Jllustrirte Deutsche Monatshefte.
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sowie wegen seiner selbständigeren Bewegung der wichtigste Finger.
Der Daumen der menschlichen Hand aber übertrifft denjenigen der Hand aller Affen, selbst der höchsten, nicht nur an Länge, sondern auch in seinem anatomischen Ban. Der Affenhand fehlt durchweg ein wichtiger Muskel, der lange Daumen- benger (llsxor poüiem lonbuch, der offenbar wesentlich zu dem vielseitigen und umfassenden Gebrauch des Daumens und somit der ganzen Hand des Menschen beiträgt, so daß man wohl berechtigt ist, mit Bischofs zu sagen, daß der Besitz dieses Muskels einen wesentlichen Unterschied zwischen Menschen- und Affenhand bildet. — Die hohe Bedeutung des Daumens der Menschenhand ist daher auch zu allen Zeiten anerkannt gewesen. Gegenhand, kleine Hand, nannten ihn die
Griechen, Fingervater die Orientalen. Verlust des Daumens raubt der Hand den größten Theil ihrer Kraft und Verwendbarkeit; weder Nadel, noch Schwert, noch Feder kann sie fürder mehr führen; den Daumen verlieren heißt nahezu die Hand verlieren. Am Daumen verstümmelte römische Soldaten wurden vom Kriegsdienst befreit, und nicht selten kam es vor, daß, um diesem zu entgehen, sie sich selbst den Daumen abhackten; so entstand aus dem Worte „pollies (ein am Daumen Verstümmelter) das Wort „poltron" (Feigling). Die Athener schnitten den gefangenen Aegineten den Daumen ab, damit sie das Ruder nicht mehr führen konnten, und von diesem grausamen Rechte des Siegers kennen wir noch manche andere Beispiele aus dem Alterthum; die Bibelfesten unter den Lesern dieses Aufsatzes will ich nur an das Buch der Richter und den Ananiter- könig Adoni-Besek erinnern. Auch die Justiz erkennt diese Superiorität des Daumens an; nach dem alten angelsächsischen Gesetze wird dessen Schädigung mit zwanzig, die des Mittelfingers nur mit einem Schilling bestraft; und vor Allem weiß die Chirurgie: „den Daumen erhalten" heißt „die Hand erhalten".
Was die übrigen Finger betrifft, so sind dieselben bekanntlich nicht von gleicher Länge, und Jeder weiß, daß der Mittelfinger der längste, der kleine Finger der kürzeste ist. Biel verschiedener wird
die Antwort lauten, wenn die Frage aufgeworfen wird, welcher von den beiden übrigen Fingern der längere ist, der Zeigefinger oder der Ringfinger, und ich bin ziemlich sicher, daß die meisten meiner Leserinnen diese Frage erst beantworten werden, nachdem sie zuvor einen Blick auf ihre Hand geworfen haben. Könnte ich diese Antworten alle sammeln, so würde sich ergeben, daß dieselben sehr verschieden lauten, indem die Einen den Zeigefinger, die Anderen den Ringfinger für länger erklären. Ebenso verschieden lauten auch die Urtheile der Anatomen, und es er- giebt sich aus alle dem, daß das Längen- verhältniß der beiden Finger überhaupt ein sehr wechselndes ist.* Welche Bildung ist nun aber als die schönere (höhere) Form anzusehen? Wenn ich finde, daß bei allen Affen der Zeigefinger kürzer ist als der Ringfinger, wenn ich ferner bemerke, daß große Maler und Bildhauer schöne Hände, besonders Frauenhände, fast immer mit einem relativ längeren Zeigefinger ausgestattet haben, so kann ich fast nicht umhin, dieser Bildung den Vorrang einznräumen. Die ungleiche Länge der Finger ist aber nicht etwa bedeutungslos, sie steht vielmehr mit anderen Verhältnissen in nächster Beziehung, nämlich mit der Beweglichkeit der Mittelhandknochen auf der Handwurzel. Der Mittelhand- knochen des kürzesten Fingers, des Daumens, ist der beweglichste; der Mittelhandknochen des längsten, des Mittelfingers, der am wenigsten bewegliche; dem Daumen zunächst folgt, wie in der Länge so auch in der Beweglichkeit, der fünfte Finger, während Zeige- und Ringfinger die Mitte halten. Infolge dieser Einrichtung kann durch das Abwärtsrücken der Seitenwände der Hand die Fläche derselben zu einem kugelförmigen Hohlranm (dem primitivsten Trinkgefäß, dem sogenannten Becher des Diogenes) umgewandelt werden, und die gebogenen Finger können eine Kugel (z. B. eine Billardkugel) vollkommen umgreifen, indem ihre Spitzen in einer Ebene liegen, welche ein Tangente dieser Kugelfläche ist, eine Bewegung, welche z. B. die Affenhand durchaus nicht
* S. hierüber: Ecker, Ueber einen schwankenden Charakter der Hand des Menschen. Archiv sür > Anthropologie, Band VIII.