Jllustrirte Deutsche Monatshefte.
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die Mutter ihren Kleinen die Fingerchen benennen lehrt und, beim zweiten anfangend, sagt: „Der ist ins Wasser gefallen (nämlich beim Obstnaschen), der zieht ihn heraus, der legt ihn ins Bett (der Arzt), der läuft zur Mama, um ihr Alles zu hinterbriugen"; oder: „Das ist der Daumen, der (das Leckmännchen) schüttelt Pflaumen," u. s. w.
Da die Hand ein so charakteristisch rein menschlicher Theil des Menschen ist, so läßt sich von vornherein erwarten, daß nach Individualität, Race, Geschlecht sich Verschiedenheiten derselben finden, die nicht minder groß sind als die in der Bildung des Kopfes und der Gesichtszüge austretenden. So steht die Negerhand durch ihre Schmalheit und Länge sowie durch die Kürze des Daumens der Affenhand näher, und unter den Europäern find die Physiognomien nicht verschiedener als die Hände. Es giebt daher auch eine Physiognomik der Hand wie des Gesichts, und auch über diese sind ganze Bücher geschrieben worden. Andererseits haben, so zu sagen instinctiv, die großen Künstler aller Zeiten solche Verschiedenheiten in treffender Weise wiedergegeben, und in der That lassen sich dieselben auch viel besser malen oder plastisch darstellen als beschreiben und anatomisch begründen. Eine Hand gut wiederzugeben, gehört allerdings zu den größten Aufgaben des Künstlers, und wie verschieden sie gelöst wurde, das
vierte oder Ringfinger gerade umgekehrt unter den vier Fingern nach dem Daumen entschieden der bevorzugte ist. Sein Name bedeutet im Altdeutschen so viel als Arzt oder auch Zauberer, und dies gewiß nicht, wie spätere Ausleger aus dem Worte rnoUieus herauslasen, weil Doctoren mit diesem Finger Salben re. zu reiben pflegen, sondern weil man diesem Finger, wie dem Handauflegen fa überhaupt, ganz besonders heilende Kräfte zujchrieb. Er ist ein Zauberer im wohlthätigen Sinne, er stillt Schmerzen und heilt Krankheiten. Er ist es auch, der den Brautring trägt, daher Ringfinger, Goldfinger, Prangfinger, und wie um seine Reinheit und Unschuld auszudrückcn, Jungfrauenfinger, und weil er das Zeichen inniger Bereinigung der Herzen trügt, Herzfinger. Der kleine Finger, ministo, der Kleinste, Mindeste, der Blinzler, zrurnh-, Ohrfinger, Ohrgrübler, sieht nicht über die anderen hinweg, hört aber desto besser. Er ist der einschmeichelnde, listige, diebische, kriechende, aufhorchende kleine Kobold, der Alles auskundschaftet und refcrirt. Zudringlichen Nachfragen nach der Quelle einer Nachricht pflegt man daher mit einem Hinweis auf ihn auszuweichen, indem man sagt: „Mein kleiner Finger hat mir's gesagt."
sehen wir, wenn wir die unschönen langen Hände auf vielen unserer altdeutschen Bilder mit denen der griechischen Plastiker oder der alten Italiener vergleichen.
Etwas ganz Anderes als die Physiognomik der Hand, worunter wir das Studium der individuellen — wohl mit den übrigen psychischen und physischen Eigen- thümlichkeiten des» Individuums in gewisser Beziehung stehenden — Eigen- thümlichkeiten der Hand verstehen, ist die Chiromantie (/sch - zEnrefir) oder die Handwahrsagekunst, das heißt die schon im Alterthum gekannte und selbst noch heute, wenigstens von Zigeunern geübte, angebliche Kunst, aus den individuellen Verschiedenheiten gewisser Hautfnrchen in der Hohlhand einer Person nicht nur ihren Charakter, sondern auch ihr jetziges und künftiges Lebensschicksal zu erkennen. Wenn ich diesen Furchen, die man alle mit besonderen, dieser Wahrsagekunst entsprechenden Namen wie Lebenslinie, gemeine oder Tischlinie, Glückslinie, Entscheidungslinie re. bezeichnet hat, hier einige Worte widme, so geschieht dies nur, um auf eine weit weniger gekannte, aber viel wichtigere Bedeutung wenigstens der hauptsächlichsten derselben aufmerksam zu machen. — Wie eine aufgezogene Landkarte stets in bestimmten Falten zusammengelegt wird, so faltet sich die Haut der Hand bei den mannigfachen Bewegungen derselben auch stets an ganz bestimmten Stellen, nämlich an der Stelle der Gelenke, und es sind diese Stellen für Niemanden wichtiger als für den Anatomen und ganz besonders für den Chirurgen. Wir können sie einfach als Faltungsoder Gelenkfurchen bezeichnen. (Fig. 10.) So ist die sogenannte Lebenslinie (an) nichts Anderes als die Faltungslinie für das Gelenk zwischen Mittelhandknochen des Daumens und Handwurzel, die genieine Linie (bb) die Gelenkfaltungslinie des Gelenks zwischen den drei letzten Fingern und der Mittelhand, die Kopslinie (oo) die Faltungslinie für die isolirte Bewegung des Zeigefingers auf der Mittelhand u. s. w., was Alles Jedermann bei der Bewegung seiner eigenen Finger prüfen kann. Auch in dieser Beziehung ist die Affenhand, entsprechend dem oben (S. 99) bemerkten Ver- hältniß, von der menschlichen verschieden,