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Treue. Die Namen Clemens Perthes, v. Bethmann-Hollweg, Prof. Mendelssohn zeugen, daß sie gut zu wählen verstand. Diese Freiheit war freilich gegen den herrschenden Geist ihrer Kirche.
Ans die Höhe ihrer Wirksamkeit werden die dienenden Kräfte beider Kirchen, Diakonissen wie barmherzige Schwestern, ohne Frage in Kriegszeiten gestellt. Zweimal, im dänischen Krieg von 1864 und im österreichischen 1866 , hat Amalie v. Lasaulx die Lazarethpflege übernommen. Von den leichteren zu den schwersten Aufgaben vorrückend, schob sie ihr Arbeitsfeld bald bis dicht an die Düppeler Schanzen; in Rinkenis war 1864 zuletzt die Stätte ihres opfervollen Wirkens. Hier vollends entwickelten sich ihre großen Kräfte und Gaben. Sie schien zu wachsen mit ihren Zwecken, aber im Grunde war es doch nur ein ungewöhnliches Willensausgebot im Glauben und in der Liebe, das die zarten leiblichen Kräfte zur äußersten Anspannung zwang. Die nordische Lust, und nicht blos die physische, von Schleswig-Holstein that ihr wohl. Die Begeisterung, mit der sie Tag und Nacht arbeitete, vergalt ihr eine gleiche Begeisterung der leidenden Soldaten. Dies neue Erfahrungsgebiet hatte ihrem Charakter neuen Schwung gegeben, und sie kam sich nach dem dänischen Feldzuge fast wie ein Offizier vor, der sich in die altgewohnten Verhältnisse nicht mehr recht zu finden weiß, der nach neuen Thaten im Felde ausschaut. Bald stand sie wieder auf dem Plan. Nach dem Schlachtfelde von Königgrätz, dessen ungeheuren Jammer sie in kurzen Briefen, aber ergreifend schildert; im Jagdschloß des Grasen Harrach zu Hardeck in völliger Waldeinsamkeit hatte sie ein Lazareth zu leiten, aber durch allen Jammer hindurch hob sie das Hochgefühl der preußischen Siege, und sie verurtheilte scharf die gleichzeitigen Sympathien zahlreicher katholischer Kreise des Rheinlandes für das bekämpfte Oesterreich, in dessen vielfach faule Zustände sie im Lande selbst, und gerade von der Krankenpflege aus einen Einblick gewann. Hatte doch der Kaiserstaat ans eigenem Terrain dem Feinde alle Sorge für seine Verwundeten überlassen. Nur ein Zug aus ihrem dortigen Wirken! Ein ans den Tod verwundeter Italiener, ihr Pflegling, wünschte sie vor dem Sterben noch einmal zu sehen, er habe ihr etwas mitzntheilen. Er sah sie bedeutungsvoll an und sagte mit seiner letzten Kraft: „Wenn Sorella krepirt, gleich bei Jesus!" Sie bedeutet ihn, daß sie ihn verstanden, er klatschte in die Hände mit dem Ausdruck Heller Freude; gleich daraus war er todt.
Diese Kriegsarbeit gerade fand sie zum letzten Mal im Frieden mit ihrer Kirche; die Friedenszeit brachte immer schärfer und drohender den Kriegszustand. Sie war leiblich leidend, ja mit dem Keim des Todes ans dem Felde heimgekehrt, aber viel tiefer litt ihre Seele durch die Wolken, die sich immer dichter und dunkler am Horizont ihrer Kirche zn- sammenzogen. Schon vor dem Zusammentritt des Vatikanums wußte man, daß es sich um das Unfehlbarkeitsdogma als die Krönung des Lcbenswerks und der Machtstellung des Papstes Pio IX handelte. Mit scharfer Witterung des Geistes erkannte sie die Dinge, die da kommen sollten und kamen. Sie las namentlich die Schriften Döllingers, in welchem die katholische Wissenschaft und das Gewissen der alten Kirche sich warnend erhoben, die Aufsätze ihres Jugendfreundes Cornelius; sie zitterte mit der Erregbarkeit des Weibes und blieb doch innerlichst stark und furchtlos wie ein Mann. Der 14 . Juli 1870 war der verhängnißvolle Tag, wo die große Mehrheit der Bischöfe ihr Placet aussprach. Tags darauf bat eine Deputation der Minderheit den Kirchenfürsten, sich an der Erklärung der Mehrheit als einer Bezeugung der Hingabe und Ehrfurcht genügen zu lassen, ohne sie als Dogma zu bestätigen, oder doch nur mit dem Zusatz, nur die päpstlichen Entscheidungen seien unfehlbar, „welche gestützt sind aus das Zeugnis; der Kirche." Bischof Ketteler flehte den Papst kniefällig an, er möge nicht unsägliches Unheil über die Kirche heraufbeschwören. Alles erfolglos. Am 18 . Juli wurde die neue Lehre als ein „göttlich geosscnbartes Dogma" der staunenden Welt, der trauernden Kirche verkündet. Den Widersprechenden ward der Bann an- gedrvht.
