Heft 
(1898) 05
Seite
73
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7g. Band, vierzigster Iahrgang. Oktober M7Preis vierteljährlich 3 M. so. Mit Postausschlag 3 M. 78 .

Wahrheit, von Hans M. Grüninger. Bilder aus Süd­westafrika, von G. Meinecke.Eine Kiinstlersahrt nach Halb-Asien", humoristische Erzählung von Kurt Eckberg (Fort­setzung), Der internationale Kongreß für Arbeiterschutz in Zürich, von Richard Wulckow.Ueber Land und Meer"-

Zentralfriedhof, modelliert von Johann Scherpe. Der Rad­fahrer-Blumenkorso auf dem Cmnn^atter Volksfest, 28.Sep-

StechLin.

Roman

Theodor Montane.

Adelheid hatte sich in Staat geworfen und ihre Karlsbader Gra- natbrosche vorgesteckt, die der alte Dubslav wegen der sieben mittelgroßen Steine, die einen größeren und buckelartig vor­springenden umstanden, die Sieben - Kurfürsten - Brosche" nannte. Der hohe, hagere Hals ließ die Domina noch größer und herrischer erscheinen, als sie war, und rechtfertigte durchaus die brüderliche Malice: Wickelkinder, wenn sie sie sehen, werden unruhig, und wenn sie zärtlich wird, sangen sie an zu schreien." Man sah ihr an, daß sie nur immer vorüber­gehend in einer höheren Ge­sellschaftssphäre gelebt hatte, sich trotzdem aber zeitlebens der angeborenen Zugehörigkeit zu diesen Kreisen bewußt ge­wesen war. Daß man sie zu der Domina gemacht hatte, war nur zu billigen. Sie verstand durchaus zu rechnen und anzu­ordnen und war nicht bloß von sehr gutem natürlichen Verstand, sondern unter Um­ständen auch voll Interesse für- ganz bestimmte Personen und Dinge. Was aber, trotz solcher Vorzüge, den Verkehr mit ihr so schwer machte, das war die tiefe Prosa ihrer Natur, das märkisch Enge, das Mißtrauen gegen alles, was die Welt der Schönheit oder Freiheit auch nur streifte.

Sie erhob sich, als die drei Herren eintraten, und war gegen Rex und Czako aufs neue von verbindlichstem Entgegenkommen.Ich muß Ihnen noch einmal aussprechen, meine Herren, wie sehr ich be- daure, Sie nur so kurze Zeit unter meinem Dache sehen zu dürfen."

Aus der VII. Internationalen Kunstausstellung in München s897 :

Acrs Anzengruber-Denknrack cruf dem Wiener JentrnLfrieöHof.

,.-<7Z

Du vergißt mich, liebe Tante," sagte Woldemar.Ich bleibe dir noch eine gute Weile. Mein Zug geht, glaub' ich, erst um neun. Und bis dahin erzähl' ich dir eine Welt und beichte."

Nein, nein, Woldemar, nicht das. Erzählen sollst du recht viel. Und ich habe sogar Fragen aus dem Herzen. Du weißt wohl schon, welche. Aber nur nicht beichten. Schon das Wort macht mir ein Unbehagen. Es hat solchen katholischen Bei­geschmack. Unser Nentmeister Fix hat recht, wenn er sagt: ,Beichte sei nichts, weil immer unehrlich, und es habe in Ber­lin aber das sei nun freilich schon lange her einen Geist­lichen gegeben, der habe den Beichtstuhl einen Satansstuhl genannt? Das sind' ich nun offenbar übertrieben und habe mich auch in diesem Sinne zu Fix geäußert. Aber andrer­seits freue ich mich doch auf­richtig, einem so mutig pro­testantischen Worte gelegentlich zu begegnen. Akut ist, was uns not thut. Ein fester Pro­testant, ielbst wenn er schroff anstritt, ist mir immer eine Herzstärkung, und ich darf ein gleiches Empfinden auch wohl bei Ihnen, Herr von Rex, voraussetzen."

Rex verbeugte sich. Wolde­mar aber sagte zu Czako: Ja, Czako, da sehen Sie's. Sie sind nicht einmal genannt worden. Eine Domina verzeih, Tante bildet ein seines Unterscheidnngsvermögen aus."

Die Tante lächelte gnädig und sagte:Herr von Czako ist Offizier. Es giebt viele Wohnungen in meines Vaters Hause. Das aber muß ich aus­sprechen, der Unglaube wächst, und das Katholische wächst auch. Und das Katholische, daS ist das Schlimmere. Götzen­dienst ist schlimmer als Un­glaube."

1868 (Bd. 76).

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