Heft 
(1889) 07
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Deutschland.

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geschieht am wirksamsten durch den Medizinalbeamteu im Verein mit dem Bautechniker und Pädagogen. Die gutachtliche Prü- suug wird sich dabei aus folgende Punkte zu erstrecken haben: Licht- und Lnftverhülknisse innerhalb und außerhalb der Schul­gebäude, Lage der Treppen und Korridore, der einzelnen Unter- richtszimmer, der Schulhöfe und Turnplätze, Lage und Ein­richtung der Bedürfnisanstalten, Heizung und Ventilation, Trink­wasserversorgung. Das Eingreifen des Arztes bei Epidemieen, sowie die Bestimmung und Kontrolle etwaiger Desinfektionsmaß- regelu fällt unter die allgemeinen sanitätspolizeilichen Vor­schriften.

Alle weiteren Forderungen auf diesem Gebiete sind un­möglich zu erfüllen, entweder ans pekuniären Gründen, oder wegeil der mangelnden Vorbildung der Ärzte selbst, oder auch wegen der damit verbundenen Friktionen, die nach einer anderen Richtung viel mehr Unheil anrichten würden, als auch im günstigsten Falle Gutes denkbar wäre.

Schon aus Mangel an Mitteln müssen bis aus absehbare Zeit die Vorschläge, die namentlich von Prof. H. Cohn in Breslau gemacht worden sind, als unausführbar bezeichnet werden, ohne daß wir deshalb die allgemein menschenfreund­liche Absicht derselben leugnen wollen. Diese gehen daraus hin­aus, sämtliche Schulen in ihrer äußeren nnd inneren Ein­richtung unter die diktatorische Gewalt der Ärzte zu stellen. Ein Regierungsschnlarzt soll sämtliche Schulen seiner Provinz regelmäßig revidieren und alle gesundheitsschädlichen Klassen einfach mit Polizeigewalt schließen. Jede Schule soll einen Schularzt mit Sitz und Stimme im Schulvorstand haben. Mehr als 1000 Kinder sind keinem zu überweisen. Äußer- allen möglichen anderen Obliegenheiten muß er bei Aufstellung des Lehrplans zngezvgen werden und soll das Recht haben, jeder Unterrichtsstunde beizuwohnen. Letzteres soll mindestens monatlich einmal geschehen. Es ist einleuchtend, daß bei der Vielseitigkeit der Ausgaben die Thätigkeit des Schularztes nicht als Nebenbeschäftigung zu denken ist, wenn auch Cohn sich mit dieser Hoffnung zufrieden giebt. Es würde, wenn wirklich alle die Untersuchungen und sonstigen Arbeiten, die man von dem Schularzt fordert, geleistet werden sollten, ein solches Maß von Opfern den Kommunen oder dem Staate auserlegt werden, daß man sagen muß, wer so weitgehende Vorschläge macht, entfernt sich himmelweit von dem Boden des Erreichbaren nnd Vernünftigen. Aber auch wenn wir von Staats wegen der Notwendigkeit das Opfer brächten nnd die Millionen, die er­forderlich wären, sei es woher es sei, beschafften, so hieße das doch einstweilen das Faß der Danaiden füllen. Zunächst ist man selbst in ärztlichen Kreisen noch gar nicht einig über die zu treffenden hygienischen Maßregeln. Natürlich: die Hy­giene ist eine neue Wissenschaft, und wenn sie auch die weit­gehendste Pflege an den Stätten aller Wissenschaft verdient, so wird man sich doch sagen müssen, daß vieles noch zu klären und zu prüfen ist, bis es aus den Namen einer fest­stehenden Thatsache Anspruch machen darf. Millionen aber für Experimente in der Schule zu verwenden, geht nicht an. Es wäre dies nicht nur eine unsinnige Verschwendung, es wäre auch ein Verkennen aller Pädagogik. Tenn die Schule ver­trügt so wenig ein Experimentieren ans diesem Gebiete als ans anderen. Also vorerst müssen noch ganz andere Erfahrungen gesammelt werden, ehe der Staat die unbedingte Durchführung mancher von Hygienikern vorgeschlagener Maßregeln fordern kann.

Nun hat allerdings Cohn geglaubt, deu Hinweis aus den Geldgesichtspunkt dadurch entkräften zu können, daß in Breslau die für die dortigen 50000 Schulkinder nötigen fünfzig prak­tischen Ärzte unentgeltlich ihre Mühewaltung nuszuführen sich bereit erklärt Hütten, und durch die Vermutung, daß sich ohne Zweifel auch sonstwo die Ärzte bereit finden würden, das Amt einesSchularztes" zu übernehmen. Wie unhaltbar aber und unzweckmäßig dieser Vorschlag, zumal von seiten eines Augen­arztes ist, hat v. Hippel schlagend dnrgethan. Denn ab­gesehen davon, daß in kleinen Städten und aus dem Lande den Arzt gar nicht im stände wäre, ohne Entgelt das höchst zeit-

j raubende Amt zu übernehmen, werden einem solchendie da- j zu erforderlichen speciellen Kenntnisse in der Regel ^ fehlen." Man erzählt sich von dem alten Prof. Frerichs, der eine sehr milde Beurteilung im Examen geübt haben soll, er habe dies mit der Bemerkung motiviert:Es muß auch schlechte Ärzte geben." Jedenfalls gehört doch eine sehr große ^ Naivetät dazu, den ärztlichen Stand im allgemeinen so hinzu­stellen, als sei derselbe wirklich im großen und ganzen gewillt,

