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Die musikalisch-ästhetische Literatur seit 1850.
Bon
Heinrich Ehrlich.
in.
den in neuer Zeit, d. h. W W Eli seit dem Jahre 1848, er- W schienenen Aesthetiken ist vor Allem die von Friedr. Bischer zu nennen. Sie widmet der Musik einen stattlichen Band von 380 enggedrnckten Seiten. Zwar ist Alles, was die „einzelnen Momente" der Musik behandelt, nach Bischer^ eigenem Geständnisse, voll Prof. Karl Köstlin * in Tübingen verfaßt; aber die Grundlage des Ganzen, der erste, 75 Seiten umfassende Abschnitt: „Das Wesen der Musik", stammt vollständig aus der Feder Vischer's. Aus dem Werke fließt ein unerschöpflicher Born der Belehrung; es ist allerdings nur dem ernsten lind geduldigen Leser zugänglich, der die schwerfälligen, viele Gedanken über einander häufenden Perioden nicht scheut und sich zurechtlegt und auch so viel eigenes fertiges Urtheil mitbringt, daß er über den vielen vortrefflichen Eigenschaften Jrrthümer nicht übersieht. Vischer- Köstlin geht von dem Grundsätze aus, daß die Musik Gefühle ausspreche; das Gefühl ist ihm „Urheber der sich nunmehr (d. h. nach den bildenden Künsten) eröffnenden Kunstform". Er sagt sogar: „Ein Tonstück darf die Empfindung nicht bloß an- deuteu, sondern soll sie musikalisch geradezu
* Nicht zu verwechseln mit Or. Heinrich Adolf Köstlin, der ebenfalls viel über Musik geschrieben hat und von dem noch die Rede sein wird.
zeichnen und malen, es soll den Charakter der Empfindungsbewegung in die ganze Tonbewegung übertragen als beherrschende, Alles durchdringende, aus Allem hervortönende Einheit — hierzu und zu nichts Anderem giebt es Musik und ist die Musik fähig —; wenn diese Einheit da ist, wenn sie dem Tonstück einheitlichen Charakter und Rhythmus giebt, so ist es eben damit verständlich und gefällig, auch wenn man nicht weiß, was gemeint ist" u. s. w. Die Worte „Charakter der Empfindungsbewegung" erscheinen auf den ersten Blick leichter zu erklären als bei näherer Prüfung. Denn wer bestimmt die „Empfindungsbewegung" und deren „Charakter" so genau, daß dieser musikalisch gezeichnet und gemalt werden kann? Und wer will beweisen, daß in irgend einem Tonwerke der „Charakter" dieser oder jener „Empfindungsbewegung" „genau" gezeichnet und gemalt sei? Wie bewegt sich denn die Empfindung der Liebe, der Sehnsucht — der Schmerz, die Freude? — Man darf nicht etwa einwerfen, daß ich das Wort „Empfindung" anwende, wo nur der Ausdruck „Gefühl" berechtigt ist; denn Bischer selbst sagt ausdrücklich Z 747: „Vermöge innerer Nothwendigkeit besteht im Leben der Phantasie eine besondere Form, worin dieselbe mit ihrem ganzen Wesen sich auf den Standpunkt des Moments der Empfindung stellt und bloß innerhalb derselben bildet", und bemerkt
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