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Jllustrirte Deutsche Monatshefte.
seine Augen zu trocknen, verlangte aber hastig einen Bericht über die Vorgänge und über den Zustand der Schwester. Der Freund erzählte ihm, so viel er zu sagen sich getraute, wobei er doch seine eigene Beängstigung über Jnga's Lage kaum unterdrücken konnte.
„Ein Starrkrampf?" fragte Rolf lebhafter. „Wenn es nur das ist, dann kann ich sie wecken! Ja, ich! Und zwar durch Musik! Schon einmal habe ich sie mit meiner Geige ans einem solchen Zustande ins Leben zurückgespielt!" Schnell erzählte er, wie noch bei Lebzeiten der Mutter Inga als vierzehnjähriges Mädchen einmal durch Feuersgefahr im Hanse und durch den Anblick der Flammen ohnmächtig zusammengebrochen sei, um mehrere Tage wie erstarrt auf dem Lager zu verharren. Er habe endlich seine Uebun- gen nicht länger aussetzen können und im Nebenzimmer zu spielen angefangen. Da sei plötzlich die Mutter hereingekommen mit der Nachricht, daß Inga erwacht sei, und zwar einzig und allein geweckt durch seine Musik. „Komm!" fuhr er fort, indem er aufsprang und seinen Violinkasten öffnete: „Komm! Ich bin überzeugt, daß es gelingen wird!"
Roderich aber hielt ihn noch zurück. Er wollte erst mit dem Arzte sprechen, sich mit der Familie berathen, und bat den ebenso aufgeregten als ermüdeten Gast, sich kurze Zeit ruhig zu halten. Aber wenige Minuten, nachdem er ihn verlassen, erschien die Hausfrau, begrüßte Rolf mütterlich und nahm ihn mit sich, um ihn selbst vorerst durch Erquickung in einen besseren Zustand zu bringen.
Währenddem verhandelte Roderich mit dem Arzte über den Vorschlag des jungen Mannes. Der Doctor nahm das Mittel geringschätzig aus und wollte nichts davon wissen. Die Frauen aber, Auguste vorwiegend, drängten ihn, den Versuch zu gestatten, und so verstand er sich achsel
zuckend dazu, in der Voraussicht, daß die Cnr, wenn nichts helfen, auch nicht eben schädlich wirken werde. Nun aber wollten die Hausfrau, Konradine, Auguste und nicht zuletzt auch Roderich bei dem ver- hängnißvollen Versuch gegenwärtig sein, und der Arzt gebot nur, daß sich Alle vom Lager zurückzögen, damit Inga, wenn sie wirklich erwachte, nicht durch die Umstehenden erschreckt würde. Rolf allein sollte vor ihrem Lager und in ihrem Angesicht bleiben.
Dieser aber erschrak im Innersten, als er zuerst die marmorblassen Züge der geliebten Schwester erblickte, und hatte alle Kraft nöthig, um seiner Bewegung Herr zu werden. Dann nahm er den Bogen und begann die Saiten zu berühren. Leise, nur wie mit dem Hauch von Tönen begann er sein Spiel. Es war, als ob in der Dämmerung des Sommermorgens die Vögel im Walde erwachen und noch wie aus halbem Traume her die Stimmen versuchen. Das Vorspiel ging in ein Rieseln und Trillern über, immer noch zart und gedämpft. Wer so recht in der Stimmung gewesen wäre, in diesem Augenblicke von der Musik mehr als die erlösende Wirkung zu erwarten, hätte wohl bemerken können, welche Fortschritte Rolf in seiner Kunst gemacht hatte. Nun leitete er über in ein vielgesungenes Wanderlied, dessen Melodie er rein und harmonisch von den Saiten strömen ließ. Roderich mußte sich ergriffen abwenden, denn es war ein Lied, das er einst auf fröhlicher Fahrt mit Inga und dem Bruder häufig gesungen hatte. Rolf machte den Uebergang zu einem zweiten, welches er schon lebhafter erklingen ließ. Plötzlich wurden seine Augen größer, er bog sich in gespannter Erwartung näher, den Bogen etwas kräftiger führend. Ein Blick der Freude und des Triumphes flog zu den Uebrigen hinüber. Er hatte eine Bewegung in Jnga's Zügen erkannt.