Heft 
(1889) 07
Seite
121
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Deutschland.

Seite 121.

Arthur: Sondern ans Deinen Stand als Dame der ^nten Gesellschaft! Die vertragen nicht die scharfe Luft, die einem aus diesen Büchern entgegenweht!

Elise (hell auflachend): Allsgezeichnet! Wir sollen IMS ,

wohl in Zukunft anf die Marlitt beschränken? Nein, die ist vielleicht auch noch zu scharf! Aber vielleicht die Wildermuth..? Nein, anch die nicht...! Die Hoffmannschen Erzählungen - das ist's!

Arthur lim Zimmer auf und ad gehend,: Tie Hoffmann scheu Erzählungen ... hm ... die Hoffmannschen Erzählungen ... hm. «Bleibt Var ihr stehen.. Weißt Du, das ist eine Anregung, die nicht so ohne weiteres verwerflich ist! Ich erinnere mich zwar nur an eine einzige... warte, wie hieß sie doch nur... ja: Ehrlich währt am längsten" . . . aber die hat mir anch sehr genützt! Da kam ein Holzschnitt drin vor, der in meinem Leben geradezu eine entscheidende Rolle gespielt hat! Er steht mir noch jetzt vor Allgen! Er zeigt den Helden . . . den an­deren nämlich, der nach Hoffmanns Voraussicht nicht am längsten währen sollte, weil er schon als Schuljunge Birnen stahl, wie er schließlich richtig solvent kommt, bei nachtschlafen­der Zeit, das Messer in der Rechten, die Diebslaterne in der Linken, das Haar zerrauft, das Hemd etwas defekt Hoff- mann, der feine Menschenkenner, stattet alle Bösewichter mit zerrauftem Haar und fragwürdiger Leibwäsche aus in ein fremdes Halis einzndringen . . . Das Bild hat auf mich den tiefsten Eindruck gemacht, und schon als ganz kleiner Junge habe ich mir fest vorgenommen, es nicht anf dem verhältnis­mäßig leichteren, aber gefahrvollen Weg des Birnendiebstahls zum Millionär zu bringen, sondern auf dem mühsamen ehrlicher Arbeit . . .

Elise «unmutig,: Du bist ein . . . ein . . .

Arthur: Na, sprich's nur ans: ein frivoler Spötter, ein Mensch, mit dem man kein ernstes Wort sprechen kann . . .

Elise «wider Willen lachend,: Ich will wenigstens nicht widersprechen!

Arthur: Nicht? Das ist ja ein ganz artiges Eharakter- bild, das Du da von mir entwirfst! Aber sag' selbst: Mein guter Vater gab für das Blich vierzig bis fünfzig Pfennige aus, llild damit stattete er seinen '-Lohn mit der unter allen Umständen schätzenswerten Tugend der Ehrlichkeit aus. War das nicht eine zweckmäßige Investition? Profitierst Du denn wirklich ans Deinen Büchern sechs- bis zwölfmal mehr, als was die Ehrlichkeit wert ist?

Elise. Warum sechs- bis zwölfmal mehr?

Arthur: Nun, da jedes dieser Bücher drei bis sechs Mark kostet, muß anch der Profit ein entsprechend größerer sein, wenigstens wenn ich die Sache vom Standpunkt eines handelsgerichtlich protokollierten Großhändlers beurteilen darf.

Elise: Da will ich Dir sageil, was ich profitiere. Ich lerne aus diesen Büchern, daß es Bösewichter giebt, ganz aus­gemachte Bösewichter mit korrekt gescheitelten Haaren und tadel­loser Leibwäsche, mein Blick schürft sich für die Menschen der Wirklichkeit, hundert alberne Vorurteile, die man noch immer den modernen jungen Mädchen eintrichtert, fallen von mir ab, kurz, ich profitiere aus diesen Büchern die unter allen Um­stünden schätzenswerte Eigenschaft der geistigen Freiheit!

Arthur: Der geistigen Freiheit! So, so . . .!

Elise: Ja! Aber das ist wohl nicht preiswürdig? Ren­tiert sich nicht?

Arthur: Das schon! DH!

Elise: Nun also?

Arthur: Wenn Du das nur anch wirklich profitiertest!

Elise: Warum zweifelst Du?

Arthur: Siehst Du, ich zweifle ja nicht, daß Zola, Ibsen, Tolstoi u. s. w. ehrlich bestrebt sind, geistige Freiheit prima Dualität zu liefern, denn sie sind ja in ihrer Branche Firmen ersten Ranges. . . Aber ob sie Dich damit auch wirklich be- freien . . .?

