Heft 
(1881) 295
Seite
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114 Illustrirtc Deutsche Monatshefte.

mitunter, daß die jetzige Lage der Ber­liner Sternwarte dieselbe eigentlich un­tauglich für astronomische Forschungen machen müsse, da nicht nur der Horizont von hohen Häusern umbaut sei, sondern auch die starken Trübungen der Luft durch den Rauch und Staub eines großen Ver­kehrscentrums ungemein störend sein müß­ten. Unzweifelhaft ist dies der Fall für die lichtschwächeren Gegenstände des Him­mels, welche sich an den Grenzen der Wahrnehmung selbst für das verschärsteste Sehen befinden. Die Verbauung des Horizonts hat dagegen für die feinere astronomische Beschauung und Messung keine erhebliche Bedeutung, da erst in ziemlich großen Höhen über dem Horizont der eigentliche Horizont astronomischer Arbeit beginnt, und für zahllose Wahr­nehmungen und Messungen an helleren Objecten bewirkt auch die materielle Trü­bung der Lust durch Ranch und Staub eine in unserem Klima verhältniß- mäßig geringe Beeinträchtigung, da es leicht uachzuweisen ist, wie die dünnsten, säst unsichtbaren Schichten von Nebelbläs­chen, welche durch die fast unablässigen Veränderungen des Luftdrucks und der Windrichtung hervorgerufen werden, die Reinheit und Intensität der Lichtbewegun­gen, die aus dem Himmelsraum zu uns dringen, in viel höherem Grade beein­trächtigen als eine tiefdunkle Rauchwolke. Die Dunkelheit der letzteren entstammt nur der Schwärze der kleinen Kohlen- theilchen, zwischen denen jedoch das Licht viel ungestörter durchgeht als zwischen den in unserem Klima auch ohne den Anlaß, welchen materielle Verunreinigung der Luft zu Bläschenbildungen giebt fortwährend wechselnden Zuständen des Wasserdampfes der Atmosphäre.

Allerdings wird man es verständiger Weise vermeiden, in diesem Klima und zumal mitten in einer großen Stadt, in welcher bei den stärksten Vergrößerungen auch die Erschütterungen des Erdbodens sehr bemerklich werden, die feinsten optischen Messungen ausführen zu wollen oder so kolossale Fernrohre aufznstellen, wie der rastlose Wetteifer der Nationen jetzt zu errichten bemüht ist, oftmals ohne der

Bedingungen kritisch eingedenk zu sein, welche für die Wirksamkeit derartiger Hülfsmittel unumgänglich sind. Innerhalb gewisser Grenzen, über welche hinaus natürlich eine Ergänzung durch Einrich­tungen in günstigster Lage geboten werden muß, wird eine Sternwarte auch mitten in einer großen Stadt noch eine bedeutende Forschnngsthätigkeit, jedenfalls aber die lebendigste Lehrtätigkeit ansüben können. Ein Fernrohr von der Größe des be­deutendsten jetzt auf der hiesigen Stern­warte aufgestellten würde sicher hinreichen, eine Fülle derjenigen Anschauungen und Anregungen zu gewähren, deren allge­meinere Bedeutung darzulegen ich hier versucht habe.

Bevor ich diese Darlegungen beschließe, gestatte man mir noch hinzuzufügen, daß ich keineswegs den Wunsch habe, öffent­liche Institutionen dieser Art ausschließ­lich der Astronomie gewidmet zu sehen; vielmehr wird es durchaus zweckmäßig sein, wie man auch in dem vorerwähnten neuen Observatorium in Paris beabsichtigt, ex­perimentelle Einrichtungen mannigfacher Art, welche in glücklichste Verbindung mit astronomischen Einrichtungen treten kön­nen, als Hülfsmittel der Anschauung und Belehrung ans verwandten Gebieten der Natnrerkenntniß, z. B. optischen und elek­trischen Charakters, hinznzufügen.

Weckung und Belehrung solcher Art wird auch allen privaten Leistungen auf demselben Gebiete, denen das Publikum bereits ein so großes Interesse widmet, eminent förderlich sein, wie ich auch glaube, daß die Errichtung solcher Sternwarten, welche ausschließlich der Forschung dienen, keinen Abbruch, sondern hohe Förderung erfahren wird durch die Begründung von Institutionen, welche auf demselben Ge­biete ausschließlich oder überwiegend der populären Belehrung dienen. Der wissen­schaftliche Geist überhaupt wird auch aus letzterer größere Stärke gewinnen und dann vielleicht auch in Deutschland Er­scheinungen zeitigen wie die zahlreichen Privat-Sternwarten, welche in England und Nordamerika sowohl der Forschung als dem geistigen Genüsse und durch diesen der Gesittung Vieler dienen.