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Deutschland.
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in der Grundstimmuug änßert sich diese nationale Verschieden- heit. Von der früher herrschenden moralisierenden, ja häufig pietistischen Richtung nnd ebenso von der Vorliebe für eine wenig gesunde Karikatur haben sich die modernen englischen Bilderbücher nicht ohne Verdienst unseres Oskar Pletsch zum Glück gänzlich losgesagt: zn einer völlig unbefangenen Wiedergabe der Kinderwclt im Geist des Kindes aber bekennen sich selbst die trefflichen Arbeiten im Kate Greenawah-Stil verhältnismäßig nur selten. Die Anschauungsweise der Erwachsenen tritt stark, oft zu stark hervor. Die geschilderten Kiudergestalten sind sich ihres Reizes gar zu sehr bewußt. Sie gebärden sich als die verzogenen Lieblinge der Großen. Das nimmt ihnen häufig die rechte Frische und verleiht ihnen eine gewisse Sprödigkeit. Wo jedoch dieser Irrweg glücklich vermieden ist — beispielsweise gehören die jüngst in deutscher Ausgabe erschienenen Werke Jane M. Dealy's zn diesen Ausnahmen — da besitzt das englische Bilderbuch hohe Vorzüge, denen zu folgen unsere deutschen Meister sich nicht scheuen brauchen. — Die übrige Konkurrenz des Weltmarktes scheint besonders bezüglich der Auffassung wenig gefährlich und demgemäß auch wenig sruchtbnngend. Daß wir auf diesem Gebiet von Frankreich kaum etwas lernen können, wird selbst der vorsichtigste Gegner jedes Ehauvinismus nnd eifrigste Bewunderer französischer Moden zugcstehen müssen. Die bewußte Zierlichkeit, welche die Wirkung der englischen Bilder nicht selten beeinträchtigt, wird in den französischen fast durchgängig zur Geziertheit; der dortige Mangel an Frische und Lebenswärme zn krankhafter Blässe und Blasiertheit. Jüngst ist ein derartiges Bilderbuch, eilt französischer Knigge für Kinder, mit Illustrationen, in denen die Ansdrucksweise des «cn choin uir» ihren ödesten, langweiligsten Dialekt spricht, Mutsch erschienen. Ehe unsere Kleinen den hier geschilderten stammverwandt werden, mögen sie dieselbett an Ungezogenheit lieber noch weitaus übertreffeu. Vor diesen Kindern wird selbst der strengste Herr Präceptvr unseren Struwelpeter oder gar die bösen Buben Mac; und Moritz herzlichst willkommen heißen!
Aber die lärmende Keckheit, mit der sich die Freundesschar der letzteren jetzt hervordrängt, bedarf denn doch eines Machtwortes. l>r. Heinrich Hvffmann rief in der Einleitung seines „Struwelpeters" denen, die in den „Fratzen" seiner Bilder etwa eine „Gefahr für das ästhetische Gefühl des Kindes" erblicken, zn: „Run gut, so erziehe man die Säuglinge in Gemälde-Galerieen nnd Kunst-Kabinetten!" — Dieser Spott mochte gegenüber der „halb albernen, halb moralisierenden" Richtung, gegen welche er sich wandte, nicht unberechtigt sein. Auch heute könnte gegen die Gestalten eines Busch nnd Meggendorfer nur ein verknöcherter Philister ernsthaft zn Felde ziehen. Aber inan wird zugestehen, daß die drastische, köstliche Komik derselben als „Katharsis" zunächst nur auf die „Großen" wirkt. Keineswegs soll man sie darum aus der Kinderstube völlig verweisen, aber sie sollen sich dort mit einem bescheidenen Plätzchen begnügen. Das Bilderbuch unserer Kinder hat denn doch noch eine ernstere Aufgabe, als die Lachlust zn nähren nnd selbst auch — sicherlich die höchste ästhetische Würdigung dieser Bilder! - den Blick für die heitere Seite des Daseins und den humoristischen Sinn zu schürfen. Welche Bedeutung unsere ersten Bilderbücher für unsere Phantasie gewinnen, vermag der Erwachsene am besten an sich selbst zu erkennen. Ihre Gestalten leben in unserer Erinnerung in voller Frische fort, nnd selbst dem schwächsten Formengedächtnis gelingt es mühelos, diese ersten Gespielen ans der Welt des Scheines sich jederzeit wieder greifbar vor Augen zu stellen. Wahrlich schon Grund genug, bei der Wahl dieses Umganges vorsichtig zu verfahren! Da bleibt denn auch die Familie dieser Jugendfreunde nicht belanglos. Der Ehrenplatz gebührt den Gestalten, die der Welt des Kindes selbst entsprossen sind. Man gebe dem Kinde vor allem, was des Kindes ist, ein Spiegelbild seines ureigenen Reiches mit seinem Freud und Leid und seinem Glauben an die Mürchenkönigin, und beschränke den Anteil der Erwachsenen nur auf jenen trauten Klang, der aus
diesem Reiche selbst erfrischend und erhebend zum gereisten Sinn hinübertönt. Man gewähre ihm in guter Nachbildung einen Einblick in den unerschöpflichen Reichtum der Natur. Die Darstellungen aus dem Leben der „Großen" aber unterwerfe man einer weisen Wahl und scheide diejenigen Scenen, welche sich für ein modernes Witzblatt eignen, thunlichst aus. — Nicht minder beachtenswert bleibt freilich die entgegengesetzte Gefahr, welche mit dem Lockruf „kindlich!" in das Gebiet des Kindischen verleitet. „Ein echtes Kinderbuch soll dem Kiude nichts anderes bieten, als was die echte Dichtung auch dem Erwachsenen bietet: den Ansdruck seiner eigenen Anschauungen und Empfindungell in erhöhter nnd geläuterter Gestalt." Treffender vermag man die berechtigte Anforderung an den Stoffkreis der Bilderbücher nicht zn formulieren.
