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Deutschland.
DaS wichtige Gesetz, dessen Gültigkeit für die Erwägung, ^ das; den Erscheinungen Ursachen zu Grunde liegen, als unumstößlich feststehend angenommen wird, ist das Gesetz, daß wir die Notwendigkeit einer Erscheinung ans dem Vorhandensein der anderen abznleiten haben, das sogenannte Kausalgesetz.
Dieser emineut wichtige Satz, die Grundlage aller Wissenschaft, der allein eine denkende Zusammenfassung alles Gegebenen ermöglicht, indem nur von dem einen mit Notwendigkeit znm anderen fortgehen, ist schon vor Plato und Aristoteles aufgestellt, von Kant aber mit aller Bestimmtheit in doppelter Form ausgesprochen worden, indem er das formale Prinzip der Erkenntnis: „jeder Satz muß seinen Grund haben" von dem metaphysischen „jedes Ding muß seine Ursache haben," unterschied, also den Erkenntnisgrund dem Nealgrund gcgen- überstellte. Diese Fähigkeit, dem Gesetze der Kausalität gemäß zu denken, ist ein Boden, ursprünglich unbebaut, der wohl vielfältige Frucht tragen kann, den aber Karst und Egge des An- schauens erst lockern, und der mit der Saat erfüllt werden muß, ehe wir das reiche Brot des Gedankens erhalten.
Wenn wir das Kausalitätsgesetz als die Grundlage unseres Denkens überhaupt bezeichueten, so ist hiermit ausgesprochen, daß nur durch dieses eine Notwendigkeit in der Verknüpfung unserer Anschauungen, die Fixierung von Begriffen und Urteilen möglich ist. Dem widerspricht scheinbar die Thatsache, daß sich eine Verknüpfung durch Association der Ideen vorfindet, namentlich wenn scheinbar willkürlich an eine Vorstellung sich eine ganz sernliegende andere anreiht. Diese Notwendigkeit jedoch durch Association ist rein subjektiv, für den andern kaum zu verfolgen uud, wie dies in einer der meisterhaften Kriminalnvvellen Edgar Poes durchgeführt wird, häufig scheinbar uufaßlich, lind doch nichts anderes als eine Variante des Kausalgesetzes. Es erinnert uns jede Vorstellung an eine andere, mit der sie sich nach den Umständen des früheren Vorkommens assortierte.
Die Bedeutung des Kausalgesetzes ergiebt sich auch aus folgender Betrachtung:
Unsere sinnliche Wahrnehmung liefert uns Eindrücke, die einzeln für sich in unser Bewußtsein dringen müßten, so daß wir also bei einein mehrstimmigen Gesänge oder dem gleichzeitigen Ertönen mehrerer Instrumente nur zum Bewußtsein der einzelnen Töne, nicht aber zu der Erkenntnis des einheitlichen Tones gelangten; daß wir beim Anblick eines Waldes das Grün der Blätter, das Moos des Baumes für sich, nicht aber in der Zusammenfassung des Baumes oder Waldes erblickten. Denken wir uns dies weiter ausgeführt, so müßten, da ja nur die Summe einzelner Lichtstrahlen uns ein Bild ergiebt, wir nur die Vorstellung einzelner zusammenhangloser Atome gewinnen können. Die Zusammenfassung des Wahrgenommenen zu eineni Einzelobjekt ermöglicht nur das Denken in der Kausalität. Finden wir nämlich eine Anzahl von Erscheinungen so verbunden, daß sie sich uns regelmäßig verknüpft darstellen, so sehen wir diesen Komplex als ein Ganzes an; „wir setzen eine gemeinsame Ursache voraus, legen dieser eine beharrliche Existenz bei und erhalten die Vorstellung einer Einzelsubstanz als eines Dinges, während wir die Sonder- crscheinungen als qualitative oder quantitative Eigenschaften ansehen." Letztere können wir natürlich vvn der Substanz uns nicht getrennt vorstellen, da ja eben die letztere nur die Summe ihrer Eigenschaften bedeutet. „Schwindet eines dieser Merkmale, so ist eine Veränderung eingetreten : sind sie sämtlich verschwunden, so haben wir einen Untergang uud ein Nen- erstehen vor Augen." — Es möchte wunderlich erscheinen, daß wir bei jeder Anschauung eines Gegenstandes vor einem Kausalverhältnis stehen sollen, das sich in uns also zu einer Art von unbewußtem Schluß gestalten müßte.