! die zahlreichen und mühevollen Studien fortgesetzt zu machen,

! die aus den Gebieten der Schulgesnndheikspfkege in bunter Fülle notwendig sind. Das, was M. Lazarus einengebildeten ! Arzt" nennt, ist doch auch nicht zutreffend für den Typus des ^ Arztes. Wenn ich den Mitteilungen eines sehr hochstehenden Pathologen glauben darf, so sind in keinem Stande die Ex- ^ treme so nahe bei einander zu finden wie in dem ärztlichen:

! der feine Psycholog, der nicht bloß den engsten Kreis des nvt- : wendigen, sondern auch den weiteren des zuträglichen, den Geist j erhellenden nnd belebenden Wissens sich angeeignet hat, der wissenschaftlich Weiterarbeitende neben dem stumpfen Handwer­ker, dessen Thätigkeit in den engen Grenzen seines Faches mehr oder weniger gründlich bleibt, und den der Sprachgebrauch so treffend in eine Linie mit der nützlichen Zunft der Barbiere stellt. Würde also dem beliebigen praktischen Arzte in vielen Fällen schon die Allgemeinbildung fehlen, die er unbedingt haben müßte, wenn er in Sachen eben dieser Bildung, der Er­ziehung und des Unterrichts mitsprechen wollte, so kann dar­über gar kein Zweifel sein, daß ihm die Fachkenntnisse abgehen, die bei der heutigen Specialisierung der medizinischen Fächer nun einmal für alle speciellen Untersuchungen notwendig geworden sind. Wo also z. B. verlangt wird, daß der Schularzt sich übcr die Sehstörungen der Schüler m genauer Kenntnis erhalte, da wird verkannt, daß dazu so specielle Studien, Instrumente und Maßnahmen gehören, daß sie der gewöhnliche Ärzt, auch der i Medizinalbeamte, einfach nicht leisten kann. Also soll man ! eine solche ihm unmögliche Leistung auch nicht von ihm ver- ! langen, von Hippel berichtet über diesen Punkt folgendes:

^Noch eklatanter zeigte sich das mangelnde Verständnis fin­den Nutzen einer fortgesetzten ärztlichen Untersuchung bei den Schülern und Eltern nach einer anderen Richtung, in der ich ! selbst nicht erwartet Hütte, ihm zu begegnen. Obgleich ich bei jeder Untersuchung die kurzsichtigen Schüler vor dem Gebrauch falscher Gläser gewarnt und jede unrichtige Brille als solche ausdrücklich bezeichnet hatte, ergab die in diesem Jahre Vvr- genommene neunte noch folgendes deprimierende Resultat: nur 24,7 Prozent der myopischen ( kurzsichtigen) Angen waren mit richtigen Gläsern versehen, 47,g Prozent, denen ich die Benutzung von korrigierenden Gläsern empfohlen, trugen gar keine, und bei 28 Prozent fand ich direkt falsche; letztere waren teils von ärztlicher Seite, teils von «Optikern» ausgesucht." Ich denke, diese Thatsache spricht für sich selbst, freilich nicht für dieSchulärzte." Es ergiebt sich daraus, daß alle For­derungen, welche regelmäßige, nur von Specialürzten aus­führbare Untersuchungen in der Schule erstreben, nur den Wert akademischer Erörterungen haben und in der Praxis einfach unerfüllbar sind. Ebensowenig wird ein praktisch denkender I Mensch es für möglich halten, daß einSchularzt" mit etwai- j gen Veränderungen in dem Gesundheitszustände eines jeden ^ Kindes völlig vertraut sei. Übrigens hat sich auch schon der j Generalarzt IM. Wnssersuhr (früher Ministerialrat in Straß- ^ bürg i. E., jetzt Stadtrat in Berlin) auf dem sechsten interna- ! tionnlen Kongreß für Hygiene und Demographie in Wien 1887 ' dahin ausgesprochen, daß zur hygienischen Beaufsichti­gung der Schale besondere Schulärzte nicht erforder­lich seien.

Und nun endlich die Kette von Friktionen, die sich folge­richtig aus der Diktatur desSchularztes" ergeben würden! Da würden zunächst die Eltern und der Hausarzt, dem diese ihr Vertrauen schenken, in Betracht kommen. Daß es der ver­schiedenen, oft einander geradezu entgegengesetzten Meinungen unter deu Ärzten fast so viele giebt, als Ärzte selbst, lehrt jeder Tng. llnd trotz aller Vorliebe für eine über allem stehende