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Jllustrirte Deutsche Monatshefte.
Ceiitreu, welche bis dahin das Monopol besaßen, haben sich fort und fort andere gesellt: von Europa sind die Weltausstellungen nach Amerika und Australien verpflanzt worden, und Niemand würde sich wundern, wenn demnächst von Bombay oder Aeddo, von Alexandrien oder Capstadt aus an die Völker des Erdballs Einladungen zum friedlichen Wettkampf ergehen sollten. — Man forderte weiter die Aufstellung gewisser Schranken, damit die allgemeinen Ausstellungen im Sinne der ersten Londoner treue Bilder der jeweiligen gewerblichen und künstlerischen Production sein könnten, nicht aber zu internationalen Volksbelustigungen würden, deren Kosten die Industrie zu bestreiten hätte; und thatsächlich haben sie, mindestens bis zum Jahre 1878, immer mehr von eben diesem perhorrescirten Charakter angenommen, und ist das Miß- verhältniß zwischen den Opfern, welche die Industrie bringen mußte, und dem Gewinn derselben ein immer schwereres geworden.
Glänzender Erfolge hat sich also die Reformpartei nicht zu rühmen, und selbst wo einzelne Punkte ihres Programms erfüllt worden sind, kann sie entweder nicht sich das Verdienst zuschreiben oder hat sie doch keine Freude an der Art, wie der ansgestreute Samen aufgegangen ist. Es ist wahr, in mancher Beziehung hat eine nüchternere Betrachtungsweise die Oberhandgewonnen. Die Illusion, daßMinerva den Mars entwaffnen werde, wie man sich gern poetisch ansdrückte, daß die Völker künftig anstatt mit Kanonen nur noch mit Arbeitsmaschinen gegen einander zu Felde ziehen werden: diese Illusion aus den Frühlingstagen des Ausstellungs- Wesens wagt jetzt Niemand mehr Anderen, geschweige sich selbst auszuspielen. Aber diese Aufklärung verdankt man nicht den Deduktionen der Reformer, sondern dem Argument, daß drei Jahre nach der ersten Weltausstellung die noch nicht abgelanfene Periode der großen Kriege ihren Anfang nahm. Und wenn in den letzten Sommern Jemand auf einer Reise durch Europa täglich eine andere Industrieausstellung besuchen konnte, so war bei dem Rufe nach Pflege der Regional- und Fachausstellungen eine derartige Fruchtbarkeit weder erwartet noch gewünscht worden.
Hiernach hat es den Anschein, als sei die Resormpartei von den Thatsachen fast vollständig verleugnet worden. Und dennoch ist dem keineswegs so. Jede Niederlage hat sich noch schließlich in einen Triumph für sie verwandelt, indem ihr Scharen neuer Anhänger zuströmten. Jeder will die Erfahrung persönlich und in der Regel mehr als einmal gemacht, die Hände in die eigenen Wunden gelegt haben, bevor er sich bekehrt. Vorher calcnlirt er nämlich: ich werde es gescheidter einrichten als die Anderen, ich werde mir deren Erfahrungen zu Nutze machen. Und wirklich hat sich neuerdings wiederholt gezeigt, daß die Lehren der Vergangenheit nicht ganz verloren gewesen sind. Man geht bei der Aufstellung der Präliminarien vorsichtiger zu Werke, richtet sich so ökonomisch ein, daß schon bei einem nur halbwegs günstigen Erfolge der Ausstellung der Aufwand gedeckt werden muß, und anstatt des sonst herkömmlichen Deficits können die kleineren Unternehmungen jetzt meistens einen Ueberschuß answeisen. Das ist recht erfreulich. Aber das Deficit, welches gewöhnlich aus dem Staats- oder Gemeindesäckel gedeckt werden mußte, war doch nur einer von den vielen Beschwerdepunkten, und wenn dieser eine aus der Welt geschafft ist, darf uns das nicht gegen das Fortbestehen der ernsteren und schwereren Bedenken blind machen. Wir dürfen nicht vergessen, daß in dieser Angelegenheit das Wohl und Wehe der Industrie allein maßgebend ist, und daß bei einem guten Rechnungsabschluß des einzelnen Unternehmens das große Ganze dennoch geschädigt sein kann. Deshalb ist die Frage weder zu ignoriren noch auch leichten Sinnes zu erledigen, etwa mit dem Votum: Man lasse die Dinge gehen, wie sie wollen; wenn jede Stadt ihren Ehrgeiz befriedigt, ihre Ansstellnngslust gebüßt hat, so wird die Mode erlöschen wie jede andere. So kann man sich die Frage nicht vom Halse schaffen, einmal weil, wie gesagt, die Industrie die Kosten des Experiments zu tragen hätte, und zweitens, weil eben im Interesse der Industrie gewünscht werden muß, daß das Ausstellnngswesen nicht wie eine alte Mode, deren die Welt überdrüssig geworden, bei Seite geworfen werde. Vielleicht werden in Zukunft die Productions- und