Heft 
(1881) 295
Seite
105
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Abendbesuch aus einer Sternwarte.

Von

Wilhelm Förster.

lhema

ar manchen meiner Leser hat wohl, wie mich selbst' schon in früher Jngend bei den Vor­stellungen, welche sich an das meiner heutigen Mittheilnngen knüpfen, eine Bewegung eigener Art er­griffen. Der Gedanke, den Mond meh­rere hundert Male größer zu schauen, als mau ihn mit bloßen Augen sieht, als man ihn z. B. schon vergrößert zu sehen meint, wenn in der Nähe des Horizontes hohe Bäume, Häuser oder Thürme wie Miniaturbilder von seiner vollen Scheibe umrahmt werden, der Gedanke, in die Welt der Saturnsringe oder der Jupiters­monde wie aus der Vogelperspeetive hineinzuschaueu, den matten Schimmer der Milchstraße in ein zahlloses Heer glänzender Sterne aufgelöst zu sehen und in Nebelflecken von mildein Glanze und geheimnißvollen Umrissen einen Schimmer von Weltgestalten und Weltaltern zu empfangen, die in Raum und Zeit unaus­sprechlich und ewig weit von uns entfernt sind alle diese Vorstellungen üben wohl aus die Gemüther Vieler einen eigenen Zauber ans.

Derjenige aber, dem es von einem gütigen Geschick beschieden wird, sein Leben oder einen Theil seines Lebens der geistigen Arbeit innerhalb dieser Welt von Vorstellungen, welche so Vielen ein ferner Traum bleibt, zu widmen, er wird in der Regel ungemein schnell und mäch­tig von einer ganz anderen Seite dieses Thätigkeitsgebietes erfaßt. Man kann

sogar behaupten, daß der größere Theil derjenigen, welche sich der Astronomie widmen, von Anfang an mehr von letz­terer Seite dieser Beschäftigung, nämlich von ihrer Gedankenstrenge, von ihrer reinen, meinnngslosen Folgerichtigkeit und von der Erhabenheit des in ihr entwickel­ten Zusammenwirkens der verschiedensten Völker und Zeiten angezogen wird, als von dem unmittelbaren Reiz der Wahr­nehmungen, die sie darbietet.

Indessen auch der Astronom von Fach erlebt stets aufs Neue inmitten der nüch­ternsten messenden und kritisch unter­suchenden Arbeiten, welche er den Himmels­lichtern zu widmen hat, Augenblicke, in welchen er von einer unnennbar mächtigen Empfindung ergriffen wird, Augenblicke, in denen der Eindruck der herrlichen Licht­fülle und der Reinheit der Formen, wie sie uns ein starkes Fernrohr in den Him­melsräumen vor Augen bringt, sich mit dem geistigen Einblick verbindet, den die Astronomie in das Wesen dieser Erschei­nungen gewonnen hat.

Empfindungen dieser Art treten unter Anderem ein, wenn man ein besonderes Wahrnehmungsgebiet, z. B. die Details der Mondoberfläche mit verhältnißmäßig geringen optischen Mitteln näher kennen gelernt hat und dann einmal unter be­sonders reinen und ruhigen Luftverhält- nisfen das Glück erlebt, mit einem Fern­rohr von ungewöhnlicher Stärke einen wahrhaft beseligenden Lichtreichthum über jene Landschaften sich ergießen zu sehen,