Heft 
(1881) 295
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Ecker: Hand und Fuß des Menschen.

in der Weise aussühren kann, während diese als ein vierfingeriges Haken- oder Klammerorgan trefflich geeignet ist, einen Cylinder, also z. B. einen Baumast, zu ergreifen,* wie Fig. 9 deutlich zeigt.

Die Beweglichkeit der Finger selbst be­treffend, so haben nach dem Daumen der Zeigefinger und der kleine Finger am meisten die Fähigkeit, sich gesondert von den übrigen zu bewegen, wozu sie vor Allem durch den Besitz besonderer Mus­keln befähigt werden. So hat z. B. der Zeigefinger einen besonderen Streckmuskel, der ihm leicht gestattet, allein, getrennt von den übrigen, ausgestreckt zu werden, eine Bewegung, die ihm ja eben seinen Namen Zeigefinger (inckioaior) verschafft hat. Aus dieser Verwendung und aus

Fig. 9.

Hand des Orang-Utang.

dem Umstande, daß dieser gesonderte Muskel allen Affen, selbst dem Orang- Utang und Chimpanse fehlt nur der Gorilla hat denselben, jedoch sehr schwach ausgebildet, ist man Wohl berechtigt zu schließen, daß dieser Muskel, wie Bischofs richtig bemerkt,mit den gesti- culatorischen und pantomimischen Bewe­gungen der Hand", also mit Begriff­bildung und Sprachvermögen in einem gewissen ursächlichen Zusammenhang stehe, und man darf daher wohl mit Bischofs behaupten, daß der Besitz dieses Muskels einen specifisch menschlichen Charakter bilde, wenn auch der NameHumanitätsmuskel", den man ihm gegeben, etwas zu emphatisch

* Ob der Gorilla eine Ausnahme von dieser

Regel, die auch für die anthropomorphen Affen gilt, macht, ist mir nicht bekannt. Es steht zu hoffen, daß man, nachdem diese Frage im Zool. Anzeiger von Carus (1879, Nr/40, S. 552) aufgeworfen, bald über sie ins Klare kommen wird.

klingt. Am wenigsten selbständig be­weglich ist der vierte Finger, dessen Sehnen mit denen der Nachbarfinger besonders innig verbunden sind, und angehenden Clavierspielern Pflegt die besondere Wider­spenstigkeit dieses Fingers, insbesondere beim Einüben der Triller, nicht zu ent­gehen.

Mit Länge und Beweglichkeit der Fin­ger steht nun ihre Namengebung in eng­ster Beziehung, und es mag daher wohl am Platze sein, hierüber unseren gro­ßen Sprachforscher Wilhelm Grimm, dem wir eine vortreffliche Abhandlung über diesen Gegenstand verdanken, zu hören.* Diese empfindlichen und beweglichen Organe, sagt Grimm, gleichsam die Spitzen des leiblichen Lebens, an denen das gei­stige sich regt und zum Ausdruck kommen will, wurden von der dichterisch personifi- cirenden Auffassung vieler Völker in ihrer Kindheit gleichsam als besondere selbstän­dige Wesen betrachtet und auf sie Natur und Kräfte kleiner geisterhafter, kobold­artiger Wesen übertragen. So auch bei unserem deutschen Volke in seiner fernen Kindheit; denn die ursprünglichen Namen der Finger vercathen solchen Ursprung, sind davon abzuleiten und klingen aus zahllosen Märchen, Volksreimen und Kinderversen noch heute nach;** so wenn

* W. Grimm, Abhandlungen der Berliner Aka­demie aus dem Jahre 1846. Berlin 1848. S. 425.

** Am meisten gilt dies und ist bekannt vom Daumen (äurno) oder Däumling, der geschickt, -pfiffig und listig ist, dem, wie dem Zwerge Alberich, geheime Kräste zu Gebote stehen und dem glückt, was er unternimmt. Die anderen Finger brau­chen ihn, und wenn sie ohne ihn ausziehen und in Gefahr kommen, so rufen sie ihn, der dann Alles wieder in Ordnung bringt. Die alte Bezeich­nung des zweiten oder Zeigefingers klingt im Alt­deutschen viel weniger human als die heute ge­bräuchliche; dort heißt er nämlich IscMari, der Leck- fingcr, der Naschhafte (gewiß mit dem griechischen dem Namen des Zeigefingers, verwandt), und diese Bezeichnung findet sich noch im Nieder­deutschen als Butterlecker oder Leckmännchen. Die übrigen Bezeichnungen außer Zeigefinger, nämlich Schweigefinger (von dieser Geberde), Bogenspanner, Zählfinger, Frauenfingcr, sind offenbar viel späteren Datums und mehr gemacht als geworden. Ent­schieden am schlechtesten unter seinen Brüdern kommt der Mittelfinger weg, der den Namen lan^mar trägt, was ungefähr so viel bedeutet alsbös­artiger Alp". Eine Menge ehrenrühriger Benen­nungen, worunter dieder Ungezogene", weil er als der längste Alles zuerst berührt, noch die mil­deste ist, und die man ihrer Derbheit wegen nicht ! wiedergeben kann, häufen sich auf ihn, während der

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