Heft 
(1878) 34
Seite
548
Einzelbild herunterladen

548

in das geliebte dänische Fahrwasser hineinzubringen.In- ! timitäten!" entgegnete dieser, der dem Köder, trotzdem er den Haken sah, nicht widerstehen konnte.Intimitäten! Ich versichere Ihnen, Jürgaß, alles Thorheit und Verleumdung. Ich habe während meines Aufenthaltes in Kopenhagen Ge­legenheit gehabt, zu Personen in Beziehung zu treten, die passiv oder aktiv, in dem Drama mitgewirkt haben. Ein Spiel war es mit Ehre und Leben, eine blutige Farce von Anfang bis zu Ende. Das Kanonisiren ist außer Mode; hätten wir noch einen Rest davon, diese Königin Karoline Mathilde müßte heilig gesprochen werden."

Wenn es nicht indiskret ist, nach Namen zu sragen, woher stammen Ihre Informationen?"

Vom Leibarzt der Königin," sagte Bummcke.

Nun, der muß es wissen," erwiderte Jürgaß übermüthig, aber er schafft mit feiner Autorität die Aussagen derer, die sich selber schuldig bekannten, nicht aus der Welt. Ich appellire vorläufig an unseren Freund Hansen-Grell, der ja in der Molt- keschen Familie Lehrer war. Er muß doch in seinem gräflichen Hause das eine oder das andere über den Fall gehört haben."

Nein," antwortete dieser,das gräfliche Haus, so viel ich weiß, hatte Ursache über den Fall zu schweigen, und ihn aus Büchern kennen zu lernen, habe ich versäumt. Ich muß mich überhaupt anklagen, der dänischen Geschichte, von einzelnen weit zurückliegenden Jahrhunderten abgesehen, nicht das Maß von Aufmerksamkeit geschenkt zu haben, das ihr gebührt."

Und wir hatten gerade," bemerkte Tubal verbindlich, nach der Ballade, die Sie uns einmal vorlasen, den ent­gegengesetzten Eindruck."

Weil Sie aus meiner Kenntniß der halbsagenhaften Vor­geschichte des Landes allerhand schmeichelhafte Rückschlüsse auf meine gesammte dänische Geschichtskenntniß zogen. Aber leider mit Unrecht. Ich habe mehr um Dichtungs- als um Historie willen im Saxo Grammaticus und in den älteren Mönchs- Chroniken gelesen, so viel, daß ich schließlich die moderne Königin Karoline Mathilde über die alte Königin Thyra Danebod ver­gessen habe."

Thyra Danebod," rief Jürgaß in aufrichtigem Enthu­siasmus,das ist ja ein wundervoller Name. Er tingelt etwas weniger als Kathinka von Ladalinski; aber trotzdem! Was meinen Sie, Bummcke?"

Bummcke, der sich so unerwartet an den Ladalinskischen Ballabend erinnert sah, drohte gutmüthig mit dem Finger; Hansen-Grell aber fuhr fort:Ich theile ganz den Enthusias­mus unseres verehrten Wirthes, und wenn ich auf das Gewissen gefragt würde, würde ich bekennen müssen, aus dem Zauber dieses Namens, und vieler ähnlicher, so recht eigentlich die Anregung zu meinem Studium altdänischer Geschichten em­pfangen zu haben. Sigurd Ring und König Helge, Ragnar Lodbrok und Harald Hyldetand entzückten mich durch ihren bloßen Klang, und so oft ich dieselben höre, ist es mir, als theilten sich die Nebel, und als sähe ich in eine wundervolle Nordlandswelt, mit klippenumstellten Buchten, und vor ihnen ausgebreitet das blaue Meer und hundert weißgebauschte Segel am Horizont."

,,Es ist der fremde Klang, der unser Ohr gefangen nimmt," bemerkte Hirschfeldt, der sich von Spanien her ähnlich be­stehender Namenseindrücke entsinnen mochte, und Lewin und Tubal stimmten ihm bei.

Gewiß," fuhr Hansen-Grell fort,dieser Fremdklang ist von Bedeutung. Aber es ist über denselben hinaus doch schließ­lich ein anderes noch, was diesen altdänischen Namen ihren eigenthümlichen Zauber leiht. Es spricht sich nämlich in ihnen jene der Sprichwörterweisheit der Völker verwandte Begabung aus, Menschen, Erscheinungen, ja ganze Epochen in einem ein­zigen Beiwort zu charaklerisiren. Die Kraft in der Knapp­heit, das Viel im Wenigen, da haben wir den Schlüssel zum Geheimniß."

