Grosse: Valesca.
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wie man mich entlassen, ich möchte sagen abgeschüttelt — nach der Art, wie man ein feierliches Wort znrückgenommen und ein Menschenglück zertrümmert, ist jedes Wort überflüssig zwischen uns. Das werden Sie begreifen!"
Valesca's Antlitz überflog es von Neuem mit flammender Gluth.
„Ich will nicht hoffen, Herr Professor, daß mein Bruder das Unvermeidliche nicht mit Schonung gethan hat?"
„Mit Schonung! Wozu überhaupt Schonung? Comteß sind wirklich zu gütig. Ihr Herr Bruder war viel liebenswürdiger, als nöthig war. Man hätte noch weniger Umstände machen können. Was ist auch ein Mauuesherz Werth — ein Divertissement für einen Tag, eine Reisestation, ein schlechtes Romancapitel, das man nicht zu Ende liest, ein werthloses Spielzeug, ein buntes Charivari, das man im Dutzend noch billiger hat — was sonst?"
„Sie werden bitter und verletzend ohne Ursache."
„Auf eigene Kosten, Comteß, auf eigene Kosten! Jeremias hat ganz Recht. Des Menschen Herz ist ein verzagtes Ding, verzagt vor der Hand des Herrn, aber wenn Menschen sich solche Göttermacht anmaßen, dann wacht der Titanenstolz auf im Menschenherzein Ich danke Ihnen, daß Sie ihn erweckt haben."
„Desto besser, Herr Professor," erwiderte Valesca nnt vornehmer Ruhe, „wenn Sie solchen Stolz wiedergewonnen haben."
„Ohne mein Verdienst, Comteß, ohne mein Verdienst! Gestern glaubte ich an meinen Untergang, an das Ende aller Dinge, aber eine Nacht kann Wunder thun. Kennen Sie solche Stunden in den Abgründen der Verzweiflung? Da vernimmt man wunderbare Fragen — unter anderen, ob das Verlorene des Leides werth sei; und andererseits, ob man schon
reif genug war, ob man schon a'usge- kämpft hatte, um der Gnade des höchsten Glücks würdig zu sein, ob nicht noch andere Pflichten rufen und Kämpfe. Kommt erst meine Kraft zurück, hoffe ich Alles, auch den Weg wiederzufinden zu meiner Wissenschaft und ihren Aufgaben."
Valesca athmete bei dieser Wendung des Gespräches auf, und ihre Stirn wurde klarer, ihre Stimme freier.
„Ja, Herr Professor, Sie werden Ihre hohen Aufgaben erfüllen. Ehren und Ruhm werden Ihnen Ersatz bringen für einen Traum; er hätte doch nur damit geendet, daß wir Beide unglücklich geworden wären," und ablenkend setzte sie hinzu: „Bei Gelegenheit schicken Sie mir wohl auch meine Briefe zurück."
Vollmar verbeugte sich. „Vergebung, Comteß, daß ich darauf warten ließ. Von der Stadt aus erhalten Sie Alles. Für Ihre Sorge, uns Beiden trübe Erfahrungen zu ersparen, meinen devotesten Dank. Ich weiß, Ihr Ideal muß anders beschaffen sein, als es meine Wenigkeit ist. Sie werden es finden, früher oder später."
Valesca überhörte die leise Ironie der letzten Worte und erwiderte unbefangen:
„Darin möchten Sie doch irren, Herr Professor. Man findet nur, was man sucht. Wer aber auf das Suchen verzichtet, dem bleibt auch das Finden erspart. Das irdische Glück hat für Jeden einen anderen Inhalt. Ich bin zufrieden und glücklich mit meinem Bruder und wünsche nichts Höheres. Aber ich freue mich wirklich, Sie so gefaßt zu sehen. Es ist auch in anderer Beziehung besser, daß wir ohne Groll und ohne Verstimmung von einander scheiden. Geben Sie mir Ihre Hand und glauben Sie mir: die schöne Zeit in Italien wird mir ewig unvergeßlich bleiben, und mein Dank wird nie erlöschen — niein Dank für so viel des Erhebenden und Belehrenden, womit Sie unseren Gesichtskreis erweitert. Meine