Heft 
(1881) 300
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Jllustrirtc Deutsche Monatshefte.

den Anschein, zu wissen, daß der Besuch der Geschwister im Hause ein seit lange vorbereiteter gewesen sei. Um der Unter­redung eine andere Wendung zu geben, kam er auf Panks eigene Angelegenheiten. Du machst ans deinem Gute große An­stalten!" sagte er lächelnd.Ich höre, das ganze Haus wird umgebaut, erweitert und verschönert. Das deutet auf gewisse Absichten!" Schellborn schien das wohlgefällig aufzunehmen.Man denkt doch auch schon an die Zukunft!" entgeg- nete er.Du lebst in der großen Welt ich meine in der großen Welt wissen­schaftlichen Verkehrs, Arbeitens und Fort­strebens; ich sehe mich aus dem Lande aus mich selbst angewiesen und wünsche nicht, immer allein zu bleiben. Ueberdies, warum soll ich es nicht eingrstehen" Er fühlte sein Herz dem Freunde geöffnet, und schon schwebte ihm das Geständniß auf den Lippen, daß er Konradine liebe und sie zu gewinnen hoffe. Denn daß eine andere als die geschwisterliche Be­ziehung zwischen ihr und Roderich bestehe, ahnte er nicht und konnte eigentlich Nie­mand wissen. Allein das Wort stockte ihm auf den Lippen, er erröthete vor sich selbst, Stunde und Umgebung erschien ihm plötzlich nicht feierlich genug zu einem so heiligen Bekeuntniß. Und so vollendete er seinen Satz:Warum soll ich ver­schweigen, daß ich mich mit der Zeit zu verheirathen denke?" Um nun auch von diesem Thema wieder abzulenken, kam er noch einmal auf Inga zu sprechen, pries ^ ihre Schönheit und meinte, es sei etwas Geheimnißvolles in ihrem ganzen Wesen, welches zur Ergründung reize. Und da er sich länger bei diesem Gespräche auf­hielt, wurde Roderich aufmerksamer, und plötzlich durchzuckte ihn ein Gedanke, der ihn innerlich erstarren machte. Hatte Paul sein Herz an Inga verloren? Ihr seine Liebe gestanden? Waren sie bereits einig? Jnga's Kälte gegen ihn selbst!

schien ihm das mit einem Mal zu bestäti­gen. Ja, Paul richtete sein Haus für Inga ein, sie hoffte er heimzusühren! Roderich sprang aus und gab sich den Anschein, nach etwas zu suchen, um die Aufwallung von Bitterkeit und Eifersucht, deren Verrath er in seinen Zügen fürch­tete, zu verbergen. Auch Schellborn er­hob sich, nicht im entferntesten ahnend, was er angerichtet, und als Roderich ihni vorschlug, mit ihm hinauf zu seiner Mut­ter und Schwester zu gehen, war er sehr gern dazu bereit.

Inga war den Tag über nur bei der Mittags- und Abendmahlzeit sichtbar. Sie schrieb auch noch den ganzen zweiten Tag und war noch nicht fertig. Erschien sie aber, dann gab sie sich heiterer als sonst. Roderich wollte freilich bemerken, daß sie ihn mit der Unterhaltung kürzer hielt als die klebrigen. Der Argwohn, der in seiner Brust erwacht war, nagte weiter und weiter, und leider fand Rode­rich Muße genug, sich so gefährlichen Re­gungen hinzugeben. Arbeit hatte er sich nicht mitgebracht, und das in seinem Museum zusammengebrachte Material gab ihm keine Anregung mehr, da er es nur noch als die Hülsen seines jugendlichen Bestrebens betrachtete, während er mit seinen Studien jetzt in einem vorgeschritte­nen Bereich lebte. So sah er sich den Tag über dem Müßiggang anheimgegeben. Aber er war eine zu regsame Natur, er brauchte Thätigkeit, müßiggängerisches ^ Umhertreiben im Hause war ihm uner­träglich. Vielleicht würde sich selbst unter seinemalten Trödel", wie er den Inhalt des Arbeitszimmers nannte, Gelegenheit zur Beschäftigung geboten haben, aber die innerliche Spannung ließ ihn bei nichts verweilen. Er rief sich zur Ordnung, er nahm Bücher zur Hand, er richtete die Augen auf die Blätter. Eine Woche will ich auszuhalten suchen, dachte er. Dann fort! Es muß, ja es muß vergessen werden!