Heft 
(1881) 295
Seite
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Ecker: Hand und s

Hat der feine Muskelsinn seinen Sitz in den nervenreichen Mnskeln, so ist das Organ des feinen Tastsinnes die unge­mein nervenreiche Haut der Hohlhand und der Finger, insbesondere des End­gliedes dieser auf der dem Nagel ent­gegengesetzten unteren Fläche, dem soge­nannten Tastpolster. Ein einfacher Blick auf die eigene Hand zeigt einem Jeden, daß die Hautoberstäche dieser Gegend ganz anders anssieht als die Haut auf dem Rücken der Hand und allen übrigen Stellen des Körpers. Wir sehen da äußerst feine, zierliche, regelmäßig ver­laufende, erhabene Linien, welche durch eben solche seichte Furchen von einander getrennt werden, die sogenannten Tast­linien oder Tastleisten. (S. Fig. 10.) Die mikroskopische Untersuchung zeigt, daß jedes dieser Leistchen mit einer Doppelreihe von Papillen (Tastpapillen) besetzt ist, in welchen die Tastnerven mit eigenthüm- lichen Organen (Tastkörperchen) endigen. Ans den Bau dieser merkwürdigen Ge­bilde näher einzugehen, verbietet mir der Raum; ich will nur noch darauf aufmerk­sam machen, daß diese Tastlinien erst mit der Umwandlung des Endgliedes der vor­deren Extremität in eine Hand, also bei den Affen, auftreten, aber erst beim Men­schen ihre größte Vollendung erreichen.

Durch dieses feine, der Haut der Tast­flüche der Finger innewohnende Tastge­fühl, verbunden mit dem ungemein feinen Muskelgefühl und der großen Beweglich­keit, wird uns nun die Hand zu einem so vollendeten Sinnesorgan, daß sie in der Untrüglichkeit ihrer Wahrnehmungen selbst das Auge übertrifft und nicht selten dieses ersetzen muß. Indem wir die Tastflächen unserer beweglichen Finger über die Oberfläche der Körper hinbe­wegen und ihn von allen Seiten angrei­sen,begreifen" wir ihn, erhalten wir einenBegriff" von demselben, wie unsere Sprache, dies auch auf das rein geistige Gebiet übertragend, sehr bezeichnend sagt. Erst durch Taft- und Muskelfinn erhalten wir eine vollständige Anschauung nicht nur von der Oberflächenbeschaffen­heit, sondern auch von der Raumaus­dehnung der Körper, und das Auge, dieser ideelle Sinn, wird zum Theil erst durch die Hand, diesen reellen, erzogen. Das Auge läßt dem Säugling den Voll-

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mond und eine Orange gleich erreichbar erscheinen, und erst durch die Hand er­fährt er den Unterschied. Man sagt da­her schon im gewöhnlichen Leben nicht mit Unrecht, wenn man etwas nicht be­stimmt weiß, man habe es vomHören­sagen" ; was Einem derAugenschein" lehrt, dagegen läßt sich schon wenig sagen, was man abermit Händen grei­fen" kann, washandgreiflich" ist, was auf der Hand liegt", das ist sicher.

Die hohe, insbesondere intellectuelle Bedeutung der menschlichen Hand erken­nen wir aber namentlich dann, wenn sie berufen ist, den Verkehr des Menschen mit den Nebenmenschen und der Außen­welt zu vermitteln. Sie ist dann das Organ, durch welches der Mensch erzogen wird. Dem armen Blindgeborenen sind die Anschauungen in der Ferne versagt, Anschauungen und Begriffe von der ihn zunächst umgebenden Formenwelt erhält er aber durch das Tasten seiner Hand. Sie ersetzt ihm das Auge, und zur un­glaublichen Feinheit steigert sich durch Uebung Taft- und Muskelsinn der Blin­den und gestattet ihnen das rascheste Lesen und die Ausführung der feinsten Hand­arbeiten. Während, die Blinden mit der Hand sehen, ist diese bei Taubstummen das Organ, mit dem sie sprechen und durch das sie hören. Jede Sprache das Wort im weitesten Sinne genommen - besteht aus Zeichen, welche Ideen ansdrücken, und es sind diese Zeichen ent­weder Lautzeichen (Töne), welche bei allen Völkern die eigentliche Sprache bilden, oder Geberdezeichen (durch Mie­nen, Blick, Handbewegung). Der Ur­sprung jeder Sprache ist wohl ein rein instinctiver. Gemüthsstimmung, Gedanken verrathen sich in Haltung, Bewegung, Blick, Gesichtszügen endlich in Lauten und Tönen. In Bewegungen, Mienen re. liest der Säugling, was die Mutter ihm sagen will, und diese Jnstinctsprache ist es allein, die das Kind im ersten Lebens­jahre versteht. Hört es dabei bestimmte Worte, so knüpft es an den Klang dieser die Bedeutung der Bewegung, z. B. Trinken, Schlafen re. Im Lause der Zeit verliert die Geberdensprache und gewinnt die Wortsprache an Bedeutung, und zwar nach Individualität, Race und Erziehung in verschiedenem Grade. Während man