Bummcke gerieth in Aufregung, so sehr, daß er was sonst nicht seine Sache war den Chateau d'Aquem mit ab­lehnender Handbewegung an sich vorübergehen ließ, und zu Hansen-Grell wie zu einem Herzensvertrauten hinüber rief:

ich weiß, worauf Sie hinaus wollen. Sprichwörterweisheit sagten Sie ganz richtig; an den König Erichs, wenigstens an den ersten sechs oder sieben, läßt es sich am besten zeigen: Erik Barn, Erik Ejegod, Erik Lam, Erik Plopenning, Erik Glipping. Ich verbinde mit jedem ein Bild, eine Vorstellung, besonders mit dem Plopening und dem Glipping. Glipping, das heißt so viel wieAugenplink" oder derWimperer". Und wirklich, es ist zum Lachen, aber ich sehe ihn vor mir, wie er mit dem rechten Augenlide immer hin und her zwinkert."

Jürgaß warf sich in den Stuhl zurück, und sagte während eines Huftenanfalls, der sich vor lauter Heiterkeit nicht legen wollte:das ist denn doch das kapitalste Stück von Fremd- landsenthnsiasmus, das mir all mein Lebtag vorgekommen ist. König Wimperer, ich grüße Dich."

Wenn Sie mehr von ihm wüßten, Jürgaß, so würden Sie dieser bedeutenden Figur mit mehr Respekt begegnen. Er war ein guter König und wurde zu Viborg mit sechsundsünszig Stichen ermordet."

Nicht mehr wie billig. Warum hat er gewimpert? Ich greife mit dem Champagner um zwei Gänge vor. Es lebe Erik Glipping!"

Er lebe, er lebe!" und die Gläser klangen zu Ehren des alten Dänenkönigs zusammen.

Das Gespräch ließ nun die Dänenkönige fallen, bald Skan­dinavien überhaupt, und nur Bummcke machte noch einen her­kömmlichen Versuch, von Kopenhagen aus in Aalborg zu landen, um dann, quer durch Jütland hin, den großen Limfjord zu befahren. Dies war seine Lieblingstour, weil er in elf Ge­sellschaften von zwölf darauf rechnen durfte, sie allein gemacht und somit unangefochten das Wort zu haben. Aber dieses Vorzuges ging er heute verlustig, und kaum noch, daß er in ziemlich sentimentalen Ausdrücken von demKlageton" und dem Wehmnthsschleier" der nordjütischen Landschaft gesprochen hatte, als ihm auch schon der Widerspruch Grells hart auf der Ferse war, der, der hunderttausend wie weiße Nymphäen auf dem Limfjord schwimmenden Möven ganz zu geschweige!!, nie ein smaragdgrünes Wasser und nie einen azurblauen Himmel ge­sehen haben wollte.

Nichts Gewöhnlicheres als ein solcher Gegensatz empfan­gener Eindrücke," nahm von Meerheimb das Wort,und es bedarf nicht zweier Personen, um Widersprüchen wie diesen zu begegnen; wir finden sie in uns selbst. Was wir die Stim­mung der Landschaft nennen, ist in der Regel unsere eigene. Lust und Leid färben verschieden. Als wir auf der Smolensker Straße zogen und in die Nähe der alten russischen Hauptstadt kamen, war es uns, als marschirten wir unter einem Regen­bogen und überall wohin wir blickten, stiegen, wie durch Spiege­lung, die goldenen Kuppeln Moskaus vor uns auf. Unsere Sehnsucht sah sie, lange bevor sie sich wirklich in dem Nebel­duft des Horizonts abzeichneten. Das war um die Mitte Sep­tember. Und vier Wochen später zogen wir wieder dieselbe Straße. Der Rückzug hatte begonnen. Es war noch nicht kalt, und die Oktobersonne schien nicht weniger hell als die Septembersonne geschienen hatte, aber ringsumher lag Oede und Einsamkeit, und die Flüsse, statt mit uns zu plaudern, schienen hinzuschleichen wie die Wasser der Unterwelt. Das Land war nicht verändert, aber wir."

Jeder stimmte bei, selbst Jürgaß, der nur den Strich zwischen Neustadt und Gantzer ausnahm, von dem er versicherte, immer denselben Eindruck gehabt zu haben. Welchen? darüber schwieg er, sei es aus Vorsicht, oder weil er die sich gerade jetzt bequem darbietende Gelegenheit zu einer noch ansstehenden An­sprache nicht unbenutzt vorüber gehen lassen wollte.

Meine Herren," sagte er, während er mit dem Messer­rücken an das Glas klopfte,Herr von Meerheimb hat uns einen seltenen Genuß zugedacht. Er hat mir auf meine Bitten versprochen, uns einen Abschnitt ans seinem Tagebuch, der die Schlacht bei Borodino schildert, vorznlesen."

Damit hob Jürgaß die Tafel auf und schritt, Herrn von Meerheimb den Arm bietend, in das Wohnzimmer voran.

Hier waren inzwischen alle Vorbereitungen getroffen, und trotzdem es noch früh war, nach vorgängiger Schließung der

(Fortsetzung auf S. 550.)