Elise: Warum sollten sie das nicht?

Arthur: Weil ich auch nicht jeden znm Maler mache, dem ich meine vorzüglichen Farben verkaufe!

Elise: Ach so, Du zweifelst an meiner Fähigkeit, meine Lektüre zu verarbeiten?

Arthur: Nicht an Deiner Fähigkeit, aber an Deinem Willen!

Elise: Wenn's bloß das ist, dann kannst Du vollkom­men ruhig fein! An Willen mangelt's mir nicht!

Arthur «ungläubig,: An ernstlichem Willen?

Elise: Ja, an ernstlichem Willen. Das will ich Dir gleich beweisen!

Arthur «setzt sich,: Laß hören! Du machst mich neugierig.

Elise: Wenn ich eines dieser Bücher gelesen habe, dann beginne ich sofort mit der Verarbeitung! Unverzüglich!

Arthur: Da bist Tn ja recht haushälterisch mit Deiner Zeit! Das ist ja recht schön! Aber wie geschieht denn diese Verarbeitung . . .?

Elise: Einfach so: Ich nehme die Gestalten des betreffen­dem Buches der Reihe nach her . . - und vergleiche sie mit den Leuten aus meinem Bekanntenkreis! Mit den Leuten aus meinem Bekanntenkreis, verstehst Du! «Arthur nickt.. Und «enthusiastisch, in der Regel finde ich anch unter den letzteren einige heraus, die ihnen als Urbilder hätten dienen können!

Arthur: Ach so . . . Ein ganz neues Gesellschaftsspiel!

Elise «immer enthusiastischer,: Ja, ja! Und Du würdest gar nicht glauben, wie das einen amüsiert! Man errät anf einmal die verborgene Bedeutung von Worten, Mienen, Hand­lungen, an denen man bisher achtlos vorüberging. Denn das errät man! Hier ahnt man eine furchtbare Leidenschaft, dort merkt man eine bittere Erfahrung, dort wieder irgend ein schreck­liches Geheimnis. Ganze große Gebiete, die einen: bisher un­bekannt waren, thnn sich vor den: erstaunten Auge anf. Diese Lektüre wirkt wie eine Erlösung. Es ist, als ob man sein lebelang in einem dunkeln Kerker gesessen hätte, und nun drückte einem jemand Plötzlich den Schlüssel zur Kerkerthür in die Hand, und man tritt hinaus, und die große Welt liegt vor einem . . . Alan kann überall hingehen . . . Man ist frei, frei, frei!

Arthur: So ernstlich ist es Dir um Deine geistige Be freiung zu thnn . . .!

Elise: Oh!

Arthur: Das habe ich freilich nicht geahnt! «Mn einer plötzlichen Eingebung., Aber da wird Dir der Besuch der Frau Berger sehr erwünscht kommen!

Elise (erfreut,: Ach, Frau Hofrätin Berger wird heute kommen? Das freut mich in der That! Die schwärmt anch so für meine Lieblings-Schriftsteller!

Arthur: Nein, nicht die Hofrätin!

Elise «erstaunt,: Wir haben doch sonst in unserem engeren Kreise keine Bergers!

Arthur: Sie gehört auch eigentlich nicht zu unserem engeren Kreise!

Elise: Ich erinnere mich überhaupt nicht, daß ich mit einer Dame dieses Namens. . .

Arthur: Da will ich Dir ein sehr einfaches mnemotech­nisches Hilfsmittel an die Hand geben! Sieh Dir mal das an! (Zeigt auf ihre Z-ußsPitze.)

Elise: Was? Meine Stiefeletten?

Arthur: Ja! Nun, was siehst Du?

Elise (kokett): Einen niedlichen kleinen Schuh!

Arthur: Allerdings! Aber da füllt Dir gewiß anch der Name des Mannes ein, der dieses Kunstwerk geschaffen hat!

Elise: Der Mann heißt allerdings Berger!

Arthur (befriedigt,: Siehst Du!

Elise (ohne zu begreifen,: Wie? Was? «Plötzlich.) Tn nullst doch nicht etwa damit sagen, daß . . . die Frau des Schusters mir die Ehre erweisen will, mich zu besuchen?

Arthur: Eben die!

Elise «aufgebracht,: Was? Die Schnstersfran? Ist sie denn verrückt geworden? Ja, woher weißt Tu denn das überhaupt?

Arthur (harintoe-,: Ich war heute in Bergers Laden, NM mir ein Paar Stiefel zu bestellen, und da . . .