Heft 
(1881) 295
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um uns. Es war so auffallend ruhig in demBergnügungsorte" und der stille einsame Manu in der Ecke machte einen so befremdlichen Eindruck, daß Walsh und ich unsere Stimmen dämpften und unsere Unterhaltung flüsternd fortsetzten.

Nach wenigen Minuten erschienen sechs Gheko (weibliche Musikanten) und zwei Odoori (Tänzerinnen). Sie begrüßten uns nach japanischer Sitte, indem sie niederknieten und den Kopf bis zum Fuß­boden neigten. Dann wurden die drei­saitigen Guitarren, welche die Gheko mit­gebracht hatten, gestimmt, und die Vor­stellung begann. Von der Musik kann ich nicht viel mehr sagen als von den ja­panischen Liedern. Die barbarischen Wei­sen waren mir aber nicht mehr befremd­lich, und ich lauschte ihnen nicht ohne ein gewisses Vergnügen. Die japanischen Ideen von Grazie sind grundverschieden von den unserigen. Die Tänzerinnen, die eine Art von Pantomime ansführten, bei der der Fächer und die Schärpe eine große Rolle spielten, bewegten sich Automaten gleich mit bewunderungswürdiger Sicher­heit und Präcision. Sie schritten oder schlichen vielmehr mit einwärts gedrehten Füßen und gebogenen Knieen hin und her, und ihre Bewegungen, die übrigens immer züchtig blieben, waren nach unseren Schön- heitsbegrisfen in hohem Grade grotesk. Auffällig war auch der geschäftsmäßige Ernst, mit dem der Tanz ausgeführt wurde.

Der stille Fremde in der Ecke hatte sich dem Schauspiele zugewandt und be­obachtete es aufmerksam und ohne eine Miene zu verziehen. Ich konnte nun, nachdem sich mein Auge an das Halb­dunkel gewöhnt hatte, sein Gesicht er­kennen. Es war mir bekannt: ein mildes und trauriges Gesicht, das man so leicht nicht wieder vergaß, wenn man es ein­mal gesehen hatte.

Der Mann war ziemlich groß, hager und von vornehmen: Anstand. Er hatte schlichtes braunes Haar, das wie Seide glänzte, sanfte blaue Augen und sah aus wie Einer, dem großes Leid widerfahren und der trostbedürftig ist, aber der Nie­mand in sein Leben einweihen mag und dessen schwere Last allein tragen will.

Als das Concert und der Tanz beendet waren, erhob er sich geräuschlos, bezahlte seine Zeche, nickte den anwesenden Mäd-

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chen freundlich, aber nicht etwa vertrau­lich zu und verließ den Saal mit einer stummen, höflichen Verbeugung, die meinem Begleiter und mir galt. Wir folgten ihm und sahen ihn gesenkten Hauptes auf der langen und zu jener Stunde verödeten Straße dahinschreiten, die von Nagasacki nach Oora führt. In der Nähe von Walsh's Wohnung verloren wir ihn ans den Augen.

Ich war dem Manne häufig ans mei­nen Spaziergängen begegnet, und wenn­schon ich nicht einmal einen Gruß mit ihm gewechselt, so hatte ich doch eine gewisse Sympathie für den einsamen Menschen gefaßt. Er war ein Schotte und nannte sich Alexander Aoung. Das war so ziemlich Alles, was man in Nagasacki von ihm wußte. Ein holländischer Schiffs- capitän hatte ihn vor mehreren Monaten in Batavia kennen gelernt und für ein billiges Passagegeld mit nach Japan genommen. Während der Reise hatte Alexander Ionng das Wohlwollen des Capitäns hauptsächlich dadurch gewonnen, daß er ihm bei Tische, ohne ein Wort zu sprechen, Stunden lang gegenüber gesessen und eine Flasche nach der anderen geleert hatte. Capitän Voß hatte eine gründliche Verachtung für Leute, die ihren Wein nichttragen" können. Er bezeichnte seinen Passagier, Herrn Aonng, wie er ihn respektvoll, mit besonderem Nachdruck auf das WortHerr", nannte, als den angenehmsten Trinker", der ihm in sei­nem vielbewegten Leben begegnet sei.

Wenige Tage nach seiner Ankunft in Nagasacki hatte Doung ein kleines japa­nisches Haus gemiethet und sich dann Monate lang in Oora und Deeima um­hergetrieben, ohne auch nur den Versuch zu machen, sich bei den leichten Geschäften zu betheiligen, die damals manchen der fremden Kanflente in kurzer Zeit znm wohlhabenden Mann machten. Bei schönem Wetter war Ionng nur selten in der Stadt zu erblicken. Er zog dann früh Morgens in die Berge und kehrte erst mit einbrechender Nacht von seinen einsamen Spaziergängen zurück. Walsh, ein wohlwollender Mann, hatte ihn vor den Gefahren solcher Wanderungen gewarnt. Man begegnete damals viel fremdenfeind- lichen Japanern in der Nähe der neu er- öffneten Vertragshäsen und mußte stets