Wer erinnert sich nicht der zwiefachen Schwüle jener Wochen? Die Spannung der Welt, der deutschen Welt zumal, war getheilt zwischen kirchlichen und vaterländischen Sorgen, die doch beide wieder in eine große Sorge um die Zukunft zusammenliefen. Der große französische Krieg klopfte an; zwei Monde nach der Unfehlbarkeitserklärnng war Rom in den Händen des italienischen Königreichs, der letzte Rest der weltlichen Herrschaft des Papstes weggesegt. Die jenseits der Alpen begonnene Tragödie fand in Deutschland ihr schmerzliches Nachspiel.
Die deutschen Bischöfe standen nach der Heimkehr von ihrem Widerstand ab, die Idee der Einheit der Kirche trium- phirte über den Glauben. Jener Fuldaer Collektiv-Hirtenbrief der sieben Bischöfe verkündete die Unfehlbarkeitslehre als eine von Christus geoffenbarte Wahrheit.
Die ältere Pfarrgeistlichkeit gab um des kirchlichen Friedens willen nach; die jüngere war großentheils schon in den gleichen Anschauungen erwachsen. Der Abfall von den eben noch laut und mit Nachdruck bekannten Ueberzeugungen begann überall, im Klerus wie in der Laienwelt. Der letzte Rest von der Selbstverantwortlichkeit der einzelnen schien zu weichen vorder Autorität und der Pflicht des bedingungslosen Gehorsams. Die Opposition fand vornehmlich an den Universitäten, als den Freistätten gewissenhafter Wahrheitserkenntniß — vor allen in München und Bonn — eine Herberge. Am 21. September 1871 trat, von Döllinger geleitet, der erste altkatholische Congreß in der vorgenannten Stadt zusammen. Der Erzbischof von Köln forderte den Theologen der rheinischen Hochschule eine schriftliche Erklärung über ihre Stellung zum neuen Dogma ab. Widerstand, Einstellung der Vorlesungen waren die Folge. Der Kampf war entbrannt. Auch Schwester Augustine, die Freundin der verfolgten Gelehrten, stand mitten in diesem Kampf gegen die „schmachvolle Unfehlbarkeit". Körperliche Leiden, quälendes Asthma und sich bildende Wassersucht, steigerten die seelischen. Und also an Leib und Seele leidend, wurde sie nun vor das schwere Entweder-Oder gestellt, zu verleugnen oder ausgestoßen zu werden. Sie war von einer im Hospital wohnenden Person, die an den Besuchen suspendirter Geistlicher Anstoß nahm, bei ihrer Oberin ihres Glaubens wegen verdächtigt worden. Ende Oktober 1871 erschien die Novizenmeisterin ans Trier, um im Aufträge der Generaloberin aus Nancy das Glaubensbekenntniß wegen der Unfehlbarkeit zu fordern. Schwester Auguftine erklärte ihren Unglauben hier wie gegenüber dem Dogma von der unbefleckten Empfängnis; Mariä. Sie wolle ihren alten katholische!; Glauben, den Halt und Trost ihres Lebens, festhalten bis zum Tode; neue Lehren lasse sie sich nicht anfdrängen. Bald darauf erschien die Generaloberin mit der Novizenmeisterin und verfügte, als auch dann kein Widerruf der schon schwer Kranken erfolgte, die Absetzung; eine Ketzerin dürfe nicht im Orden bleiben. Der Jammer der Kranken und Armen, der Dienstboten und Mitschwestern war groß. Eine neue Oberin, klagte ein Bauermädchen, können sie uns Hinsehen, aber eine Mutter können sie uns nicht wiedergeben.
Um ruhig sterben zu können, begab sie sich nach Vallendar, einem kleinen Städtchen bei Koblenz, wo ihr das Hospital als ein freundliches Asyl sich anfthat. Es liegt neben der Kirche, die der Vater der Gebannten erbaut hatte; ans ihrem Thurmstübchen öffnete sich ein weiter Blick in die rheinische Herrlichkeit von Koblenz bis zu den Bergen von Andernach.
Sie fühlte ihr Ende nahen. Ein junger suspendirter Geistlicher aus dem Paderbornschen, der nun in Bonn Philologie stndirte, stahl sich zu ihr, um ihr wider alles Verbot die heißersehnten Sterbesakramente zu reichen. Mancherlei Sendboten, weibliche und männliche, schickte die unfehlbare Kirche, um die hinsterbende Oberin zurückzuführen. Auch ein Jesuit fand sich unter den vergeblichen Bekehrern. Zwei Stunden redete er ans sie ein, und schlug ihr endlich vor, sie brauche das Dogma nicht wirklich zu glauben, es genüge, ihren Unglauben als Sünde zu beichten; dann werde ihr Gott die übernatürliche Gnade des Glaubens in demselben Augenblick verleihen. Auch die eigene Schwester Clementine, begeistert für die neue Lehre,