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Metier Land und Weer.
stellte vor: „Professor Cujacius, ... Rittmeister von Stechlin." Beide verneigten sich gegeneinander, Woldemar ruhig, Cujaeius mit dem ihm eignen snperioren Apostelausdruck, der, wenn auch ungewollt, immer was Provozierendes hatte. „Bin," so ließ er sich mit einer gewissen Kondescenz vernehmen, „durch Gräfin Melusine ganz auf dem Laufenden. Abordnung, England, Windsor. Ich habe Sie beneidet, Herr Rittmeister. Eine so schöne Reise."
„Ja, das war sie, nur leider zu kurz, so daß ich intimeren Dingen, beispielsweise der englischen Kunst, nicht das richtige Maß von Aufmerksamkeit widmen konnte."
„Worüber Sie sich getrösten dürfen. Was ich persönlich an solcher Reise jedem beneiden möchte, das sind ausschließlich die großen Gesamteindrücke, der Hof und die Lords, die die Geschichte des Landes bedeuten."
„All das war auch mir die Hauptsache, mußt' es sein. Aber ich hätte mich dem ohnerachtet auch gern um Künstlerisches gekümmert, speziell um Malerisches. So zum Beispiel um die Schule der Präraffaeliten."
„Ein überwundener Standpunkt. Einige waren da, deren Auftreten auch hier (ich spreche von den Künstlern meiner Richtung) mit Aufmerksamkeit und selbst mit Achtung verfolgt wurde. So beispielsweise Millais. . ."
„Ah, der. Sehr wahr. Ich erinnere mich seines bedeutendsten Bildes, das leider nach Amerika hin verkauft wurde. Wenn ich nicht irre, zu einem enormen Preise."
Cujacius nickte. „Mutmaßlich das vielgefeierte .Angelusbild", was Ihnen vorschwebt, Herr Rittmeister, eine von Händlern heraufgepuffte Marktware, für die Sie glücklicherweise den englischen Millairs, will also sagen den ,a, i, s" Millais nicht verantwortlich machen dürfen. Der Millet, der für eine, wie Sie schon bemerkten, lächerlich hohe Summe nach Amerika hin verkauft wurde, war ein ,e, t" — Millet, Vollblutpariser oder wenigstens Franzose."
Woldemar geriet über diese Verwechslung in eine kleine Verlegenheit, die Damen mit ihm, alles sehr zur Erbauung des Professors, dessen rasch wachsendes Ueberlegenheitsgefühl unter dem Eindruck dieses Fauxpas immer neue Blüten übermütiger Laune trieb. „Im übrigen sei mir's verziehen," fuhr er fort, „wenn ich mein Urteil über beide kurz dahin zusammenfasse: .sie sind einander wert" und die zwei großen westlichen Kulturvölker mögen sich darüber streiten, wer von ihnen am meisten genas- führt wurde. Der französische Millet ist eine Null, ein Zwerg, neben dem der englische vergleichsweise zum Niesen anwächst. Wohlverstanden vergleichsweise. Trotzdem, wie mir gestattet sein mag zu wiederholen, war er zu Beginn seiner Laufbahn ein Gegenstand unsrer hiesigen Aufmerksamkeit. Und mit Recht. Denn das Präraffaelitentum, als dessen Begründer und Vertreter ich ihn ansehe, trug damals einen Zukunftskeim in sich; eine große Revolution schien sich anbahnen zu wollen, jene große Revolution, die Rückkehr heißt. Oder wenn Sie wollen.Reaktion". !
Man hat vor solchen Wörtern nicht zu erschrecken. Wörter sind Kinderklappern."
„Und dieser englische Millais, — den mit dem französischen verwechselt zu haben ich aufrichtig be- daure, — dieser ,a, i, s" Millais, dieser große Reformer, ist, wenn ich Sie recht verstehe, sich selber untreu geworden."
„Man wird dies sagen dürfen. Er und seine Schule verfielen in Excentricitäten. Die Zucht ging verloren, und das straft sich auf jedem Gebiet. Was da neuerdings in der Welt zusammengekleckst wird, zumal in der schottischen und amerikanischen Schule, die sich jetzt auch bei uns breit zu machen sucht, das ist der Ueberschwang einer an sich beachtenswerten Richtung. Der Zug, der unter Mitteldampf gut und erfreulich fuhr, unter Doppeldampf (und das reicht noch nicht einmal aus) ist er entgleist; erliegt jetzt neben den Schienen und prustet und keucht. Und ein Jammer nur, daß seine Heizer nicht mit auf dem Platze geblieben find. Das ist der Fluch der bösen That... ich verzichte darauf, in Gegenwart der Damen das Citat zu Ende zu führen."
Eine kleine Pause trat ein, bis Woldemar, der einsah, daß irgend was gesagt werden müsse, sich zu der Bemerkung aufraffte: „Von Neueren Hab' ich eigentlich nur die Seestücke kennen gelernt und dazu die Phantastika des Malers William Turner, natürlich flüchtig. Er hat die .drei Männer im feurigen Ofen" gemalt. Stupend. Etwas Großartiges schien mir aus seinen Schöpfungen zu sprechen," wenigstens in allem, was das Kolorit angeht."
„Eine gewisse Großartigkeit," nahm Cujacius mit lächelnd überlegener Miene wieder das Wort, „ist ihm nicht abzusprechen. Aber aller Wahnsinn wächst sich leicht ins Großartige hinein und düpiert dann regelmäßig die Menge. Nrmäus vult äeeffck. Allem vorauf in England. Es giebt nur ein Heil: Umkehr, Rückkehr zur keuschen Linie. Die Koloristen sind das Unglück in der Kunst. Einige wenige waren hervorragend, aber nicht xareeguo, sondern huotgao. Noch heute wird es mir obliegen, in unserm Verein über eben dieses Thema zu sprechen. Gewiß unter Widerspruch, vielleicht auch unter Lärm und Gepolter; denn mit den richtigen Linien in der Kunst sind auch die richtigen Formen in der Gesellschaft verloren gegangen. Aber viel Feind', viel Ehr', und jede Stelle verlangt heutzutage ihreu Mann von Worms, ihren Luther. .Hier stehe ich". Am elendesten aber sind die paktierenwollenden Halben. Zwischen schön und häßlich ist nicht zu paktieren."
„Und schön und häßlich," unterbrach hier Melusine, froh überhaupt unterbrechen zu können, „war auch die große Frage, die wir, als wir Sie begrüßen durften, eben unter Diskussion stellten. Herr von Stechlin sollte beichten über die Schönheit der Engländerinnen. Und nun frag' ich Sie, Herr Professor, finden Sie sie so schön, wie einem Hierlandes immer versichert wird?"
„Ich spreche nicht gern über Engländerinnen," fuhr Cujacius fort. „Etwas von Idiosynkrasie beherrscht mich da. Diese Töchter Albions, sie singen