102 Jllustrirte Deutsche Monatshefte.
suchen des Kindes, den Löffel zum Munde zu fuhren, durch die verschiedenen Handarbeiten und Handwerke bis zu den Werken des Mechanikers und des Künstlers!
Und dann wieder, wie mannigfach find die Bewegungen der Hand und der Finger, durch welche wir unsere Gefühle kundgeben, die sogenannten physiognomi- schen Bewegungen, durch welche wir sprechen, entweder eine ganz unwillkürliche Jnstinctsprache oder aber eine überlegte Vernunftsprache. Beifall und Mißfallen, Freude und Kummer, Liebe und Abscheu, Ergebung, Haß und Verzweiflung, Alles drücken wir durch Bewegungen unserer Hände aus, und unendlich reich ist unser Sprachschatz in Bezeichnungen für dieselben.* Aber auch zum Ausdruck von materiellen Begriffen als Raummaß brauchen wir Hände und Finger, und es ist wohl nicht zu bezweifeln, daß das Deci- malsystem auf der Zehnzahl unserer Finger beruht und daß die ursprüngliche Rechenmethode des Menschen im Zählen an den Fingern bestanden hat, und in der Regel fangen ja auch unsere Kinder so zu zählen an. Das griechische Wort (zu deutsch wörtlich — fünfen) heißt nicht nur „an den fünf Fingern
* Ein Griff in diesen Sprachschatz mag genügen, das Gesagte zu bekräftigen, und der Leser wird mit Leichtigkeit daran Weiteres anknüpfen. Wir „bieten" die Hand zur Versöhnung, wir „geben" sie als Zeichen der Versöhnung, ein „Handschlag" bekräftigt den geschlossenen Bund. Alten Freunden „schütteln" wir die Hand, und was sagt nicht in Gretchen's Klimax „sein Händedruck"! Man „giebt" aber nicht nur die Hand, man „vergiebt" sie auch und zwar gewöhnlich die Rechte, mit der man ja auch den „Handschwur" leistet. „Zur linken Hand", die überhaupt etwas Aschenbrödel ist, hält der Schwur weniger fest, und bei den Kasfern Südafrika's heißen die drei ersten Frauen: „die große Frau, die Frau zur Rechten, die Frau zur Linken". Wir „klatschen" in die Hände und „reiben" die Hände, wir „ringen" sie aber auch. Wir „heben" sie bittend „empor", wir „legen" sie segnend „auf", wir „weisen ab", wir „winken" mit der Hand, wir „ziehen unsere Hand ab", lind kaum minder zahlreich als für die ganze Hand sind die Ausdruckssormen für die Finger im Ganzen, wie „auf die Finger sehen" und „durch die Finger sehen", oder für einzelne derselben, insbesondere den Daumen. Jedermann weiß, was es heißt, Einem „den Daumen halten", oder „den Daumen aus etwas halten", oder Einem „den Daumen aufs Auge setzen", und bekannt ist, daß Heben oder Senken des Daumens des römischen Volkes im Circus über das Leben der armen Gladiatoren entschied.
herzählen", sondern überhaupt „zählen". Daß die Annahme richtig ist, sehen wir recht deutlich, wenn wir aus unseren Cnlturstufen mit den endlosen Zahlenreihen herabsteigen zu den Naturvölkern, den sogenannten Wilden; die Fähigkeit, sich einen Begriff von großen Zahlen zu machen, finden wir bei diesem Herabsteigen immer geringer werden. Bei uns pflegen wir die Grenzen der Dummheit («it verun. vsrbo) bei der Zahl fünf zu finden. Wir sagen von Einem, den wir auf geistiger Stufe sehr niedrig stellen wollen: er kann nicht fünf zählen. Es giebt aber Völker, die nicht einmal drei zählen können, das heißt die kein Wort für die Zahl drei haben; sie zählen: eins, zwei, viel; drei ist ^ viel. Haben sie aber auch kein Wort für Zahlen über zwei, so zählen sie doch weiter und zwar durch Geberden der Finger und haben so sich doch so zu sagen secundäre Zahlworte gemacht; anstatt fünf sagen sie „ganze Hand", anstatt sechs „eins von der anderen Hand", anstatt sieben „zwei von der anderen Hand", anstatt zehn „beide Hände" n. s. w. Wir wissen nicht, wie unsere Zahlwörter entstanden sind, es ist aber in dieser Beziehung nicht uninteressant, daß nach einer Bemerkung von Wilhelm v. Humboldt das Zahlwort drei häufig noch als eine Art Superlativ gebraucht wird, wie zum Beispiel in „dreimal verflucht", „dreimal gesegnet", „li->8- m6Zi8ios" (der dreimal Größte, Hocherhabenste), gleichsam als Anklang an dessen frühere Bedeutung „viel".
Aber nicht nur znm Zählen, auch znm Messen brauchen wir unsere Hand, und nicht unpassend hat man sie in diesem Sinne einen Zirkel mit fünf Armen genannt, nur brauchen wir die Arme, um ein Maß zu übertragen, nicht durch eine Schraube festzustellen. In unserem Geiste bleibt die Spur der gemachten Bewegung, und unser feiner Muskelsinn ist es also, der uns die Hand als Maßstab zu benutzen erlaubt. Es sind daher von der Hand (wie ja überhaupt alle Längenmaße von unserem Körper herrühren, Fuß, Elle re.) nicht nur ungefähre Maße (handvoll, handbreit, handhoch, fingerlang, fingerdick, fingerbreit re.), sondern auch ganz bestimmte Maße genommen: Spanne, Zoll rc. (pouee heißt Daumen und Zoll).