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des Imperators, die Tage der Befreiung und nun die Einverleibung in den Staat der deutschen Hoffnungen. Die Rheinlands, obwohl an der großen Völkerstraße und -Scheide gelegen, hegten seit Ablauf des Mittelalters doch den zähesten Partikularismus; erst in dem letzten Halbjahrhundert hat sich auch dort der Horizont geweitet. Und in Koblenz selbst war in und nach den Freiheitskriegen der geistige Magnet, der von nah und fern andere Geister an sich zog, Joseph Görres, der streitbare Held, der Herausgeber des „Rheinischen Merkur", damals noch im regsten Verkehr mit den preußischen Staatsmännern, Helden und Patrioten, den Stein, Gneisenau, Grüner, Arndt, bald ein flüchtiger Mann und ein Preußenfeind wie kaum ein zweiter. Der Schwager dieses Feuergeistes war der Vater Amaliens, der Baumeister Jean Claude de Lasaulx, Sproß eines lothringischen, nach Kurtrier verpflanzten Geschlechts. Auch er war ein Original, wie deren die Familie mehrere zählte. Von seinen juristischen, dann medizinischen
Studien in Würzburg brachte der junge Mann zwar keine Jurisprudenz oder Medizin mit nach Hause, wohl aber eine Frau, welcher der überraschte und verstimmte Vater das nicht schmeichelhafte Zeuguiß ausstellte, sie sei „den weiten Transport nicht werth". Aus dem gescheiterten Juristen und Arzte wurde in jener glücklichen examenlosen Zeit ohne eine weitere Legitimation als das freie Vertrauen ein Baumeister. Und dieses Vertrauen täuschte diesmal nicht. Wer die Schlösser Rheincck und Rheinstein, die Kirchen von Vallendar und Weissenthurm, Lasaulx Werke, den restaurirten Königsstnhl zu Rhense, Steins Schloßthurm in Nassau, dies Denkmal der Befreiungszeit, kennt, der weiß, daß der lange Suchende sein Fahrwasser gefunden. Und daß er bahnbrechend den verlorenen Faden mit den Bauformen des Mittelalters wiederfand, machte sein Wirken gerade für das Rheinland so fruchtbar, dessen große historische Bauten sämmtlich dort ihre Wurzeln haben. So war er ein Bundesgenosse von Sulpiz Boisseröe, auch persönlich sein naher Freund. Durch und durch wurzelte er in dem schönen Rheinlande, das er fast nie verließ, und trug selbst in Humor und Lebenssrifche, Leben und Lebenlassen die Charakterzüge des rheinischen Volkes. Kirchen baute er, besuchte sie aber nicht.
Die kleine Amalie, die jüngste von sechs Kindern, war des Vaters Liebling und erinnerte durch manche Züge an ihn, während die Mutter, eine stets ernste verschlossene Frau, „die alte Philosophin" oder „Sapientia" geheißen, auch die Herzen der Kinder nicht aufzuschließen verstand.
Früh waren es weniger geschriebene Bücher als das Buch des Lebens, das die reichen Kräfte des cigengearteten Kindes hervorlockte. Dürftiger Schulunterricht, um so bedeutendere Menschen ringsum! Des Vaters Kunstliebe, des alteren Bruders Peter Ernst — es ist der spätere Professor der Philologie und Archäologie in Würzburg, dann in München — phantastische Idealität und begeisterte Reisebilder aus Orient und Occident, ein weiter Verwandten- und Freundeskreis, am Orte seßhaft oder bunt wechselnd, gaben dem aufhorchenden Kinde Anstoß und Lebensinhalt. Männer wie Clemens Brentano, der die kleine Amalie besonders liebte, Guido Görres, Cornelius und Overbeck auf ihren Wanderfahrten, und so manche andere Lebenswecker berührten das Kindesleben. Was dem Vaterhaus durch die Ungleichheit des Elternpaares abging, Wärme, Harmonie und Freude, das fand das Mädchen wie die Jungfrau in dem nahe verwandten Longardschen Hause, wo in echtem Landesstil katholische Frömmigkeit und rheinische Fröhlichkeit sich mischten, eine gastfreie Herberge für Heimische und Fremde. Die Kleine trieb am liebsten Verkehr mit der freien Natur des herrlichen Landes, eine einsame und kühne Schlittschuhläuferin, als die edle Kunst für Mädchen noch eine verbotene Frucht war, voll übersprudelnder Lebenskraft und Lebenslust aus Ausflügen am Rhein, der Mosel oder in den wilden Bergen der Eifel.
