77
Lindau: Reise
eines Anfalls von ihnen gewärtig sein. — Aoung hatte Walsh gedankt und gesagt, er werde seine Warnung berücksichtigen; aber das waren leere Worte gewesen, und er hatte nichts an seiner Lebensweise geändert. — Stürmte es, so war sein Lieblingsplatz am äußersten Ende des Hafendamms, wo er, unbekümmert um den sprühenden Gischt, Stunden lang verweilte und unverwandt in die wüthende See hinausschaute.
Walsh hatte ein eigenthümliches Wohlwollen für Joung gefaßt und ihm zu verschiedenen Malen deutlich zu verstehen gegeben, daß er ihm gern in irgend einer Weise nützlich sein würde. Einmal hatte er ihm sogar eine gut bezahlte Stelle als Buchhalter angeboten. Aonng hatte geantwortet, er erwarte Briefe, die seine sofortige Abreise nothwendig machen würden, und könne deshalb keine feste Stellung annehmen. — Seitdem waren Monate vergangen. Walsh hatte sein Anerbieten nicht wiederholt, und auch Joung war nicht darauf zurückgekommen, aber er bezeugte Walsh seine Dankbarkeit, indem er ihn vor allen anderen fremden Einwohnern von Nagasacki dadurch auszeichnete, daß er ihm von Zeit zu Zeit einen formellen Besuch abstattete.
Der Tag nach der großen Madzuri war drückend heiß. Die schwere, schwüle Luft hatte auch Walsh und mich ermüdet, und wir hatten uns nach dem Essen ans bequemen Sesseln auf der Veranda ausgestreckt und waren dort eingeschlafen. Gegen zehn Uhr wurde ich durch ein halblautes Anschlägen des Hundes geweckt, der sich mit uns aus die Veranda zurückgezogen hatte. Walsh beruhigte das Thier, und ich hörte, wie Jemand leichten, langsamen Schrittes in das Haus trat. Gleich daraus erblickte ich Zjoung's Gestalt im Salon. Er sah sich schüchtern um und wollte sich augenscheinlich wieder zurückziehen, da das Zimmer leer war, als Walsh's Stimme sich vernehmen ließ:
„Kommen Sie heraus, Herr Aouug! Es ist hier kühler als drinnen. — Es freut mich, Sie zu sehen."
Aoung trat näher und begrüßte uns, aber er blieb in der Flügelthür, die vom Salon auf die Veranda führte, stehen und lehnte sich dort an einen Pfosten.
„Setzen Sie sich doch," fuhr Walsh fort.
Erinnerungen.
„Nein," antwortete Ponng; „ich bin nur gekommen, um von Ihnen Abschied zu nehmen, i^ie Briefe — Sie wissen, die Briefe, die ich so lange erwartete — sind nun eingetroffen... Ich bin recht froh, daß ich endlich nach Hause gehen kann..."
Es war etwas unbeschreiblich Trauriges in der Stimme und in dem ganzen Wesen des Mannes. Walsh wollte ihm in irgend einer Weise sein Wohlwollen bezeugen.
„Sie wissen," sagte er, „daß die Stelle, die ich Ihnen neulich anbot, noch heute frei für Sie ist. — Wollen Sie Ihr Glück nicht bei mir Prokuren?"
Joung schwieg einen Augenblick. Dann schüttelte er den Kopf. „Ich habe mir die Sache reiflich überlegt," sagte er; „seit Monaten denke ich daran ... es ist schon besser, daß ich gehe. Japan ist ein schönes Land — aber offen gesagt, ich langweile mich hier ... und seit den letzten Tagen bin ich recht müde geworden."
Eine Pause trat ein. Dann fuhr Pouug leise fort, indem er Walsh's großem Hunde, der sich ihm genähert hatte, sanft den Kopf streichelte: „Ich glaube, es ist ein Taifun in der Luft. Ich fühle mich wie zerschlagen. Ich bin nie in meinem Leben so müde (mit schwerem Ausdruck aus das Wort „so") gewesen wie heute. — Und deshalb will ich mich jetzt nach Hause begeben, denn ich habe noch Manches zu ordnen vor meiner Abreise ... und ich möchte bald schlafen gehen. .. Morgen bin ich schon weit von hier ..."
Er blickte mit seinen großen, traurigen Augen starr in die dunkle Nacht hinaus, als erspähe er dort das Ziel der Reise, die er antreten wollte. Dann sprach er noch leiser weiter:
„Ich habe wohl gemerkt, daß Sie mir freundlich gesinnt sind ... Sie und Ca- pitän Voß.. . Capitän Voß war auch immer sehr gut für mich... Ich werde ihn wohl nicht Wiedersehen. Grüßen Sie ihn von mir. — Gute Nacht, Herr Walsh; angenehme Ruhe!"
Er wandte sich zögernd ab. Es war, als habe er noch etwas auf dem Herzen; — aber er behielt es für sich.
„Kann ich irgend etwas für Sie thun?" fragte Walsh sanft aufmunternd.
Jouug schüttelte noch einmal den Kopf,