Heft 
(1881) 300
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Jllustrirte Deutsche Monatshefte.

wo er das Recht hatte, sie in jeder Stunde anzureden! Wäre sie seiner Fassung nur gewiß, dachte sie; wäre sein Schweigen in jenem verhängnißvollen Augenblicke ihr eine Bürgschaft für dau­erndes Verstummen; ihrer selbst glaubte sie wohl sicher zu sein. Am besten schien es ihr, das Haus zu verlassen. Aber welchen Grund sollte sie der Familie an­geben? Und überdies, die Zeit war für Roderich's Besuch gemessen, er selbst mußte bald wieder abreisen. So galt es ausharren, sich selbst bezwingen und ihn durch eigene Ueberwindung mahnen, daß auch er sich zu überwinden habe.

Es folgten unerquickliche Tage, an welchen auch von außen kein Sonnenstrahl mehr durch die Fenster fiel. Mehr und mehr sah sich die Familie auf sich selbst angewiesen, auf Gemeinsamkeit bei der abendlichen Lampe. Es war eine von Hause aus glückliche Familie, und doch begann ein Druck, eine Bangigkeit sich über den sonst so fröhlichen Kreis aus­zubreiten. Inga sprach wenig und sah von ihrer Handarbeit nicht auf; Roderich that sich Zwang an, zu reden, und sprach von Dingen, die Keinem, ihm selbst am wenigsten, von Wichtigkeit waren. Selbst Kouradine begann den ihr ungewohnten Zwang zu empfinden und schalt innerlich auf Roderich, daß er sich langweile und durch seine Zerstreutheit die Anderen auch nicht einmal belustige, sondern in die Langeweile hineinziehe.

Die Mutter, welche niemals zu be­obachten schien und doch Vieles bemerkte, wollte solche Stimmungen nicht aufkommen lassen und gab der Unterhaltung eine be­stimmte Richtung. Sie ließ vorlesen, Jedes mußte sein Theil dabei leisten; sie suchte Urtheile, anknüpsende Besprechun­gen darüber hervorzulocken. Sie wußte Roderich an das Clavier zu bringen welches er freilich sehr vernachlässigt hatte und Konradinens Gesang zu beglei­

ten; kleine harmlose Liedchen, die sie mit ebenso harmlosem Sümmchen ohne viel Kunst zu singen wußte. Dazwischen fing er an, nach seiner Weise auf den Tasten zu phautasiren. Er kam in ein Volks­lied, brach es aber ab, denn es brachte ihm Tage der Frühlingswanderung ins Gedächtniß. Rasch ging er in ein anderes über aber er erinnerte sich, wie Inga es einst mitgesungen er hatte ihre Stimme noch vor dem Gehör. Er ließ auch diese Melodie fallen und kam unver­mittelt in eine dritte, mit der es ihm auch nicht besser ging.Roderich, du spielst schauderhaft!" rief Kouradine plötzlich und schien ernstlich ungehalten. Er lachte und stand aus, aber es lachte Niemand mit ihm.Lesen wir!" sagte die Mutter und schob ihm das Buch hin, welches sie begonnen hatten.

Diese Stimmungen, ohne jedes Aus­sprechen getragen, verschlimmerten sich von Tag zu Tage, fast von Stunde zu Stunde. Schon hatte die Mutter, unter vier Augen mit Roderich, die Worte auf der Zunge: Reise ab, mein Sohn!" aber sie be­sann sich, voranssehend, daß er selbst bald zu diesem Entschlüsse kommen werde. Und sie hatte Recht, nur noch die Frist, die er sich gesetzt, wollte er ausharren. Denn sein Stolz bäumte sich in ihm auf, unter Stimmungen zu schwanken, deren Druck er noch nicht gekannt, die seiner sonst kräftigen Natur zuwider waren.

Eines Nachmittags ließ er mit raschem Entschluß ein Pferd satteln und sprengte ins Freie. Er bedurfte einer Anstrengung, er wollte sichRuh' erreiten". Die Frauen sahen ihn vom Fenster aus zwischen den Bäumen verschwinden; Kouradine ver­wundert, daß er sich ohne Abschied ent­fernt und nicht gesagt, wohin sein Weg gehen solle; die Mutter zufrieden, daß er überhaupt einer Zerstreuung nachgiug. Er war ohne Plan dahingeritten, die rasche Bewegung that ihm wohl, die Wald-