Heft 
(1881) 295
Seite
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Förster: Abendbesuch

Sternwarte weichen in dieser Hinsicht von denen der hiesigen Sternwarte ab. Unter Leverrier's Regime gab es wohl mitunter glänzende astronomische Soireen, zu wel­chen die Spitzen der Gesellschaft einge­laden waren, aber für das große Publi­kum blieb die Sternwarte vollständig ver­schlossen.

Es wird vielen meiner Leser bekannt sein, in welcher Weise man sich bisher in Paris zu helfen suchte. Auf dem Eintrachts­platze, auf dem großen Triumphbogen (dem Triumphbogen des Sternes") und an einigen anderen Punkten sind ziemlich an­sehnliche Fernröhre von grober äußerer Einrichtung aber nicht unbedeutender Licht­stärke im Freien ausgestellt, und das Publi­kum genießt mittelst derselben zu festen Preisen am Tage den Anblick von Sonnenflecken, am Abend den Anblick von Mondbergen, Jupitersmonden, Sa- turnsringen und dergleichen. Die hierbei geltenden Preisansätze, nämlich einige Sous für jedes eine gewisse Zeit lang beschaute Object, entbehren in ihren Ein­zelheiten nicht einer gewissen Komik. (Als Cnriosum möchte ich hierbei einschalten, daß ein ähnliches Princip, aber in umge­kehrter Anwendung, eine Zeit lang für die jüngeren Astronomen auf der Pariser Sternwarte unter Leverrier zur Geltung gelangt war. Dieselben erhielten näm­lich so und so viel Centimes für jeden einzelnen etwa beim Durchgang durch den Meridian im Fernrohr von ihnen beob­achteten Stern, dessen Durchgangszeit sie ausgezeichnet hatten.)

Von den Unternehmern jener öffent­lichen Fernröhre werden natürlich gewisse Erläuterungen für den Beschauer hinzu­gefügt, welche mitunter in ganz kundiger und geschickter Weise, mitunter aber der­artig gegeben werden, daß es dem Herzen eines Astronomen, der sich etwa unter die Beschauer gemischt hat, recht wehe thut, zumal wenn er die enthusiastische und hingebende Art bemerkt, mit welcher Män­ner und Frauen selbst einem so unvoll­kommenen Orakel zu lauschen pflegen.

Erst neuerdings ist in Paris für die Befriedigung dieser Interessen und Nei­gungen des Publikums ein bedeutsamer Schritt in derselben Richtung geschehen, in welcher schon seit mehreren Jahren von Seiten der Leitung der Berliner Stern-

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warte einige Versuche leider bis jetzt vergeblich gemacht worden sind.

Der letzte Abschnitt meiner Darlegun­gen wird mich hierauf zurücksühren.

Zunächst möchte ich noch eine Frage beantworten, welche möglicher Weise im Anschluß an meine bisherigen Erörte­rungen gestellt werden könnte, nämlich die Frage, ob man nicht überhaupt von einer öffentlichen Berücksichtigung der in Rede stehenden Wünsche und Interessen des Publikums absehen könnte. Zumal in Betracht des auch von mir zugegebenen Umstandes, daß man, um vollen Genuß und volle Belehrung von den Wirkungen stärkerer Fernröhre zu empfangen, eines gewissen nicht leicht zu erlangenden Gra­des von Uebung und Kenntniß bedürfe, sei es vielleicht besser, jedem Einzelnen, dem es um Erwerbung von lebendigeren und zutreffenderen Anschauungen auf diesem Gebiete der Naturerkenntniß ernst­lich zu thun sei, zu überlassen, sich selbst, nötigenfalls unter Vereinigung der Kräfte und Mittel Gleichgesinnter, die erforder­lichen Hülfsmittel zu beschaffen. Auf diese Weise werde er selbst zu reiferem Genüsse gelangen und dann vielleicht in kleineren Kreisen der Mittelpunkt für Verbreitung weiterer Belehrung und Darbietung der betreffenden geistigen Ge­nüsse werden. Nach meiner Ueberzengung liegt die Sache nicht so einfach.

Auch jetzt schon sind in nicht geringer Zahl Mittelpunkte astronomischer Orien- tirung für kleinere Kreise vorhanden. Nicht nur sind zahlreiche Schulinstitutio­nen mit ansehnlichen Fernröhren ausge­rüstet, sondern auch viele Privatleute sind schon im Besitze ähnlicher Einrichtungen. Aber gerade aus solchen Kreisen, in wel­chen ein gewisser Grad von Uebung teleskopischen Sehens und viele klare Vor­stellungen und Kenntnisse astronomischen Inhalts durch die Anwendung derartiger Hülfsmittel bereits entwickelt sind, geht nicht nur erfahrnngsmäßig die größte Zahl derjenigen Besucher hervor, welche auf einer Sternwarte den betreffenden wissenschaftlichen Gesichtskreis zu erweitern und zu vertiefen wünschen, sondern diese Besucher sind auch recht eigentlich die­jenigen, welche den wahren Genuß und Gewinn von der Darbietung der mäch­tigeren Leistungen größerer Instrumente