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verschnaufen. Dann, unter den stürmischen Beifallsrufen der Menge, die allen Phasen des Kampfes mit fieberhafter Aufregung gefolgt war, packten sich die beiden Man-! ner. Einige Secunden laug, Brust gegen Brust, die Arme umschlungen, die Beine gespreizt, standen sie unbeweglich. Darauf schoben sie sich schwerfällig, mit gewaltiger Kraftanstrengung, hin und her, ohne sich jedoch erheblich vom Mittelpunkte der Estrade zu entfernen, bis es endlich dem Einen gelang, seinen Gegner von der Erde zu heben. Er hielt ihn einige Secunden schwebend in der Luft, schleppte ihn keuchend bis an den Rand der Estrade und schleuderte ihn dann gewaltsam in die Reihen der übrigen Ringer, die auf- gestanden waren und dem Kampf, wenn auch nicht mit dem Jnteresfedes Publikums, so doch mit einer gewissen Neugier, zuge­sehen hatten. Schwer athmend, in Schweiß gebadet, trat darauf der Sieger in die Mitte der Arena zurück, grüßte wie bei seinem Antritt, indem er die Arme über den Kopf erhob, und zog sich unter lautem Beifallssturm zurück.

Die japanischen Athleten, S'mos ge­nannt, bilden eine besondere Kaste. Sie genießen eines gewissen Ansehens; die kleinen Bürger sind stolz darauf, in ihrer Gesellschaft gesehen zu werden, und laden sie nicht selten ein, bei ihnen zu schmausen. Selbst die Edellente verschmähen ihren Umgang nicht. Die Reichen und Mächtigen des Landes nehmen sie in ihre Dienste und lassen sich von ihnen als Leibgarden auf ihren Reisen begleiten. Es sind im Allgemeinen freche Burschen, die mit Verachtung auf ihre leichteren Mitmenschen herabblicken.

Es giebt verschiedene Ringergesell­schaften. Der Stärkste einer jeden ist gleichzeitig auch ihr Chef. Er besitzt wie die Helden des englischenRing" einen Ehrengürtel, der ihm gewöhnlich von dem Herrn seines Geburtslandes geschenkt worden ist und mit dem er sich bei dem Beginn und nach der Beendigung einer jeden Festlichkeit schmückt. Das Ringen als Prosession ist nicht gewerbefrei; ein jeder Ringer muß einer bestimmten Ge­sellschaft angehören und sich mit dem ihm gezahlten Lohne begnügen. Die Führer der Ringergesellschaften haben Offiziers­rang und waren früher berechtigt, wie

alle anderen japanischen Edelleute, zwei Schwerter zu tragen. Sie reisen mit ihren Gesellschaften im Lande umher und verweilen in den Hauptstädten der ver­schiedenen Provinzen, um dort Vorstellun­gen zu geben. Sie scharren viel Geld zusammen, denn die Japaner sind leiden­schaftliche Verehrer von gymnastischen Schauspielen.

Nachdem wir eine Stunde im Cirens verbracht und mehreren Wettkämpfen bei­gewohnt hatten, machten wir uns ans den Heimweg. Der Tag nahte seinem Ende, und die Straßen waren leer; aber aus vielen der Häuser, an denen wir vorüber- gingen, erscholl fröhlicher, wenn auch nicht gerade melodischer Gesang. Die Japaner haben ein feines musikalisches Gehör und singen ihre nationalen Weisen von eigen- thüinlicher Melodie und complieirtem Rhythmus in so vollkommenem Einklang, daß es in geringer Entfernung von den Musicirenden schwer und oft gar nicht möglich ist, zu erkennen, ob man den Ge­sang von einem oder von mehreren Men­schen hört; aber die Lieder sind nach unse­ren Begriffen nicht melodisch zu nennen, und die hohen, langgezogenen, bis zum Meckern tremulirenden Fisteltöne, für welche die Japaner eine ganz besondere Vorliebe zu haben scheinen, sind dem euro­päischen Ohr. befremdlich, wenn nicht ge­radezu unangenehm. Mit der Zeit, in sehr kurzer Zeit sogar, gewöhnt man sich aber vollkommen daran. Walsh fragte mich, ob ich Lust verspüre, einem japanischen Concert und Ballet beizuwohnen, und führte mich demnächst in ein großes, wohl- renommirtes Theehaus, wo wir an der Thür von einer alten Frau, derObasan", empfangen wurden. Diese geleitete uns in einen geräumigen, leeren Saal, der durch einige Papierlaternen und matt- brennende japanische Lichter spärlich er­leuchtet war.

In der einen Ecke des Saales kauerte auf der reinlichen Matte, die den Fuß­boden bedeckte, ein anständig gekleideter Europäer. Er hatte ein niedriges Tischchen vor sich, auf dem ein einfaches Mahl an­gerichtet war, und blies aus einer kurzen japanischen Pfeife nachdenklich dicke Rauch­wolken vor sich hin. Er begrüßte uns durch ein leichtes, aber artiges Kopfnicken und bekümmerte sich dann nicht weiter