Ecker: Hand und s
Hat der feine Muskelsinn seinen Sitz in den nervenreichen Mnskeln, so ist das Organ des feinen Tastsinnes die ungemein nervenreiche Haut der Hohlhand und der Finger, insbesondere des Endgliedes dieser auf der dem Nagel entgegengesetzten unteren Fläche, dem sogenannten Tastpolster. Ein einfacher Blick auf die eigene Hand zeigt einem Jeden, daß die Hautoberstäche dieser Gegend ganz anders anssieht als die Haut auf dem Rücken der Hand und allen übrigen Stellen des Körpers. Wir sehen da äußerst feine, zierliche, regelmäßig verlaufende, erhabene Linien, welche durch eben solche seichte Furchen von einander getrennt werden, die sogenannten Tastlinien oder Tastleisten. (S. Fig. 10.) Die mikroskopische Untersuchung zeigt, daß jedes dieser Leistchen mit einer Doppelreihe von Papillen (Tastpapillen) besetzt ist, in welchen die Tastnerven mit eigenthüm- lichen Organen (Tastkörperchen) endigen. Ans den Bau dieser merkwürdigen Gebilde näher einzugehen, verbietet mir der Raum; ich will nur noch darauf aufmerksam machen, daß diese Tastlinien erst mit der Umwandlung des Endgliedes der vorderen Extremität in eine Hand, also bei den Affen, auftreten, aber erst beim Menschen ihre größte Vollendung erreichen.
Durch dieses feine, der Haut der Tastflüche der Finger innewohnende Tastgefühl, verbunden mit dem ungemein feinen Muskelgefühl und der großen Beweglichkeit, wird uns nun die Hand zu einem so vollendeten Sinnesorgan, daß sie in der Untrüglichkeit ihrer Wahrnehmungen selbst das Auge übertrifft und nicht selten dieses ersetzen muß. — Indem wir die Tastflächen unserer beweglichen Finger über die Oberfläche der Körper hinbewegen und ihn von allen Seiten angreisen, „begreifen" wir ihn, erhalten wir einen „Begriff" von demselben, wie unsere Sprache, dies auch auf das rein geistige Gebiet übertragend, sehr bezeichnend sagt. Erst durch Taft- und Muskelfinn erhalten wir eine vollständige Anschauung nicht nur von der Oberflächenbeschaffenheit, sondern auch von der Raumausdehnung der Körper, und das Auge, dieser ideelle Sinn, wird zum Theil erst durch die Hand, diesen reellen, erzogen. Das Auge läßt dem Säugling den Voll-
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mond und eine Orange gleich erreichbar erscheinen, und erst durch die Hand erfährt er den Unterschied. Man sagt daher schon im gewöhnlichen Leben nicht mit Unrecht, wenn man etwas nicht bestimmt weiß, man habe es vom „Hörensagen" ; was Einem der „Augenschein" lehrt, dagegen läßt sich schon wenig sagen, was man aber „mit Händen greifen" kann, was „handgreiflich" ist, was „auf der Hand liegt", das ist sicher.
Die hohe, insbesondere intellectuelle Bedeutung der menschlichen Hand erkennen wir aber namentlich dann, wenn sie berufen ist, den Verkehr des Menschen mit den Nebenmenschen und der Außenwelt zu vermitteln. Sie ist dann das Organ, durch welches der Mensch erzogen wird. Dem armen Blindgeborenen sind die Anschauungen in der Ferne versagt, Anschauungen und Begriffe von der ihn zunächst umgebenden Formenwelt erhält er aber durch das Tasten seiner Hand. Sie ersetzt ihm das Auge, und zur unglaublichen Feinheit steigert sich durch Uebung Taft- und Muskelsinn der Blinden und gestattet ihnen das rascheste Lesen und die Ausführung der feinsten Handarbeiten. — Während, die Blinden mit der Hand sehen, ist diese bei Taubstummen das Organ, mit dem sie sprechen und durch das sie hören. Jede Sprache — das Wort im weitesten Sinne genommen —- besteht aus Zeichen, welche Ideen ansdrücken, und es sind diese Zeichen entweder Lautzeichen (Töne), welche bei allen Völkern die eigentliche Sprache bilden, oder Geberdezeichen (durch Mienen, Blick, Handbewegung). Der Ursprung jeder Sprache ist wohl ein rein instinctiver. Gemüthsstimmung, Gedanken verrathen sich in Haltung, Bewegung, Blick, Gesichtszügen — endlich in Lauten und Tönen. In Bewegungen, Mienen re. liest der Säugling, was die Mutter ihm sagen will, und diese Jnstinctsprache ist es allein, die das Kind im ersten Lebensjahre versteht. Hört es dabei bestimmte Worte, so knüpft es an den Klang dieser die Bedeutung der Bewegung, z. B. Trinken, Schlafen re. Im Lause der Zeit verliert die Geberdensprache und gewinnt die Wortsprache an Bedeutung, und zwar nach Individualität, Race und Erziehung in verschiedenem Grade. Während man