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Deutschland
lim und ganz Europa zu teil wurde. Willig erkannte mau, namentlich in Deutschland, die hohen Schönheiten des Werkes an, wenn auch hier und da Zweifel an der echten Kirchlichkeit des Stils, in welchem es geschrieben, laut wurden.
Nach langer Panse, im Februar 1887, erschien des nunmehr vierundsiebzigjührigeu Meisters „Othello" auf der Scala in Mailand, die so viele seiner Werke ans der Dause gehoben. Die Aufnahme, obschon äußerlich enthusiastisch, erschien doch nicht ohne einen gewissen Vorbehalt. Die hervorragenden deutschen Kritiker, Hanslick von Wien und Ehrlich von Berlin, die der Vorstellung beigewohnt, erklärten übereinstimmend die Oper, eine nicht durch prunkvolle Ausstattung blendende, schlichte lyrische Tragödie, für das hochachtbare, abgeklärte, noble Werk eines Meisters, der nie ansgehört hat, nach möglichster Vollendung zu streben. Ein Endnrteil über diese Schöpfung wird erst dann möglich sein, wenn sie in Deutschland, wo einige große Opernbühnen, namentlich auch die Berliner Hofbühne, mit ihrer Einstudierung beschäftigt sind, heimisch geworden sein wird.
Wie bereits gesagt, scheint der, trotz seiner sechsnndsiebzig Jahre in voller körperlicher und geistiger Frische stehende Meister sein letztes künstlerisches Wort noch nicht gesprochen zu haben. Wenigstens hört man von einer neuen Oper, deren Sujet Shakespeares unsterblicher Liebestragödie „Romeo und Julie" entnommen sein soll. Fast scheint es, daß Verdi solche Stoffe mit Vorliebe wühlt, die bereits andere Tondichter — Rossini hat einen „Othello," Bellini und Gonnod „Romeo und Julie" komponiert — benutzt haben, ein Beweis dafür, daß er die Vergleichung nicht scheut.
Gleichviel, jede Frucht seines Genius, die der ehrwürdige Meister uns noch bieten wird, werden wir mit dankbarer Freude empfangen und glücklich sein, ihm, dem Stolz und Ruhm seines uns politisch so eng verbundenen Vaterlandes, die Siegespalme reichen zu können.
Äker Schulgestmühettspflege.
Bon
Prof. IW-. Hü Dettweit'eiD
^Aas Wort „Schulreform" hat für manchen in letzter Zeit einen unangenehmen Beigeschmack bekommen. Mag schon die Zahl der angepriesenen Allheilmittel die Verschiedenheit der zu Grunde liegenden Motive und Zwecke auch dem glaubensseligsten Vater und kritikfreudigsten Bürger erbarmungslos bloßstellen und dadurch schon die Unmöglichkeit einer allseitig oder auch nur in einigermaßen breitein Umfange befriedigenden „Reform" erweisen, das Eine sollte zugestanden werden, daß alle radikalen Pläne zu Umgestaltungen, alles gewaltsame Niederreißen des Bestehenden aus demselben Grunde ans der Schulverfassung zu bannen ist wie ans dem .Heereswesen. Damit soll nicht gesagt sein, daß auf dein Gebiete des Schulwesens nichts verbessernngsfühig oder, wenn das nun einmal so heißen soll, reformbedürftig 'wäre. Gerade das Gebiet, für das wir durch die nachfolgenden Betrachtungen Interesse erwecken, Aufklärung herbeiführen möchten, dürfte ein passender nnd vor allem wirklich auch durchführbarer Gegenstand für jeden sein, dem das Wohl unserer Jugend, auch die „Zukunft der Schiiten in Deutschland" am Herzen liegt, nnd der nicht bloß durch Reden und Schreiben, sondern auch durch Handeln, was doch wohl zu allen Zeiten das Vornehmere war, dies sonst gar leicht Platonisch unfruchtbare Juteresse bethätigen will.
* Wir freuen uns, den beherzigenswerten Aufsatz trotz unserer in einzelnen Punkten abweichenden Ansicht zum Abdruck bringen zu können.
