Jllustrirte Deutsche Monatshefte.
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nicht hinter ihren Vätern zurückzubleiben, in das Leben ein. Von dein Standpunkt unserer Tage gesehen, ist es, als ob die Jugend damals jünger gewesen, als die Jugend sonst es ist, reicher, frischer, glühender gewesen, als ob sie mehr Pulver in dem Blute gehabt habe. Ich denke mir es so, daß das junge Geschlecht, welches während der Revolution den socialen und politischen Zustand Frankreichs umgestaltet hatte und in diesem Beruf aufging, und das während des Kaiser- thnms auf allen Schlachtfeldern in Frankreich, Italien, Deutschland, Rußland, Aegypten sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte, jetzt mit derselben Begeisterung und Leidenschaft sich auf Literatur, Poesie und die bildenden Künste warf. Auch dort waren Umwälzungen auszuüben, Siege und Land zu gewinnen. Während der Revolution hatte die Jugend für Freiheit und Gleichheit geschwärmt, unter Napoleon den Kriegsruhm angebetet, jetzt vergötterte sie die Kunst. Zum ersten Mal wird in Frankreich das Wort Kunst, von der schönen Literatur gebraucht, eine stehende Bezeichnung. In dein achtzehnten Jahrhundert hatte die Literatur gestrebt, sich als Philosophie zu formen und zu gestalten, und in diese Benennung wurde weit mehr gefaßt, als man heutzutage mit dem Namen Philosophie bezeichnet. Jetzt strebte die ganze Literatur nach der Würde und dein Namen der Kunst.
Dies beruhte darauf, daß die abstracte und räsonnirende Geistesrichtung, die zur Zeit des Classicismus in dem Denken wie in dem Schaffen hervortritt, im neuen Jahrhundert langsam einer Vorliebe für die Concretion, für das Sinnlich-Anschauliche gewichen war. Diese neue Vorliebe beruhte aber tiefer wieder darauf, daß man die Natur, die primitive, unbewußte, volksthümliche, noch nicht civilisirte Natur dem eivilisirten Geistesleben vorzog. Weswegen? Weil ein naturwissenschaftlich und historisch gesinntes Zeitalter einem rationalistischen gefolgt war. Man wünschte nicht Philosoph zu heißen, denn man sah es für etwas Höheres an, ein ursprüngliches Naturell zu haben, als ein bewußter Denker zu sein. Man verschmähte die poetische Literatur des vorigen, ja sogar des siebzehnten Jahrhunderts, weil sie rationell war, blutlos und geschmackvoll,
mit Hinblick auf Sitte und Regel gemacht, nicht geworden und gewachsen erschien.
Es verstand sich von selbst, daß ein Geschlecht, welches den Feldzug nach Rußland hinter sich hatte, sich nicht besonders für die seit den Zeiten Lndwig's XV. unveränderte Etiquette des französischen Trauerspiels zu interessiren vermochte; aber an und für sich mußte schon die neue Auffassung der Poesie der Jugend Abscheu gegen Regeln und akademische Grundsätze einflößen. Denn wie konnte die Kunst als Product eines unbewußten, von geheimnisvollen Naturgesetzen beherrschten Hervorbringens äußeren Regeln unterworfen sein! Die Revolution, die Alles nmstürzte, hatte die Akademie und die Regeln Boileau's allein stehen lassen. Voltaire, der die alte Welt erschütterte, hatte das Ebenmaß und den Versbau der Alexandriner respectirt. Jetzt fiel auch dieser letzte Autoritätsglaube.
Von 1824 bis 1840 bringt Frankreich eine große und bedeutende Literatur hervor. Die künstlerischen Leistungen des Geschlechts von 1830 sangen also während der Restauration an und erstrecken sich tief in das Zeitalter des Julikönigsthums hinein. Es läßt sich unschwer zeigen, daß sowohl die mit Puder erfüllte Luft der bonrbonischen Herrschaft wie die drückende Atmosphäre des dreifarbigen Bür- gerkönigthnms der erblühenden Dichtung ersprießlich, wenigstens fördernd sein mußte.
Obwohl die Restaurationszeit politisch ein Zeitalter der äußersten Reaction war, hatte sie doch social und geistig ein ganz anderes Gepräge. Erstens erzeugte der Druck selbst den Drang nach Freiheit. Der Bürgerstand, der zuletzt durch das Pariser Proletariat und die studentische Jugend das Königshaus stürzte, hatte sich während des ganzen Zeitraums in steigender Unzufriedenheit befunden. Die Folge war unter Anderem, daß die schöne Literatur, die von Anfang an parallel mit der Regiernngspolitik der historischen Reaction gegen das achtzehnte Jahrhundert Ausdruck gegeben hatte, ungefähr zur Zeit, wo Chateaubriand aus dem Ministerium Villdle gestoßen wurde, ihren Charakter von Grund ans zu verändern anfing.*
* Man vergleiche: Die Hauptströmungen in der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts III, 158.