Heft 
(1881) 297
Seite
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Fontane:

nun bog er rechts in einen schmalen Gang ein, wo die Beamten und die Dienerschaft ihren Ruheplatz hatten, und an dem vor­letzten Grabe hielt er.

Er war seit lange nicht hier gewesen, und um das Gitter her hatte sich ein dichter Ephen geschlungen; aber nicht ge­hegt und gepflegt, sondern wie Unkraut. Und so standen auch die Blumen, ein wilder, halb verblühter Knäuel von Bal­saminen und Rittersporn. Und auch von Levkojen und Reseda. Das waren die­selben Blumen und zu seiner eigenen Empörung drängte sich's ihm aus, die sie, vor wenig Tagen erst, von dem Garten­beete drüben in seine Gebnrtstagsguirlande geflochten; und mit einem Male stand sie selber wieder vor ihm und sah ihn an. Er konnte ihr nicht entfliehen. Ach! um der Heimgegangenen Frau willen, der er sein äußeres Glück verdankte, war er hergekommen, ernstlich gewillt, eine stille Gemeinschaft mit ihr zu haben, ihre Hand wieder zu fühlen und ihr freundlich Auge wieder zu sehen. Und doch Alles um­sonst. Er sah immer nur das Bild, das sich zwischen ihn und die Todte stellte. Weg!" rief er und schlug mit der Hand nach dem Bilde. Aber es blieb. Und nun begann er gegen sich selbst zu wüthen, daß er auf dem Punkte stehe, ein Schelm zu werden und ein langes und ehrliches Leben um einer Narrethei willen in die Schanze zu schlagen.Ich muß heraus aus dem Elend!" rief er.Aber wo soll ich Hülfe finden, wenn auch diese Stelle mir versagt?" Und er packte die Stäbe des Gitters und rüttelte daran.

Oder ob ich mit der Griffel spreche? ... Nein, ich muß es allein dnrchmachen und Alles vor mir selber beichten, bis ich's los und ledig bin... Aber was beichten? Und wozu? Was hab'ich gethan? Nichts, nichts! Mir ist viel angethan, viel Weh und Leid, und wenn ich's in Eitelkeit her­aufbeschworen und in Schwäche großge­

lllern klipp.

zogen Hab', so bleibt es doch wahr: Du mein Herr und Gott, deine Hand liegt schwer auf mir... Es wird nichts Gutes. Ich fühl' es... Es kann nicht. Ich habe wohl das Einsehen und das Auge, daß es besser wär', es wäre anders; aber weiter Hab' ich nichts. Und ob die Schuld mein ist oder nicht, und ob ich's verfahren Hab' oder nicht, es muß bleiben, wie's ist, und es muß gehen, wie's will."

Er ließ die Stäbe los, an denen er sich noch immer hielt, und setzte sich auf das steinerne Fundament, drin das Gitter ein­gebleit war, und nahm seinen Hut und drehte ihn zwischen den Fingern, als ob er bete. Aber er betete nicht; er suchte nur nach Beschäftigung und Ruhe für seine fliegenden Hände. Und es war auch, als helfe es ihm.Ich Hab' einmal ge­lesen," sprach er nach einer Weile vor sich hin,oder war es Sörgel, der es mir sagte, wenn wir die Besinnung verlieren und nicht wissen, was wir thun sollen, weil Hunderterlei zu thun ist und mit eins auf uns einstürmt, dann sollen wir uns fragen: was ist hier das Nächstliegende? Und wenn wir das gefunden haben, so sollen wir's thun als unsere Nächstlie­gende Pflicht. Und dabei werd' uns immer leichter und freier ums Herz wer­den ; denn in dem Gefühl erfüllter Pflicht liege was Befreiendes. .. Ja, so war es. Und was ist denn nun das Nächstliegende? Meine Nächstliegende Pflicht ist die des Vaters, 's ist ein Unglück, daß es in meinem alten Herzen anders anssieht, als es drin aussehen sollt'. Aber das darf mich nicht hindern, diese Pflicht zu thun. Ich habe für Recht und Ordnung einzu­stehen und für Gebot und gute Sitte. Das ist meine Pflicht. Und so muß ich ihr Gebühren und ihr Vorhaben stören."

Aber im selben Augenblick übersah er's besser und lachte bitter in sich hinein: Ordnung und gute Sitte. Hab' ich sie denn gehalten? Aus aller Zucht des