Thatsüchlich ermöglicht es uns erst die Übung, welche die Erfahrung gewährt, was keineswegs ursprünglich und angeboren ist, einheitliche Objekte dort zu begreifen, wo Einzelvorstellungen entstehen müßten. Einleuchtend für die Thatsache, daß wir solche Sicherheit und Schnelligkeit zur Erlangung be
stimmter Vorstellungen ans bestimmten Eindrücken erst gewinnen müssen, ist die Beobachtung, wie wir die Muttersprache erlernen. „Die Worte sind willkürliche oder zufällig gewühlte Zeichen," sagt Helmholtz, „jede andere Sprache hat andere: ihr Verständnis ist nicht angeerbt, denn für ein deutsches Kind, das zwischen Franzosen ausgewachsen ist und nie Deutsch sprechen hörte, ist Deutsch eine fremde Sprache. Das Kind lernt die Bedeutung der Worte uud Sätze nur durch Beispiele der Anwendung kennen, wobei mau, ehe es die Sprache versteht, ihm nicht einmal verständlich machen kann, daß die Laute, die es hört, Zeichen sein sollen, die einen Sinn haben. Schließlich versteht es, herangewachseu, diese Worte und Sätze ohne Besinnen, ohne Mühe, ohne zu wissen, wann, wo uud au welchen Beispielen es sie gelernt hat, es faßt die feinsten Abänderungen des Sinnes, oft solche, denen Versuche logischer Definition nur mühsam nachhinken."
Sind wir nun auch berechtigt, dein Kausalgesetz oder vielmehr der Anlage in uns, welche uns die Dinge im Kansal- verhültnis erscheinen läßt, einen Wirkungskreis über die ganze Welt unserer Vorstellungen eiuzuräumen, so bleibt uns noch eine Frage von Wichtigkeit: Sind wir berechtigt, aus der Welt uuserer Vorstellungen heranszugehen und auf Grund des Kausalgesetzes auznuehmeu, daß den Erscheinungen auch thatsäch- lich Diuge an sich zu Gründe liegen? Das Kausalitütsgesetz ist, wie Kaut selbst entdeckte, uns a priori bekannt, folglich eine Funktion unseres Intellektes, folglich subjektiven Ursprungs: die Sinnesempfindnng ist subjektiv: endlich der Raum, in welchen wir die llrsachen als Objekte versetzen, u priori gegeben, aber eine subjektive Form unseres Intellektes: da also die ganze empirische Anschauung ans subjektivem Grund und Boden bleibt, als ein bloßer Vorgang in uns, so läßt sich nichts von ihr gänzlich Verschiedenes, von ihr Unabhängiges als ein „Ding an sich" hineinbringen oder als notwendige Voraussetzung darthnn. Diese Darlegung Schopenhauers können wir nach allen bisherigen Ausführungen vollständig aufnehmen: demgemäß müßte ein anderer Weg gesucht werden, um die Existenz der „Diuge an sich" zu konstatieren, ein Weg, den Kant bereits ausgezeigt hat, den Schopenhauer uud an dere betreten haben.
Kant beginnt seine Anthropologie mit folgenden schönen Worten: „Daß der Mensch in seiner Vorstellung das Ich haben kann, erhebt ihn unendlich über alle anderen, aus Erden lebenden Wesen. Dadurch ist er eine Person und, vermöge der Einheit des Bewußtseins, bei allen Veränderungen, die ihm zustoßen mögen, eine und dieselbe Person, d. i. ein vvn Sachen, dergleichen die Vernunftlosen Tiere sind, mit denen mau nach Belieben schalten und walten kann, durch Rang und Würde ganz unterschiedenes Wesen." Und präciser drückt sich Schleiden am Schlüsse seines noch jetzt lesenswerten Vortrages über die Stellung des Menschen in der Natur in folgenden Worten aus: „Der Unterschied zwischen Tier und Menschen besteht im allgemeinen darin, daß das Gehirn des letzteren so entwickelt ist, daß er sich seiner selbst bewußt werden und damit gleichsam sich selbst in Besitz nehmen kann. Der Unterschied besteht aber auch nur in dieser Möglichkeit." Und weiter: „Geistiges Wesen liegt allen körperlichen Erscheinungen zu Grunde, nur im Menschen erscheint es mit der Fähigkeit, sich seiner geistigen Natur selbst bewußt zu werden . -. . Jene Fähigkeit des Selbstbewusstseins bildet eine unendliche Kluft, über die keine Dressur, keine Erziehung den Assen hinausheben kann, und welche bleibt, wenn die Fähigkeit auch bei einzelnen noch so wenig entwickelt ist, und auf den niedersten Stufen sich bis zur Verwechslung an die Stufe der Tierheit anzuschließen scheint."
Zunächst ist uns die Entscheidung darüber, ob unser „Ich" thatsüchlich beharrlich existiert, durch die Beobachtung gegeben, daß wir uns früherer Vorstellungen, nachdem sie bereits entschwunden sind, erinnern können. Es muß ein Beharrliches zu Grunde liegen, dessen Accidenzien allerdings einem fortlaufenden Wechsel unterworfen sind. Wenn der Mensch geboren ist, so unterscheidet er sich wenig oder gar