D. Red.
Freilich ist das Gebiet der Schulgesundheitspflege nicht ausschließlich Sache der Schule, ja nicht einmal vorzugsweise. Es ist viel mehr als bisher zu betauen, daß eine Förderung, eine wirkliche Besserung hier nur daun zu erwarten ist, wenn das Elternhaus nicht mehr in gewohnter Apathie der Schule die für es selber so bequeme Verantwortlichkeit überläßt, sondern da, wo an der Schule verständige Maßregeln für das körperliche Wohl der Kinder und Jünglinge getroffen sind, für sein Teil dieselben sich anzueignen und weiterzuführen sich bemüht. Dafür erwächst der Schule die unabweisbare Aufgabe, allgemeiner und werkfreudiger als bisher das körperliche Wohl ihrer Zöglinge zu überwachen, durch Belehrung und Gewöhnung allmählich zur Sitte im Volk werden zu lassen, was vielfach heute noch als unangenehmer Zwang empfunden wird. Daß hygienische Maßregeln, wie sie nicht etwa bloß die Ärzte, sondern mindestens in eben demselben Grade, meist nur mehr auf dem Boden der Wirklichkeit bleibend, die denkenden Pädagogen gefordert und verwirklicht haben, einen unzweifelhaften Einfluß auf das körperliche Wohlergehen haben, ist jetzt wenigstens für ein Gebiet, für das der Kurzsichtigkeit, durch neunjährige Untersuchungen der Schüler des Gießener Gymnasiums von Professor von .Hippel* dargethan. Dieser beweist schlagend, daß da, wo bei der äußeren Einrichtung der Schulen und der inneren Organisation des Unterrichts richtige hygienische Grundsätze befolgt werden, die Kurzsichtigkeit zwar nicht verbaunt, aber doch in engen nnd ungefährlichen Grenzen gehalten wird. Aus der zahlenmäßigen Feststellung der Thatsache, daß an einer solchen Schule im Laufe der letzten vier Jahre die Kurzsichtigkeit eine fortdauernde Abnahme aufweist, wird das Elternhaus, wie auch v. Hippel als Vater und Gelehrter treffend darkegt, manches zu lernen haben, um für sein Teil das Maß von Schuld an der großen Verbreitung der Kurzsichtigkeit unter den- gebildeten Klassen zu verringern. Auf passende Sitze, Tische und richtige Haltung, auf genügende Beleuchtung und gute Luft in den: Arbeitszimmer wird im .Hanse im allgemeinen viel zu wenig gesehen. Die Eltern müssen ferner immer mehr darauf achten, daß die Kinder, solange sie körperlich nnd geistig frisch sind, ihre häuslichen Aufgaben anfertigen und so in verhältnismäßig kurzer Zeit dieselben bewältigen können.
Schon hieraus erhellt es, daß der Arzt an und für sich nicht ausreichend ist, um die Gesundheitspflege in den Schulen in wirklich durchgreifender Weise zu leiten. Denn auch er würde vor den geschlossenen Thüreu des Elternhauses Halt machen müssen. Wie indifferent dieses annoch unbequemen Anordnungen nnd Anregungen gegenüber ist, kann jeder an sich selbst ermessen. Lehrreich erscheint jedoch folgender Fall, v. H. konstatierte bei dem Sohn eines Beamten bei der alljährlichen Untersuchung die ersten Anfänge einer höchst gefährlichen Entzündung der Angen. Er machte den Patienten auf den Ernst seines Leidens aufmerksam und riet ihm, sich sofort behandeln zu lassen; auch der Direktor setzte den Vater in Kenntnis und warnte wiederholt vor einer Vernachlässigung. Nichtsdestoweniger ließ sich dieser nicht bewegen, die Lage für ernst anzusehen, die Entzündung machte rapide Fortschritte, und wenige Jahre darauf war der Knabe fast völlig erblindet!
Würde also der Einfluß der Ärzte schon vielfach an der mangelhaften Einsicht der Eltern scheitern, so stehen doch der von Publikum und Ärzten vielfach dringend geforderten Überwachung der Schulen durch sogenannte „Schulärzte" noch andere, ganz erhebliche Bedenken gegenüber. Diese ganze Frage ist so vielfach auf Kongressen, in der Litteratur und der Presse behandelt worden, daß sie eine zusammenfnssende Beleuchtung verdient. Es kann heute als sicherlich berechtigte Forderung des allgemeinen Wohls angesehen werden, daß die ärztliche Wissenschaft hinsichtlich der Baulichkeiten und Einrichtungen der Schulen sowie deren Umgebung zugezogen werden muß. Dies
* Über den Einfluß hygienischer Maßregeln auf die Schulmyvpie von Do. A. v. Hippel, o. Professor der Ophthalmologie und Direktor der ophthalmologischen Klinik m Gießen. I. Rickersche Buchhandlung 1M9.