Heft 
(1881) 295
Seite
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Jllustrirtc Deutsche Monatshefte.

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mein erinnerlich sein wird, als etwas ganz Unerhörtes das größte Aufsehen und wurde wie eine flagrante Verletzung der internationalen Anstandsgesetze besprochen. Sehr bald nrtheilte man allerdings ruhiger, und gegenwärtig wird wohl kaum noch bestritten, daß es ein Verdienst uni die Allgemeinheit war, in das Herkommen Bresche zu legen. Bisher wurde dem einzelnen Staate die Befugniß einge­räumt, der ganzen Welt eine Steuer auf­zuerlegen, eine Steuer, welche zum Theil von den Staaten direct, zum Theil von den Industrien der Länder geleistet wer­den mußte; jetzt reclamirt man für sich das Stenerbewilligungsrecht. Anerkannt war das letztere zwar jederzeit, ausgeübt aber wurde es nie. Der Gang der Dinge war, wir wiederholen es, fast immer der­selbe. Irgendwo fand man die Veran­staltung einer großen Ausstellung oppor­tun; überall sonst kam der Einfall unver- muthet und ungelegen.Schon wieder!" seufzten die Gewerbtreibenden;kaum haben wir uns von der letzten erholt, die Wunden, die sie uns geschlagen, sind noch nicht vernarbt; laßt uns in Ruhe, wir bedürfen derselben." Aber die Personen, welche nicht bloß den Namen für solche Unternehmungen hergeben, sondern das Beste für dieselben thun, die Ausstellungs­objecte machen sollen, die sind selten geneigt oder geeignet, auch das laute Wort zu führen und lassen es nur zu oft geschehen, daß über ihre Köpfe und ihre Taschen hinweg verhandelt und entschieden wird. Es ist ja begreiflich, daß Jemand, der so wenig persönlichen Einsatz zu lei­sten hat, wie er persönlichen Vortheil er­wartet, geneigter ist, die Dinge vom höheren" Standpunkte aus zu betrach­ten und zu übersehen, daß das allgemeine Beste, dessen Sache er gegenüber den Sonderiuteresseu zu vertreten meint, doch schließlich die Summe aller Sonderinter- efseu ist.

Wer nur't, was er selbst will essen,

Der't mit einer Todtenhand,"

mahnt uns ein Dichter. Aber wollte man immer nur für die Zukunft säen, so würde die Gegenwart Mangel leiden. Genug, Idealisten von weitem Blick, welchen das Nächstliegende zu gering und gemein ist, und Personen, welche sich von Interessen, aber nicht denen der Industrie,

leiten lassen, pflegen sich enthusiastisch jeder, neuen Ausstellungsidee zu bemei- stern und so lange und so beredt ausein- anderznsetzen, daß die Machtstellung, die diplomatischen Beziehungen, die Ehre, der Credit des Staates, die Zukunft der In­dustrie rc. rc. die Betheiligung erheischen, bis endlich die Regierungen dem entschie­denen Verlangen der öffentlichen Mei­nung nicht länger widerstehen können; und ist einmal officiell die Betheiligung proclamirt, so folgen die Aussteller halb willig, halb gezwungen, zuletzt sich mit dem Spielertrost beschwichtigend, daß Niemand die Chancen Voraussagen könne, daß möglicherweise dieses eine Unterneh­men für die früheren Entschädigung brin­gen werde. Und gerade über dieses Rai- sonuement darf man sich am wenigsten wundern, denn etwas von einer Lotterie hat ja jede große Ausstellung an sich: ungünstige Witterung, Krankheiten, ein kleines Wölkchen am politischen Horizont können alle Mühen und Arbeiten von Jahren schon um die Möglichkeit des Er­folges betrügen.

Und jahrelange Mühen und Arbeiten werden unter allen Umständen erfordert. Früher spiegelte man sich gern vor, ein Jeder solle herznbringen, was er täglich inacht, nicht im Feierkleide, sondern im Werktagskittel solle sich die Arbeit zeigen. Das war allerdings die ursprüngliche Idee, allein die Größe und die rasche Folge der Ausstellungen haben diese Idee längst antiquirt. Die großen Massen des Publikums, welche sich einfiuden müssen, mn nur einigermaßen den Aufwand einer Weltausstellung zu decken, wollen ja nicht Fachstudien machen, sondern schauen, unterhalten sein, in dem großen Bilder­buche blättern. Und der Zuwachs an Bildung, welcher von den Ausstellungen mitgebracht wird, kann durchschnittlich auch nicht höher veranschlagt werden als der Gewinn aus dem Durchblättern illn- strirter Prachtwerke. Die Weltausstel­lungen gleichen auch darin schon den alten Messen, daß der Besucher betäubt wird von dem gleichzeitigen Eindringen aller möglichen Effecte. Wie dort die Stimmen der Verkäufer und alle erdenk­lichen musikalischen Prodnctionen durch einander tönten, so schreien hier Formen und Farben um die Wette, und wer keine