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INustrirte Deutsche Monatshefte.
rungen als Liszt's in französischer Sprache verfaßte Studie über Chopin (eine Biographie kann man sie nicht nennen), bietet aber in schlichter Einfachheit eine vortreffliche Grundlage für eine richtige Anschauung von dem Leben und dem Charakter des genialen Componisten und Virtuosen. Die Schubert-Biographie von Kreißte — die erste ausführliche, die überhaupt geschrieben ward — enthält viel schätzenswertstes Material, aber doch auch zu viel Nebensächliches und Ungeordnetes; viel besser ist das Werk von Reißmann über Schubert. Derselbe Autor hat auch Biographien von Schumann, Mendelssohn und Haydn herausgegeben, die ihrem Zweck: vor Allem dem großen Leserpublikum recht verständlich zu sein, vollkommen entsprechen. Pohl's erster Band einer Haydn-Biographie läßt eine sehr gediegene Arbeit erhoffen. Schletterer's „Reichardt", von dem auch nur der erste Band erschienen, ist mehr der cultnr- als der mnsikgeschichtlichen Seite des Gegenstandes zugewendet. Spohr's und Lowe's Selbstbiographien, letztere von Bitter herausgegeben und mit interessanten Bemerkungen versehen, gehören als die sicheren und wahrheitsgetreuen Auszeichnungen zweier edler Meister zu den anregendsten Beiträgen der Musik- und Sittengeschichte. Zu diesen rechnen wir auch die Sammlungen von Musikerbriefen,
denen in neuerer Zeit besondere Aufmerksamkeit sowohl von Seiten der Forscher als auch des Publikums gewidmet wird. Und mit Recht. Denn besser wie aus allen Betrachtungen, Commentaren und Vermuthungen eines Biographen lernt der aufmerksame Leser den Charakter eines Künstlers aus dessen Briefen kennen. In diesen giebt er seinen Gedanken und Gefühlen oft viel freieren Ausdruck als im Leben, wo verschiedenartige Ursachen ihm Zurückhaltung geboten. Und die großen Tonkünstler waren ja stets so vortreffliche Menschen, daß man ihnen Alles, was sie schreiben, von Herzen glauben kann. Heutzutage, wo der Eudämonismus in allen Knnstkreisen immer mehr und mehr an Macht gewinnt, wo weltmännische Gewandtheit dem Erreichen künstlerischer Zwecke oft förderlicher erscheinen mag als die Leistung, wo der Parteigeist und der Einfluß der gesellschaftlichen Verbindungen immer mehr Macht auf die Entscheidung künstlerischer Angelegenheiten ansüben, wo auch die zunehmende Bildung gewisse Formen und Formeln immer mehr verallgemeinert und die Individualität beschränkt, — heute wird der Briefwechsel nach und nach den Charakter des originellen Ausdruckes natürlicher ungezwungener Empfindung verlieren, lind man wird lernen, zwischen den Zeilen auch der Künstlerbriese zu lesen.