Heft 
(1897) 06
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Ueöer Land und Weer.

Fünfzig Jahre Harttljeater.

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welche Freud' und Leid dieser fünfzig Jahre eingehend schildert. Wir glauben unfern Lesern eine willkommene Gabe zu bieten, indem wir ihnen die Ansicht des Hauses, die Porträts der hervorragenden Direktoren und eine kurze Skizze ihrer Wirksamkeit bieten.

Als Direktor Carl (von Bern- brunn), der Pächter des Theaters an der Wien", gegen Ende des Jahres 1838 das alte Leopoldstädter Theater von dessen Eigentümer, Franz van Marinelli, käuflich erworben hatte, lies; er abwechselnd die Leopoldstädter und einen Teil seiner Wiedener Ge­sellschaft in diesem Hause spielen, in welchem er meist Possen, Volksstücke und Vaudevilles zur Aufführung brachte, während sich das andre Theater mit seinen großen Räumlichkeiten mehr für Ausstattnngs- und Spektakelstücke eig­nete. Als im Jahre 1845 das Theater an der Wien" verkauft wurde, und Carl mit seiner großen Gesellschaft auf dieses kleine Haus angewiesen blieb, fühlte er sich beengt und unbehaglich und faßte den Entschluß, durch den Bau eines neuen, den höheren An­forderungen der Zeit entsprechenden Theaters, wie er sich in einer An­sprache an das Publikum ausdrnckte,

ein Wahrzeichen seines unauslösch­lichen Dankes zu hiuterlassen". Er traf auch bald darauf seine Vor­kehrungen, am 7. Mai 1847 wurde zu»; letzten Male in dem alten Hause gespielt, nachdem kaum der Vorhang gefallen war, mit der Demolierung begonnen und sodann an den Neubau geschritten, der nach den Plänen der Architekten Van der Null und Siecards- burg mit in Wie,; bis dahin un­bekannter Schnelligkeit ausgesührt wurde. Bereits am 10. Dezember 1847 tonnte die Eröffnungsvorstellung in; neuen Hause stattsinden, welches an der Stirn die stolze Aufschrift X. X. XIIIV. OTIlll-'lIIXTI'IA! trägt. Plan gab das LustspielEigen­sinn" von Roderich Benedir, das

VaudevilleDie Müllerin von Marly" nach den; Französischen von Louis Schneider, und eine nach Locroys Nnitre cl'eeolcE von Nestroy be­arbeitete Posse:Die schlimmen

Buben".

Der Zulauf entsprach gleich an­fangs nicht den Erwartungen, und drei Wochen nach der Eröffnung schrieb man 1848! Wien hatte nun andern Dingen seine Aufmerksamkeit zuge­wendet; die Theater waren leer.

Direktor Carl selbst organisierte sein Personal mit eignen Waffen zur Nationalgarde und stellte seine Compagnie dem Gemeinde- vorstande zur Verfügung. Der Theaterdichter Friedrich Kaiser verkündete hoch zu Ros; unter Fanfaren, daß Kaiser Ferdinand seinen Völkern die Konstitution verliehen habe. Schauspieler bezogen die Wachtposten, und einer von ihnen, Heinrich Strampfer, siel bei Erstürmung der Barrikade in der Jägerzeile am 28. Oktober. Erst im Herbste 1849

wendete sich das Interesse des Publikums wieder den Schau­spielhäusern zu, und Direktor Carl ließ es nicht an An­strengungen fehlen, die wieder erwachte Theaterlust feinen; Hause zu erhalten. Er hatte Glück mit den Dichtern, mit neuen Engagements, mit den Güsten, die er auftreten ließ,

Nach Carls Tode pachtete Johann Nestroy das Carl- theater von den Erben. Er war seit mehr als zwanzig Jahren als Dichter und Darsteller außerordentlich beliebt, und daß diese Beliebtheit noch im Steigen war, dafür sprachen die vollen Häuser. In den Sommermonaten,

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Da» Leopoldstädter Theater, 1780 1847

a» Carltheater, eröffnet 10. Dezember 1847.