Im allgemeinen aber können wir mit dein letztere!: selbst noch herzlich zufrieden sein, denn das Minderwertige und Verfehlte tritt vor dem Guten weitaus zurück. Nicht ganz so günstig verhält es sich unseres Erachtens mit den formalen beziehungsweise „künstlerischen" Eigenschaften.
Daß für das Kind das Beste gerade gut geuug sei, ist ein ebenso alter wie wahrer Grundsatz. Mit äußerem Prunk, der das Auge besticht, ist aber das Beste gerade hier am wenigsten identisch. Der Farben- und Goldglauz der Bilder, die j als „stilvoll" geltenden, meist aber völlig beziehungs-, ja siun- ^ losen Kopf- und Randleisten, die archaistischen Lettern, deren Entzifferung häufig selbst dem Erwachsenen Schwierigkeiten bereitet, der kostbare Einband, den man jetzt bereits als eine Figur zu gestalten liebt, deren unregelmäßigem Kontur sich auch die Druckseiten fügen müssen, - diese ganze, von Geschmacksverirrungen nur selten völlig freie, aber in der Thal sehr reiche Ausstattung kann dem modernen „vornehmen" Bilderbuch wahren Wert nicht verleihen und ließe es neben den ärmsten Holzschnitten eines Ludwig Richter dürftig erscheinen. Vielmehr hat äußere Schlichtheit auf diesem Gebiet einen ähnlichen pädagogischen Wert, wie er dem einfachsten, unvollkommenen Spielzeug iuuewohnt, indem sie die Phantasie des Kindes zu eifrigerer ^ Selbstthätigkeit anregt. Am meisten aber ist dieses anspruchsvolle äußere Gewand da zu beanstanden, wo es aus materiellen . Gründen nur mühsam ermöglicht wird. Heute herrscht in unseren deutschen Bilderbüchern der verhältnismäßig teure Buntdruck. Er herrscht so ausschließlich, daß er auf dem Bücher- ^ markt selbst die Pletschschen Holzschnitte zu verdrängen droht. Größtmöglichste Buntheit scheint unbedingtes Erfordernis. Kein Zweifel, daß dasselbe in der kindlichen Freude an allem Farbigen eine innere Berechtigung besitzt. Bis zu einer gewissen Alters- beziehungsweise Eutwickelungsstufe wird jedes Kind bei völlig freiwilliger Wahl selbst dem dürftigsten kolorierten Blatt vor der vollendeten Zeichnung den Vorzug geben: und niemand kann es dem Verleger verargen, wenn er dieser natürlichen Neigung ausgiebigst Rechnung zu tragen sucht. Nur liegt hierbei die Gefahr allzu nahe, daß dies auf Koslln des künstlerischen Wertes geschieht, und in der That wird in dieser Hinsicht oft arg gefehlt. Nur zu häufig findet man in den wohlfeileren Arbeiten dieser Art ganz abgesehen von der meist nur sehr zweifelhaften Naturwahrheit des Kolorits — Fnrbenzusammeustellungeu, die jedes geschulte Auge hart beleidigen und den erziehuugsbedürftigen Geschmack des Kindes mißleiten. Noch größer ist dieses Übel in den sog. „Lackbildern," die der Farbeuharmonie häufig fast geflissentlich Hohn sprechen, und hierbei durch den bestechenden Reiz ihres prunkvollen Glanzes dem Kiuderauge besonders gefährlich werden. — Diesen Mißständen gegenüber dem schlichten Holzschnitt besonders eindringlich das Wort zn reden, veranlaßt zudem die gleiche pädagogische Rücksicht, welche auf unserem Stoffgebiet jeglichen Luxus thunlichst zu meiden lehrt. Die auf Konturen, Schatten und Licht beschränkte Wiedergabe der wirklichen Erscheinung leitet den Blick von der bunten Hülle auf den Kern und zwingt die Phantasie zu eigener Arbeit. Dies ist ein nicht zu unterschätzender Vorzug des Holzschnittes, dem er nicht zum wenigsten seine Macht-