Ein Zug zu den Werken helfender Liebe zeigte sich früh in der thatkräftigen Jungfrau, aber gleich entschiedene Abneigung der freien Seele gegen alle klösterliche Beschränkung. Das Verlöbniß mit einem jungen Arzte wurde abgebrochen, weil die Gesinnung des Verlobten vor ihrer idealen und nobeln
XIV. Jahrgang SS. -m.*
Lebensansicht nicht Stich hielt. So lag dieser Lebensplan in Scherben vor ihr, ein Nervenfieber und tiefe Melancholie folgten der Enttäuschung, sie schaute verlangend aus nach einem neuen Gehalt für ihr verödetes Leben. Eine Reise nach Würz- burg zu dem Bruder brachte keine Heilung. Ja, die Wohnung in der Nähe der großen Klinik, in welche sie täglich Kranke hinein-, Todte heraustragen sah, legte ihr den Gedanken nah und näher, ans diesem Felde ihre Lebensaufgabe zu suchen. Dem unwiderstehlichen Triebe folgend, trat sie 1838 ohne Wissen und Einwilligung der Eltern — erst spät vergab ihr der tief verletzte Vater — in den Orden der barmherzigen Schwestern in Nancy ein. Das gewählte Arbeitsfeld war ihrer energisch liebenden und schaffenden Natur hochwillkommen, die Art der Bethätigung, die klösterlichen Schranken, der seelenlose Mechanismus, der todte Gehorsam blieb ihrem Freiheitssinn so tief zuwider, daß fast von der Schwelle des Klosterlebens in ihr auch der Kampf dagegen begann. Stets aber hielt sie das Wirken der barmherzigen Schwestern hoch, und die Pflicht der Seelenpflege nicht minder als die leibliche. Von französischem Boden wurde sie wieder auf deutsche», nach Aachen verpflanzt, wo sie die Apotheke des Klosters zu verwalten hatte.
„Nie in meinem Leben," so bekannte sie selbst, „habe ich so andauernd und hart mit mir im Kampfe gestanden als während der sieben Jahre in Aachen." Der Geist tiefer Schwermut!) und Verlassenheit kam über sie, nicht Arbeit, nicht Gebet vermochten lange Zeit den Feind zu bewältigen. Aber hier, hinter den Klostermauern und doch ohne den Geist des modernen Klosterlebens, erstarkte sie auch zu der freien Selbständigkeit, die trotz der Klosterenge ihre eigenen vielgesegneten Wege fand. Auch äußerlich fiel ihr nach diesen Prüsungsjahren die Selbstständigkeit zu, die dieser geborenen Herrschernatur zuzukommcn schien. Sie wurde 1849 als Oberin an das neugegründete Johannishospital in Bonn gerufen, das „ausschließlich und für immer den barmherzigen Schwestern vom Orden des heiligen Vincenz von Paula und darin der Congregation vom heiligen Carl Borromäns" überwiesen wurde. Sie kam in ihr Element und dnrchdrang das stattliche, reich ausgestattete Haus bald mit dem Geiste der Kraft und Liebe. Sie hieß nicht blos die Mutter bei den Leidenden, sie war es. Ein ungewöhnliches Organisationsgeschick, ein Opfermuth, der vor keiner Seuche, keiner Nachtwache znrückscheute, in allem Ernst des Berufs die Fähigkeit, unter den Mitschwestern Freud e und Liebe zu verbreiten, die Klosterdressur mit ihrem „Cadavergehorsam" zu durchbrechen und den Nonnen die Freiheit im Gehorsam, persönliches Leben, persönliche Liebe, den künstlich unterdrückten Familiensinn zurückzugeben; die Gottesgabe, die Kranken und jeden ganz individuell zu fassen und zu behandeln — das sind die Grundzüge ihres Wirkens und hier liegt der Schlüssel zur Erklärung. Wohin sie kam, brachie sie Sonnenschein, aber diese lichte Gabe war oft theucr erkauft. Tagebuchberichte und Briefbekenntnisse zeigen als Kehrseite die tiefe Schwermuth, der sie oft ihre Freudigkeit abringen mußte. Aber nicht blos dem Innern entsteigen die Hemmungen. Der Hauptfeind blieb immer der böse Geist des wieder aufgelebten Pharisäismus, jener umlauernde Jesuitengeist, dessen Wiedererstehen und Wachsthum sie frühe mit banger Sorge verfolgte. Es sind die „zornigen Heiligen" der Name soll von ihrer Erfindung sein — die sie bald in ihrem verderblichen Wollen und Wirken durchschaut hatte, die den Gedanken in ihr wach rufen, „gute Katholiken" dieses Schlages könnten doch „schlechte Christen" fein. Ihr lebendiger Geist ging nie in ihrem mühsamen Tagewerk auf. Selten in dein Drang des arbeitsvvllen Tages, aber in der Stille der Nachtwachen versenkte sie sich in bedeutende Schriften alter und neuer Zeit, in die heilige Schrift selbst, in kirchengeschichtliche, philosophische, dichterische Werke. Auch an das Schwere und Schwerste wagte sie sich; ihre reichen Natnrgaben ersetzten die mangelnde Vorbildung. Treffliche Männer und Frauen in Bonn und ans der Ferne treten ihr nahe; so die katholischen Professoren Hilgers, Knoodt, Rensch, K. Cornelius, Reinkens (jetzt altkatholischer Bischof), so der große Kunstkenner Sulpize Boisseröe. Aber auch den Verkehr mit protestantischen Freunden floh sie nicht, sie Pflegte ihn vielmehr mit furchtloser