Zum sünszrgsabrigen Iubilai>>ff^rs ;n Wien, za. Dezember t8;)7.

und als er 1854 einen; Schlaganfall erlag, hinterlies; er seinen Erben nahezu zwei Millionen! Carl war ein aus­gezeichneter Theatermensch voll eiserner Willenskraft, Schars­sicht, rascher Auffassung, sicherem Urteile, Ausdauer und Pünktlichkeit, dabei höflich und leutselig. Leider mißbrauchte er nicht selten seine geistige Ueberlegenheit, um harmlos denkende Dichter und Künstler zu ihrem Nachteile zu überlisten.

wenn die Komiker beurlaubt waren, lies; man illustre Gäste spielen; während der Saison wurden Volksstücke, Possen und Parodien gegeben. Ganz besonders wurden die Ein­akter und Soloscenen begünstigt, weil inan da oft Gelegen­heit hatte, an einem Abende die besten Kräfte in ihren Glanzleistungen zu sehen. Von hier ans nahm auch durch Carl Treumann die Offenbachsche Operette ihren Weg über

' alle deutschen Bühnen. Es waren wahre Musterauffüh- . rungen sowohl in Bezug auf die künstlerischen Leistungen ; als auch der Jnscenierung.

; Als Nestroy nach sechs Jahren von der Direktion zurück- ! trat, war er ein reicher Alaun. Er gastierte später noch bei seinem Freunde Trenmann im Theater am Franz-Josefs-Quai etliche neunzig Male und starb am 25. Bla;

1862 zu Graz. Nestroy hat mehr als sechzig Stucke geschrieben, von denen sich viele noch heute als Zug­stücke bewähren, und wie er als Dichter die Schwächen seiner Zeit mit ätzender Ironie geißelte, so war er als Darsteller ein Satiriker ohnegleichen. Die Direktionsgeschäfte besorgten seine Regisseure und wohlgeschulte, ihm treu ergebene Freunde, welche das Bureau bildeten. Nestroy setzte nie eines seiner Stücke selbst in Scene, und eS ist erstaunlich, das; dieser geistsprühende Dichter, dieser geniale Komiker nicht das Herz hatte, den miserabelsten Schauspieler zu tadeln, auch nicht hinter dessen Rücken. Er war immer liebenswürdig, und im Umgänge von einer rührenden Schüchternheit, ver­mochte er es nicht, jemand ein Anliegen abzuschlagen.

Gustav Brauer aus Nürnberg war der nächste Pächter des Carltheaters. Er bot 40 000 Gulden als jährlichen Pacht, um 15000 Gulden mehr, als Nestroy zahlte, und eröffnete vierund- zwanzig Stunden, nachdem der Vorhang unter Nestroys Direktion zum letzten Male gefallen war, die Bühne wieder. Er mag von den besten Absichten be­seelt gewesen sein, aber die Sympathien des Publikums folgten de»; Nestroyschen Ensemble, welches fast vollzählig mit Treumann ins neue Hans zog, und mit dessen Leistungen Brauer nicht zu konkurriere» vermochte. Nach achtzehn Monaten war es mit seiner Direktion Zn Ende. Nach Brauer versuchte der Dekorationsmaler Moritz Lehmann, ein Künstler in seinem Fache, das Glück, und wem; von prächtigen Dekorationen, Wandelpanoramen und dergleichen allein der Erfolg abhinge, so wäre er ihn; gewiß nicht versagt geblieben. Aber nach acht Monaten war Lehmann insolvent, und der liebenswürdige, seelensgute Mensch hatte alle seine Ersparnisse und mehr verloren und mußte Wien den Rücken kehren.

Ein Elementarereignis sollte dem verwaisten Carltheater bald zu einem neuen Direktor verhelfen. Am 9. Juni

1863 wurde das Theater am Franz Josefs-Qnai ein Raub der Flammen,

und Karl Treumann pachtete nun das Carltheater, das er am 19. August mit seinem vollzähligen, beliebten Per­sonale wieder eröffnete. Er ergänzte das letztere noch durch Matras, Tewele, Josesine Gallmayer, Amalie Kraft, Friederike Kronau, Anna Müller und Frau Materna, die sämtlich rasch Lieblinge des Wiener Publikums wurden. Treumann war unermüdlich als Darsteller und Direktor.