Heft 
(1881) 295
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Jllustrirte Deutsche Monatshefte.

zum Beispiel den Mienen eines echten Sohnes Alt-Englands so wenig wie einem Telegraphendraht ansehen kann, .ob er eben eine grausige Mordgeschichte oder die süßeste Liebesepisode erzählt, verstehen wir eines heißblütigen Italieners Erzäh­lung schon aus seinen Gesticulationen. Während nun der Blindgeborene nur an der Betonung, ohne die Geberden zu sehen, die Sprache erlernt und die Wort­sprache bei ihm bald zur vollen Bedeu­tung gelangt, macht die arme Mutter des Taubgeborenen eines Tages die erschüt­ternde Entdeckung, daß ihr Kind nicht hört, bald auch die weitere, daß es stumm ist. Aber der Drang der Mittheilung ist in dem armen taubstummen Kinde nicht minder vorhanden; es bildet sich jedes seine eigene Geberdensprache heraus, deren Organ die Hand mit den Fingern ist, eine Sprache, die dann durch Unter­richt erst einer allgemein gültigen Finger­sprache Platz macht. So spricht das taubstumme Kind mit Hand und Fingern, und sein Hören ist das Sehen dieser Sym­bole bei anderen. Das Auge wird hier ganz Ohr, und sehr häufig kann man einen Taubstummen schon an demhorchenden" Ausdruck seines Gesichtes* erkennen.

Aber wie, wenn es menschliche Wesen gäbe, denen beide Sinne fehlen? Zu­

* Siehe über das Vorstehende insbesondere den interessanten Anfsatz von Eschricht: Das physische Leben, in populären Vorträgen. Berlin 1852, dem ich namentlich gefolgt bin.

gleich ein Blinder, der nicht hört, und ein Tauber, der nicht sieht! Gewiß haben viele Leser dieser Zeitschrift von den Schriften des englischen Romanschrift­stellers Charles Dickens auch dessen Amerikanische Reise" gelesen und er­innern sich aus derselben der trefflichen Schilderung eines damals in Boston lebenden Mädchens, der Laura Bridgeman, eines jungen, schönen Geschöpfes, aber blind, taub, stumm und nur im Besitze eines einzigen, den Verkehr mit der Außenwelt vermittelnden Organs, der Hand.Sie war," schreibt Dickens, gleichsam in eine Marmorzelle einge­schlossen, unzugänglich für den kleinsten Lichtstrahl, unerreichbar für den leisesten Ton, und ihre arme weiße Hand sah her­vor durch einen Riß des Steines, um Hülfe winkend, die ihren Geist erwecke und erziehe." Und die Hülfe kam. Allein durch die Hand stand sie mit der Außenwelt in Verkehr, durch die Haud wurde sie erzogen. Es würde mich zu weit führen, den Gang dieser Erziehung, die, beiläufig bemerkt, auch psychologisch äußerst interessante Resultate ergab, zu schildern; ich will nur bemerken, daß die Erzählung derselben jeden Leser ebenso wohl mit Staunen über die Anpassungs­fähigkeit des menschlichen Organismus als mit Hochachtung vor der Ausdauer des Erziehers erfüllt und erlaube mir deshalb, die Lectüre dieses Buches sehr angelegentlich zu empfehlen.

(Schluß folgt.)