Heft 
(1881) 297
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Die Gräfin aber entgegnete:Ich weiß, Vater Melcher, daß Ihr an solche Erscheinungen glaubt, und ist nicht Ort und Stunde, dafür oder dawider zu streiten. Und auch nicht darüber" und hier verbeugte sich der alte General gegen die Gräfinob nicht die Gnade mäch­tiger und unwandelbarer ist als das Ge­setz. Ueber all' das nicht heute. Heute nur das: Ihr wißt, daß er todt ist?"

Der Alte bejahte.

Nun denn, so seh' ich nicht, was Euch Furcht oder Sorge schafft. Oder mißtraut Ihr dem Manne? Daß er bei Jahren, ist nicht vom Uebel. Es sind nicht die schlechtesten Ehen, wo der Mann sein An­sehen verdoppelt, weil er zugleich ein Vater und Erzieher ist. Ich Hab' umge­kehrt mehr Ehen daran scheitern sehen, daß dies Ansehen fehlte. Der Baltzer Bocholt aber hat das Ansehen; er ist ein ehrenhafter Mann und wird die Hilde nicht an den Altar gezwungen haben."

Der Alte schwieg.

Ihr schweigt. Wenn Ihr es anders wißt, so sagt es. Ich Hab' eine Theil- nahme für das Kind. Ich meine für die junge Frau."

Nein, er wird die Hilde nicht an den Altar gezwungen haben," wiederholte Melcher Harms die Worte der Gräfin. Und doch ist es ein Zwang."

Ihr müßt deutlicher sprechen, Vater Melcher. Ihr seid zu vorsichtig in Eurer Rede."

Nun denn, Gräfin, sie hat nie ver­gessen, was er an ihr gethan; aber zugleich auch ist sie die Furcht vor ihm nie los geworden. Und aus Furcht und Dank­barkeit ist es gekommen, und aus Furcht und Dankbarkeit hat sie ja gesagt."

Unter diesem Gespräch hatte sich die Theilnahme des alten Generals, dem in der That ein gut herrnhntisch Herz in der Brust schlug, immer aufrichtiger dem Erweckten von Emmerode" zugewandt;

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die Gräfin aber antwortete:Sörgel und Ihr, Melcher Harms, ihr seid ihr Freund. Aber Ihr wißt doch, was die Leute sagen: sie lebe so müd' und matt in den Tag hinein; und stille Wasser seien tief. Und sei Keiner, dem sie's nicht angethan. Und habe doch selber kein Herz und keine Liebe. Ja, lächelt nur! Ihr seht, ich habe meine Zuträgerschaften. Aber ich mißtraue sol­chem Urtheil, und nun sagt mir das Eure."

Wer das Alles von der Hilde gesagt hat, der hat sie gut genug gekannt. Aber er ist aus halbem Wege stehen geblieben. Ja, Gräfin, es ist eine sehnsüchtige Natur, die Liebe will. Und daß ich's sagen muß: auch irdische Liebe. Danach trachtete sie durch Tag und Jahr und wartete daraus und wartet noch. Und ist All' umsonst, wie lang sie warte. Denn ich seh' ihre Zukunft so klar wie die Tanne drüben auf Ellernklipp, und weil sie's auf Erden nicht finden wird, so wird sie's suchen lernen dort oben und wird sich klären und in himmlischer Liebe leben und sterben. Und wird ein Engel sein ans Erden. All' das seh' ich, und sehe nichts mehr von ihrer Schuld und Schwäche. Ja, Gräfin, eine Gebenedeite wird sie sein, sie, die heute nach dem unerforschlichen Rath- schlusse Gottes ihres Pflegevaters Frau geworden ist. Und wird die Kraft haben, viel Manchen von uns frei zu beten, zu­mal auch Einen, den ich heute nicht nen­nen will."

Er hatte das Alles mit dem ganzen Leuchteblick eines echten Conventiklers gesprochen, der sich seiner Prophetengabe voll bewußt ist, und selbst die jungen Herren, die sich anfangs nur spöttische Bemerkungen über dasOrakel von Emmerode" zugeslüstert hatten, waren still geworden. Der alte General aber, als Melcher Harms jetzt aufstand, stand mit ihm auf und gab ihm das Geleite durch Saal und Halle hin bis an die Wendeltreppe.