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Zeit, zu entäußern. Mag der Gemeingeist noch so lebendig, mag Jemand noch so empfänglich dafür sein, seine Schätze allgemein bewundert zu sehen, schließlich hat doch der Kunstfreund seine Sachen für sich selbst, will selbst Genuß an denselben haben, so oft es ihm beliebt, und übrigens werden dergleichen Dinge durch wiederholtes Ein- und Anspacken, Verschicken u. s. w. bekanntlich nicht gerade besser.
Alle diese Betrachtungen spitzen sich also darauf zu, daß die absolute Ausstellungs- sreiheit einiger Einschränkung bedarf.
Dabei ist das leidige Capitel der Preis- vertheilung noch gar nicht berührt worden, und doch kann es nicht mit Stillschweigen übergangen werden. Ein leidiges Capitel; denn ist bis dahin Alles in Frieden nnd zur Zufriedenheit verlaufen, gewährt die Ausstellung ein gutes Bild, wird sie zahlreich besucht und ausgiebig belobt und bleibt es nicht beim Lobe allein, werden sogar Geschäfte gemacht, so zerstört die Jury die ganze Harmonie. Das liegt an der Zusammensetzung der Jury, wird man sagen. Aber heute mehr als je sind wir berechtigt, zu behaupten, daß jede Jury ohne Ausnahme dasselbe Resultat habeu wird. Und den Grund dafür glauben wir vor Allem darin suchen zu müssen, daß sehr bald das Wesen eines Preisgerichtes aus den Augen verloren wurde.
Bis zum Ueberdruß oft sind unsere Industrie-Ausstellungen mit den olympischen Spielen verglichen worden, das gegenseitige Prüfen und Messen der Kräfte, der Wetteifer, der Wettkampf, das Ringen um den Preis sind stehend in der Ausstellungsphraseologie, ohne daß man dabei an eine besondere Aehnlich- keit sich zu erinnern scheint, den Umstand nämlich, daß die Festspiele ursprünglich einen politisch-patriotischen Zweck hatten, die Jugend Griechenlands aneifern sollten, die Kräfte zu üben für den Dienst des Vaterlandes, mit der Zeit aber hauptsächlich zu Schaustellungen, zu Gelegenheiten wurden, durch Virtuosität in der Gymnastik zu glänzen. Wie dem aber sei, für die Wetteifernden, die Ringenden gab es nur einen Preis, Einer nur konnte in jedem Kampfe der Sieger sein, den Kranz von frischen Oelzweigen davon-
ssteltungs-Frage.
tragen. Die moderne Jury hingegen hat nicht Einen als den würdigsten Bewerber um einen bestimmten Preis zu bezeichnen, sondern alle Bewerber zu censiren. Und das ist eine viel gehässigere Aufgabe, als wenn sie nur Einen auswählen müßte, so wenig sie auch in dem letzteren Falle den Anfeindungen und Verdächtigungen entgehen würde. Durch das Vermehren der Preise meinte man die Schwierigkeiten zu verringern und hat sie nur vergrößert. Ausgezeichnet wird jetzt eigentlich nur Derjenige, für welchen die Juroren gar keinen Preis übrig hatten. Und während dieser Leerausgegangene sich in seinen natürlichen Ausstellerrechten verletzt fühlt, da er für all' seine Arbeit und seine Ausgaben, und weil er nichts verkauft hat, doch wenigstens eine Anerkennung glaubte verlangen zu können — wird man unter den Betheiligten nur schwer Befriedigte entdecken. Wem ein niederer Preis zugesprochen wurde, der verlangt den ersten, und wer den ersten hat, möchte ihn allein haben. Das Verhalten des Durchschnittsausstellers (wenn ich so sagen darf) zur Jury erinnert an die Anekdote von dem heirathslustigen Mädchen, welches zum Pfarrer fprach: „Rathe mir gut, aber rathe mir nicht ab." So würden, gleiche Offenherzigkeit vorausgesetzt, die Juroren unzählige Mal zu hören bekommen: „Be- urtheile mich gerecht, das heißt fo, wie ich beurtheilt zu werden wünsche." Daß die Angelegenheit sich solcherart entwickelt hat, darf uns nicht Wunder nehmen, nachdem anstatt eines Preises für das Höchste Censureu der verschiedensten Grade eingeführt waren, auf den internationalen Ausstellungen die Juroren aus der Stellung eines unparteiischen Richters in die eines Anwaltes des betreffenden Landes gedrängt und dadurch die Preisvertheiluug zum Resultat der Kämpfe, Compromisse und Jntriguen von nationalen Parteien geinacht wurden und in kleineren Verhältnissen vollends eine Menge von Rücksichten zum Wort gelangt waren, welche mit der Sache gar nichts zu thun haben.
Nicht wundern dürfen wir uns über diese Gestaltung, aber deshalb muß doch anerkannt werden und wird auch allgemein anerkannt, daß dieser Zustand ein höchst unerfreulicher, der Sache uachtheiliger ist. Diese Erkenntniß hat eben zu einer un-