Heft 
(1881) 295
Seite
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Förster: Abend besuch

scheinungen, auch der Schauplatz der ersten Arbeiten der Familie Kirch, war von dem Besitzer des genannten Hauses, dem Frei­herrn v. Krosigk, eingerichtet worden. Herr v. Krosigk war ein in großartiger Weise freigebiger Freund und Jünger der Astro­nomie, der auch sogar überseeische astro­nomische Unternehmungen, wie eine Be­stimmung der Entfernung des Mondes von der Erde, durch gleichzeitige Beobachtun­gen in Berlin und am Cap der guten Hoffnung, auf seine Kosten ausführen ließ und sich an den bezüglichen Messungen selbst betheiligte.

Die Grenzen meiner Arbeit verbieten es mir leider, zu einer eingehenderen Schilderung dieser wissenschaftlichen und persönlichen Verhältnisse abzuschweisen, deren Darstellung der anziehende Gegen­stand eines besonderen Aufsatzes werden könnte.

Ich eile daher sogleich von dieser kur­zen Erwähnung der Lage der hiesigen astronomischen Institutionen im achtzehn­ten Jahrhundert und der ersten hiesigen Stätte astronomischer Genüsse zu der wich­tigen Epoche, welche der Begründung der gegenwärtigen Sternwarte unmittelbar vorausging. Ich meine den Zeitpunkt, in welchem Alexander v. Humboldt hier die denkwürdigen Vorträge hielt, aus denen später das Lehrgebäude seines Kosmos hervorgegangen ist.

Dies war gegen Ende der zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts. Die alte Sternwarte ans dem Thurme des nach einem bekannten Witzworte,mu8i8 et malm", gewidmeten Gebäudes hatte sich überlebt. Sie war neben den anderen größeren Warten, die in anderen Ländern und auch in Deutschland inzwischen ent­standen waren, den Aufgaben der Wissen­schaft nicht mehr gewachsen. Alexander v. Humboldt aber war es, welcher durch seine Vorträge den Keim ansstreute, aus dem in einer der sparsamsten Zeiten preußi­scher Verwaltung durch die besondere Theil- nahme König Friedrich Wilhelm's III. eine neue Sternwarte hervorging, die da­mals unzweifelhaft zu den größten und vollendetsten ihrer Art gehörte. In be- merkenswerther Weise war der Kernpunkt, um welchen diese neue Einrichtung sich bildete, ein einziges mächtiges Fernrohr, die letzte große Arbeit Fraunhofer's.

auf einer Sternwarte.

Es war Humboldt gelungen, die Anschaf­fung desselben zu erwirken, nachdem seine Vorträge das Interesse besonders an den großen Entdeckungen Herschells im Him­melsraume in den höchsten und in den weitesten Kreisen Berlins mächtig belebt hatten.

Nachdem dieses Fernrohr, damals eines der größten überhaupt vorhandenen, meh­rere Jahre der Ausstellung geharrt hatte, gelang es endlich Encke und Humboldt, auch das dafür erforderliche Gebäude und j die zur weiteren Vervollständigung der astronomischen Forschungsmittel unentbehr­lichen anderen Einrichtungen zu Stande zu bringen.

Es war natürlich, daß auf einer Stern­warte, deren erste Entstehung so notorisch aus dem Interesse der Laien an dem mittelst starker Fernröhre zu gewinnenden Anblick der Himmelserscheinungen hervor­gegangen war, eine lebendige Tradition verblieb, sich dem geistig regen Publikum der Hauptstadt auch dauernd förderlich und dankbar zu erweisen.

Während in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens ein verhältnißmäßig sel­tener Gebrauch von dieser vorzugsweise den Einheimischen, aber auch den Frem­den sich darbietenden Gelegenheit gemacht wurde, ist im Laufe des letzten Jahrzehnts mit dem starken Anwachsen der Bevöl­kerung Berlins und der unleugbaren Ausbreitung des Interesses an allen Zweigen der Natnrerkenntniß die Zahl der Gesuche und Meldungen zu Abend­besuchen ans der Sternwarte in schnellem Steigen begriffen gewesen, so daß in den letzten Jahren die Anzahl der Abend- besucher der Sternwarte sich mitunter jährlich aus mehr als tausend Personen belaufen hat, abgesehen von den vielen Hunderten von Personen, welche im Lause eines Jahres an den Mittwochs und Sonn­abends Vormittag angesetzten Stunden bloß von den Einrichtungen der Stern­warte Kenntniß nehmen.

Wenn man nun bedenkt, daß es in dem Klima Berlins während eines Jahres höchstens 120 bis 140 Nächte von an­haltender und hinreichend vollkommener Klarheit des Himmels, sodann vielleicht nur noch 50 oder 60 Nächte von bloß vorübergehender oder unvollkommener Durchsichtigkeit der Luft giebt, so erkennt