Heft 
(1881) 295
Seite
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106_ Jllustrirte Deuts

wie der Wanderer, der aus den Nebeln der Alpenwelt in die magischen Farben­töne des Südens hinabsteigt.

Die Genußfähigkeit des Astronomen für solche Eindrücke nimmt sogar mit der Dauer seiner Beschäftigung zu. Nicht nur wächst ja überhaupt die Intensität der geistigen Genüsse mit dem zunehmen­den Reichthum der Gedankenwelt, das heißt mit dem Alter, sondern es ist auch, ^ um die von dem Fernrohr dargebotenen Wahrnehmungen im Himmelsraume ganz würdigen zu können, ein gewisser Grad von Uebung des äußeren und so zu sagen des inneren Gesichtssinnes erforderlich. Erst der Ernst, den keine Mühe bleicht, läßt auch hier den Einzelnen zu den höchsten, mit unseren Mitteln erreichbaren Genüssen der erwähnten Art gelangen.

Hiernach begreift sich denn auch, wel­cher hohe Grad von Enttäuschung mit­unter denjenigen zu Theil wird, welche, von einem tiefen Interesse für die Him­melserscheinungen getrieben, bloß dazu gelangen, bei einem mehr oder weniger flüchtigen Abendbesnch auf einer Stern­warte den Anblick einiger Erscheinungen dieser Art durch ein immerhin bedeuten­des Fernrohr zu genießen.

Es ist klar, daß selbst, wenn bei einem solchen ersten oder einzigen Besuche die einzelnen Wahrnehmungen durch unmittel­bare Wiederholungen derselben und ein­gehende Belehrungen seitens eines Fach­mannes unterstützt werden, dem weniger geübten Auge Vieles entgehen wird, mit­unter sogar der Anblick, den das Fern­rohr bietet, seinem wesentlichen Inhalte nach gar nicht zum Verständniß kommen wird.

Bei den meisten Abendbesuchen auf einer Sternwarte verhält es sich aber in dieser Hinsicht noch viel ungünstiger mit deni Umfang und dem Werthe desjenigen, was unter den gegebenen Umständen dem Publikum überhaupt dargeboten wird und dargeboten werden kann.

Es sei gestattet, dies im Anschluß an die aus der Berliner Sternwarte vorliegenden Erfahrungen etwas näher zu erörtern, sodann wenigstens Einiges von demjenigen hervorzuheben, was dem Publikum vou astronomischen Anschau­ungen unter günstigeren Umständen leicht und sicher dargeboten werden könnte,

che Monatshefte.

endlich einige Ansichten hinsichtlich solcher Einrichtungen darzulegen, durch welche eine Verbesserung des bestehenden Zu­standes in dieser Beziehung zu ermög­lichen wäre.

Bekanntlich hat die Berliner Stern­warte seit ihrer vor etwa fünfzig Jahren erfolgten Neubegründung sich bestim­mungsmäßig bemüht, nicht nur der astro­nomischen Forschung und den akademischen Lehraufgaben zu dienen, sondern auch innerhalb gewisser Grenzen dem Publikum Berlins den Anblick der Himmelserschei­nungen mit bedeutenden optischen Mitteln zu ermöglichen.

Es erschien dies auch als eine Pflicht der Dankbarkeit gegen die allgemein gei­stigen Interessen, welche unleugbar an der Begründung und Dotirung von Sternwarten einen ebenso erheblichen An- theil haben als die strengeren wissen­schaftlichen Gesichtspunkte, wie sich auch aus einer kurzen Recapitulation der Ge­schichte der Berliner Sternwarte sofort ergiebt.

Bekanntlich datirt die Begründung astronomischer Institutionen in Berlin aus derselben Zeit, dem Anfang des acht­zehnten Jahrhunderts, in welcher Berlin eine Akademie der Wissenschaften erhielt; aber erst im weiteren Verlauf des acht­zehnten Jahrhunderts kam eine eigentliche Sternwarte mit etwas entwickelteren in­strumentalen und sonstigen Einrichtungen zu Stande, welche innerhalb des bekann­ten, schon von Friedrich I. erbauten vier­eckigen Thurmes über dem an die Doro­theenstraße stoßenden königlichen Stall­gebäude, auch jetzt noch durch eine Wind­rose und Wetterfahne gekennzeichnet, ein­gerichtet wurde. Zwar gab es von An­fang des achtzehnten Jahrhunderts an schon königliche Astronomen zu Berlin. Dieselben entstammten in den ersten Jahr­zehnten dieses Jahrhunderts einer Astro­nomenfamilie, der Familie Kirch, deren Männer und Frauen zu den eifrigsten und geschicktesten Beobachtern ihrer Zeit gehörten. Etwas Aehnliches wie eine Sternwarte war aber anfangs nur auf dem Dache des Hauses Wallstraße Nr.. 72 vorhanden.

Diese kleine Sternwarte, so zu sagen der erste Ausdruck des Interesses der ! Berliner für den Anblick der Himmelser-