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seitwärts gelegenes Gatter in das Städtchen hinein.
In allen Straßen war Lust und Leben, und Baltzer freute sich von Herzen, mal unter Menschen zu sein und etwas Anderes zu sehen als eine weinende Frau. Das mit dem Kinde hielt er für nicht so schlimm und entsann sich mit einem gewissen Behagen, daß ihm in seinen jungen Jahren von seiner Mutter immer wieder und wieder erzählt worden sei, er sei klein und dürftig und überhaupt ein schwächliches Kind gewesen. Und so stand ihm denn fest, daß ihm der alte Schliephake, den er von seiner großen Krankheit her schätzte, nicht bloß einen guten Rath, sondern auch einen guten Trost geben werde. Warum sollte es denn auch ein schwächliches Kind sein?
An der Jlsenbrücke war ein Wirths- haus mit einem an einem Arm hängenden Schilde, daraus ein goldener Ritter mit geschlossenem Visir abgebildet war. Muthmaßlich ein alter Emmeroder Graf. An diesem Wirthshause hielten sie, stiegen ab und gingen nach einer kurzen Zwie- sprach mit der Wirthin auf des Doctors Haus zu, das in nächster Nähe gelegen war.
Sie fanden ihn in einer Hinterstube, gerade damit beschäftigt, über den Hof hin einen ganzen Regen von Gerstenkörnern auszustreuen. Denn er war ein leidenschaftlicher Tauben- und Hühnerzüchter, und wenn die zwei jungen Hähne, die den Hof beherrschten, die Glucken und Küken nicht nahe genug heranließen, so griff er in eine neben ihm stehende Schüssel mit Kartoffeln und Mohrrüben und warf die Stücke mit solcher Geschicklichkeit nach den allzu Zudringlichen, daß sie, kollernd und krähend, aus ein Paar Augenblicke das Feld räumten. Er nannte das seinen „Schutz der Wittwen und Waisen" und verschwor sich hoch und theuer, daß die ganze Welt in derselben Weise regiert werden müsse.
Eltern klipp. 295
Die Bocholt'schen Eheleute hatten nach einer halb herzlichen, halb verlegenen Begrüßung am Sophatische Platz genommen, und Hilde säumte nun nicht länger, unter einem Strome von Thränen Alles vorzutragen, was ihr das Herz bedrückte. Baltzer wollte verbessernd dazwischen sprechen, aber der Doctor wies ihn mit einer leisen Handbewegung zurück und sagte: „Nicht doch, Bocholt. Eine Mutter sieht immer am besten. Und jedenfalls besser als ein Vater." Und danach nahm er das Kind aus den Kissen und behorchte seinen Athem und den Schlag seines kleinen Herzens, ganz wie Melcher Harms es seinerzeit gethan hatte.
Das waren erwartungsvolle Minuten. Endlich aber gab er das Kind an Hilde zurück und sagte: „Geht ins Freie mit ihm, liebe Frau. Die Luft ist zu schwül und zu drückend hier. Und Luft ist Alles für das Kind. Ich will aber doch etwas aufschreiben, zur Erleichterung, und es Eurem Manne geben... Er kommt Euch dann nach."
All das klang ihr nicht gut und trostreich, und sie sah wohl, daß er allerlei Dinge zu sagen hatte, die sie nicht hören sollte. Sie ging aber, und als Schliephake, der ihr mit dem Ohre gefolgt war, die Hausthür ins Schloß fallen hörte, schob er seinen Stuhl näher an Baltzer heran und sagte: „Ich wollt' erst Eure Frau fort haben; Ihr aber, Bocholt, Ihr müßt es hören können... Es muß sterben."
Baltzer Bocholt fuhr zusammen und sagte dann, indem seine Stimme stotterte: „Warum sterben?"
„Weil es kein Leben hat. Es ist welk, so welk, daß jede Stunde Leben ein Wunder ist."
Aber das gefiel dem Haidereiter nicht, der ein dünkelvoller Mann war und in seinem Dünkel auch auf seine Kraft und Kernigkeit große Stücke hielt. Und er antwortete mit sichtlicher Verstimmung: