Heft 
(1881) 295
Seite
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Bücher: Die Ausstellungs-Frage.

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zu übernehmen; sie mochten nicht über Ihresgleichen zu Gericht sitzen oder, wie Jemand sich ansdrückte, nicht einer dem anderen in die Tasche gucken. Und diese waren die weiseren gewesen, denn der Dank, welchen weniger vorsichtige einheimsten, war nicht groß. Gerade gegen die eigenen Vertrauenspersonen wendete sich der Zorn dessen, der seine Verdienste nicht gebührend gewürdigt sah. Mangel an Sachkenntniß konnte man diesen freilich nicht vorwerfen, und so wurden ihnen denn die kleinlichsten Motive, Brotneid re., Schuld gegeben. Wenn das aber in einer so großen Stadt wie Wien der Verlauf ist, was ist dann von kleineren Orten zu erwarten, wo, abgesehen von allem Anderen, die Con- eurrenz der Geschäftsgenossen eine viel unmittelbarere, persönlichere ist! Vollends wenn eine Corporation, z. B. ein Gewerbe­verein, die Ausstellung für den Kreis seiner Mitglieder veranstaltet, ist gar nicht abznsehen, wie man sich eine Preiszuer- kennung vorstellt, welche diesem Begriff entsprechen und doch nicht den ganzen Verein in die Luft sprengen soll. Unter solchen Verhältnissen ist wohl nur eins durchführbar: die Vertheilnng von Gedenk­medaillen an sämmtliche Theilnehmer ohne Unterschied.

Auf noch einen Uebelstand muß immer wieder hingewiesen werden: die Jury sieht sich fast nie einer klaren Fragestellung gegenüber, und schon deswegen giebt die Antwort so leicht Anlaß zu Bemängelun­gen. Was soll beurtheilt werden? Unserer früher entwickelten Ansicht nach nur die gegenwärtige Leistung, nicht eine frühere, nicht der Rang, Rnf, Credit des Aus­stellers. Fragen wir jedoch weiter, welche Eigenschaften an dem Objeet für das Urtheil ausschlaggebend sein sollen, so wird der Bescheid sehr schwankend aus- fallen. Die Neuheit, die Zweckmäßigkeit, die technische Tüchtigkeit, die künstlerische Erscheinung, der Umfang der Production, die Verbreitung des Fabrikates und noch manche andere Umstände können betont werden, jeder dieser Gesichtspunkte ist be­rechtigt, aber das Confundiren derselben kann eben nur Confusion erzeugen, und doch beugen in der Regel die Vorschriften für die Jury der Verwirrung nicht vor, sondern begünstigen sie noch. Auch das würde vermieden werden, wenn es möglich

wäre, das Institut der Preisvertheilung wieder seinem ursprünglichen Charakter zu nähern. Inzwischen müssen die Preis­gerichte sich mit dem Auskunftsmitttel be­helfen, ihr Urtheil zu motiviren, damit wenigstens nicht ein eiserner Ofen neuer Constrnction, ein in Eisen getriebener Candelaber und eisernes Kochgeschirr, welches sich durch Wohlfeilheit auszeichnet, nnt einem und demselben Maßstabe ge­messen werden, weil sie sich in einer Classe befinden.

Ein für alle Fälle passendes Jnry- reglement aufzustellen, würde wohl nicht möglich sein; auch mag es dahingestellt bleiben, ob ans diesem Punkte überhaupt die Staatsgewalt eingreifen könne und wolle oder nicht. Die öffentliche Dis­kussion und das Beispiel dürften da viel­leicht schon hinreichende Kraft besitzen. Manche andere Frage der Ansstellungs­technik kann hier füglich unberührt bleiben. Da vollziehen sich infolge der praktischen Erfahrung mancherlei Umwandlungen in der Stille.

Daß aber die Wünsche, welche wir im Sinne einer Regelung des Ausstellungs­wesens im Allgemeinen vorgebracht haben und schließlich kurz zusammenfassen wollen, keine persönlichen oder lediglich auf locale Verhältnisse begründeten sind, das lehrt die Uebereinstimmung derselben nnt den auf dem jüngsten deutschen Handelstage ausgesprochenen Ansichten. Während die Meinungen über das Project einer Welt­ausstellung in Deutschland getheilt waren, bestanden doch Freunde und Gegner des­selben darauf, daß keinem derartigen Unternehmen in Europa Unterstützung zu gewähren sei, welches nicht aus einer Uebereinkunft der bedeutenderen Cultur- staaten hervorgegangen. So dürfen wir denn wohl hoffen, daß die Periode der eigenmächtigen Scenirung und des Miß­brauches des Namens und Credits der Industrie für politische Zwecke an ihrem Ende angelangt sei; wir dürfen hoffen, daß man die Production wieder zu Athem kommen lassen werde und daß die großen Ausstellungen, wenn sie seltener und wohl­vorbereitet kommen, in jeder Beziehung ihrer Aufgabe besser entsprechen, tiefer­gehendes Interesse erregen, die Industrie geistig und materiell fördern werden. Ist aber einmal der Weg der Verständigung