Heft 
(1881) 297
Seite
292
Einzelbild herunterladen

292

Allustrirte Deuts

Doppel-Species oder einen großen Mans- felder Thaler auf die Herzgrube des Kindes legen. Und wenn er da drei Vaterunser lang gelegen, dann solle sie den Species oder den Mansfelder wieder fortnehmen und einen neuen hinlegen. Denn das Kind brauche Kühle, nicht aber Hitze.

Das half denn auch, wenigstens auf Wochen hin, und der alte Melcher Harms würde vielleicht noch weiter geholfen und jedenfalls der Mutter ein Trofteswort gesprochen haben, wenn er nur hätte ins Haus kommen und das Kind sehen dürfen. Aber das litt der Haidereiter nicht, und als Hilde sich ein Herz nahm und es bei sich bietender Gelegenheit in bestimmten Worten von ihm erzwingen wollte, wurde er roth und sah so bös aus wie früher, wenn ihm die Zornader schwoll. In allem Anderen aber war er stiller geworden und weniger streng und ließ Vieles hingehen, und nur gegen den Melcher Harms, wie Hilde mit jedem Tage mehr erfahren mußte, verblieb ihm ein Groll, der um so tiefer saß, als er sich mit dem mischte, was er sonst nicht kannte: mit Furcht. Er muthmaßte näm­lich, daß der Alte damals, als er an seinem Bette gewacht, allerlei von dem, was das Fieber auszuplaudern pflegt, ge­hört haben müsse. Von diesem Verdacht konnte er nicht -los, und eines Tages, bald nach der Hochzeit, wurde es ihm wie zur Gewißheit.

An diesem Tage war Melcher Harms wie gewöhnlich des Weges gekommen, seinen Spitz neben sich und sein Strick­zeug in der Hand, und die Kühe des Haidereiters, als sie das Läuten von fern her gehört, waren von selbst aus der offenen Stallthür getreten und hatten sich angeschlossen. Alles wie sonst. Und so war der Alte vorbeigezogen, mit einem Gruß gegen Hilde, die, blasser noch als ge­wöhnlich, an dem offenen Fenster gestanden

che Monatshefte.

hatte. Hinter dem Gehöft aber war er nicht nach rechts hin auf die Berglehne hinauft gebogen, sondern hatte, weil die Sieben- Morgen schon abgeweidet waren, Alles weiter thalaufwärts, ans Diegel's Mühle zu, getrieben. Ueberall stand Unterholz, und der schmale verwachsene Weg hielt ihm von beiden Seiten her die Heerde zu­sammen. Und so war er bis dicht an den Fuß von Ellernklipp herangekommen und hatte schon das Elsbruch oder doch die Vor­läufer davon zu seiner Rechten, als sein Spitz, ein altes abgerissenes Stück Zeug zwischen den Zähnen, aus dem Gebüsch herauskam und es zu Füßen seines Herrn niederlegte. Der bückte sich, und weil er sparsam sein gelernt hatte, nahm er's auf und that es in seine Ledertasche. Und siehe, es traf sich, daß er auf der Stelle fast einen Nutzen daraus ziehen sollte. Denn als sie wenige Minuten später ans dem Bruche wieder heraus waren und eben etwas lehnan an einem Plankenzaune vorbei wollten, wurde die vorderste von des Haidereiters Kühen in die Planken hineingedrängt und riß sich an einem rostigen alten Nagel das Fleisch dicht über dem Knöchel auf. Es blutete heftig, und Melcher, als er's sah, legte den Leinenlappen, den ihm sein Spitz anf- gestöbert hatte, sorglich um die Wunde herum.

So verging der Tag.

Als aber Joost am Abend in der Stallthür stand und beim Anblick der rückkehrenden Heerde gewahr wurde, daß die Braune, die die beste Milchkuh war, lahm ging und bei jedem Schritt einknickte, rief er den Haidereiter, daß er käme und sähe, was es sei. Der kam denn auch und wickelte zunächst den Verbandlappen wieder ab. Als er ihn aber in Händen hielt und sah, daß es das Stück Sacktuch war, das er damals abgerissen und um den Spatenstock gewickelt hatte, kam ihm ein Schwindel, und er fiel ohnmächtig an