Heft 
(1881) 297
Seite
280
Einzelbild herunterladen

280

Jllustrirte Deutsche Monatshefte.

sie gehen sollte, und stieg endlich treppauf in ihre Kammer und öffnete Thür und Fenster. Und wirklich, als erst ein hef- tiger Luftzug ging, wurde ihr freier, und die Bedrückung fiel von ihr ab.

-i- *

Baltzer Bocholt war, als nicht Griffel, sondern ein bloß zufälliges Geräusch das Gespräch der beiden Geschwister unter­brochen hatte, vom Flur her auf den Vorplatz und gleich danach ins Freie hinausgetreten. Hier hielt er sich, immer dem Laufe des Baches folgend, auf die Dorsgasfe zu, bis er zuletzt, und schon jenseits des Dorfes, an eine von einem großen Holzhof umgebene Schneidemühle kam. Er setzte sich hier auf einen Stoß frifchgeschnittener Bretter, die zum Trock­nen aufgeschichtet waren, und sah in das Land hinein, das vor ihm weit aus­gebreitet lag.

Und nun erst, als er den Blick freier hatte, begann er feine Gedanken zu sam­meln und sich zu fragen:Was ist zu thun?" Und ein bitterer Zug umspielte seinen Mund, und er sagte:Nichts! Nichts! ... Und was ist denn auch ge­schehen? Sie lieben sich. Und warum sollten sie's nicht? Bloß um deshalb nicht, weil ich ein Narr war und einen närrischen Plan hatte? Bloß um deshalb nicht, weil sie Bruder und Schwester sein sollten? Es ist ihr gutes Recht. Laß sie. Liebe steckt im Blut und muß auch Heim­lichkeiten haben; das ist ihr Liebstes und Süßestes."

Und als er so sprach, klang's ihm wieder im Ohr, was sie sich zugeflüstert hatten und daß sie sich oben treffen wollten, an derselben Stelle fast, wo sie damals schlafend am Waldesrande gelegen hatte. Dicht bei der Muthe Rochussen ihrem Haus. Und alles Blut stieg ihm wieder zu Kops, und er wußte es selber nicht, ob

es Zorn war oder Scham. Aber das wußte er: Eifersucht sah ihm starr ins Gesicht und erfüllte seine ganze Seele. Du hast es nicht wissen wollen. Nun weißt du's."

Er hatte, während er so sann und vor sich hinstarrte, mit seinem Stock allerhand Figuren in das Sägemehl gezeichnet, das über den ganzen Holzhof hin ausgeschüttet lag; als er jetzt aber wahrnahm, daß er von der Mühle her beobachtet wurde, stand er auf, begrüßte sich mit dem Sägemüller und sprach mit ihm über dies und das: über die Gräfin und den Preu­ßischen König und über die schlechte Zeit. Und zuletzt auch über die Holzpreise, die jeden Tag niedriger gingen. Aber es war bloß Lippenwerk, und er wußte nicht, was er sprach, und sah unter all' seinem Reden immer nur nach dem Sägewerke hin, das in scharfem und schrillem Ton auf und nieder ging und in den einge­spannten Baumstamm einschnitt. Es war ihm Alles, als fühl' er's mit.

Und endlich brach er das Gespräch ab, weil er weiter ins freie Feld hinaus wollte.

Die Luft strich am Gebirge hin, das that ihm wohl, und während er so sich ruhiger und auf Minuten auch weicher werden fühlte, kam ihm ein unendliches Bedürsniß nach Aussprache, nach Rath und Trost. Aber wohin?Sörgel?" Nein.Oder zu dem alten Melcher?" Nein.Ich will zu den Todten gehen." Und in weitem Bogen ging er, ohne die Stunden zu zählen, erst um den Agneten- und dann um den Schloßberg herum, bis er zuletzt an den Kirchhof kam und eintrat.

Hier war Alles still, und er hörte nichts als das entfernte Rauschen des Baches und das Aufschlagen der Tannenäpfel. Er ging an dem gräflichen Erbbegrübniß vorüber und sah nach dem Kreuz hinauf, und Alles erschien ihm so räthselvoll und ungelöst wie das Zeichen daran. Und