^L'
Deutschland.
Seite 27
i.
nicht vom Tier, es sei denn durch die Disposition, etwas anderes zn werden als dieses. Selbst die Raninanschannng entwickelt sich erst allmählich, wie ja überhaupt die Tüchtigkeit jedes Sinnes sich langsam in der Weise modifiziert, wie sie uns später zn eigen ist. Durch Anschauung erst und durch die mit ihr gewonnene Erfahrung entsteht ein Bewußtsein, das unaufhörlich neue Zuschüsse erhält oder frühere verliert. Ein Bewußtsein ohne Anschauung ist ein Unding -- nur eines Objektes werden wir uns ohne diese bewußt, des „Ich," und je klarer diese Erkenntnis ist, desto hoher steht das Individuum. Das „Ich" wird nieder durch Anschauung gesunden, noch kann es apriorische Anschannngsfvrm sein. Auch ist es nicht ein bloßes schattenhaftes Wesen, das im Körper wohnt, seine ewige Existenz nicht vergleichbar der Prä- oder Post- cxistenz der Religionen, sondern es ist jene einheitliche, beharrliche, unbegrenzte Kraft, deren Wirkung Denken und Borstellen wird, das Ding an sich, das uns, die wir uns ja auch nur mittels der Anschanungsformen erkennen, zn Grunde liegt. Diese Kraft schuf einzig im Menschen sich eilt Organ, durch welche sie sich ihrer selbst bewußt wird; wenn auch das Tier empfindet, so vermag er allein sich selbst znm Objekt zn setzen, in den Vollbesitz des Bewußtseins als Selbstbewnßtseins zn treten. Aufhören des letzteren heißt Aufhören des Menschseins: Anfhören des Bewußtseins überhaupt Tod. — Zusam- mensassend sei das Resultat obiger flüchtiger Ausführungen gegeben: Wir erkennen ans dem Ichbewußtsein das „Ding an sich," das der Erscheinung des Menschen zn Grunde liegt, in der Eigenschaft eines Wirkenden, einer Kraft; andere positive Eigenschaften dieser Kraft beimesfen zn wollen, ist unmöglich; nicht die Wissenschaft, sondern die Spekulation kann über die hiermit gezogene Grenze hinansdringen: diese aber kann nichts finden, was wissenswert wäre, weil sie nichts sucht, was wißbar ist. Dort aber, wo das Gebiet unserer Erkenntnisfähigkeit liegt, dehnt sich ein weites Gefilde mit fruchttragenden Bäumen, deren Früchte goldig uns locken.
K
S
Werxetrmm mobile.
Eine fränki s ch - m o r genlündi s ch e G e s ch i ch t e.
Pvn
Heinrich Krngsch.
Während eines langen Aufenthaltes und Wander- ^ lebens unter dem blauen Himmel und der heißen ionne des Ostens, fern von dem aufreibenden Getriebe des beweglichen Frengistan, lenken die einfachen und eintönigen Natnrgemülde, wenn auch in wundervollem Schmelz des Lichtes und der Färbung, nicht weniger aber der Verkehr und die Berührung mit nnverwöhnten, patriarchalisch lebenden und denkenden Menschen von der Außenwelt ab, und mit seelischer Ruhe schaut das geistige Auge in das Innere des eigenen Jchs. Wen nicht die bittere Sorge um das Dasein, oder das Heimweh nach Hans und Familie auf dem morgen- ländischen Boden das Herz bedrückt, dem wird Europa wie ein fturmbewegtes Meer unter einem grauen, wolkenbedeckten Himmel erscheinen, und schon der Gedanke an den Abschied vom Osten versetzt ihn in eine schwermütige Stimmung.
Ein längerer oder kürzerer Bestich ans dem Boden der eigenen Heimat schwächt die morgenländischen Eindrücke und ihre Erinnerungen in keiner Weise ab, sondern erweckt täglich und aufs neue eine unbeschreibliche Sehnsucht nach dein gelobten Lande gegen den Sonnenaufgang hin. Die Gegensätze
zwischen Oeeident und Orient treten fast unbewußt in scharfer Umgrenzung vor die Seele, und die Entscheidung bei vergleichender Prüfung fällt entschieden zn Gunsten des Morgenlandes ans. Sanft und ruhig gleitet das Lebensschiff wie ans glatter See unter dein östlichen Lichtschein dahin und ein leiser Morgenwind bläht das Segel des Fahrzeugs.
Bane deine Zelte jahre- und jahrelang unter den Palmen oder auf den: felsigen, pflnnzenleeren Boden der Wüste, und dein anerzogenes Enropäertnm wird merklich in die Brüche gehen. Für die Nachrichten ans der Heimat „drüben" erlischt die warme Teilnahme und die bedruckte Zeitung übt allmählich die ermüdende Wirkung eines leeren Blattes aus. Wo siud sie uud wo bin ich, wo ist der Sturm und wo ist die Ruhe, wo ist der Schein und wo die Wahrheit, wo die tägliche Enttäuschung, wo das stündliche Glück'?
Die Wandlungen des Europäers während eines langen Aufenthaltes im Morgenlande und unter morgenländischen Völkern sind unvermeidlich und er kann sich ihren Wirkungen ^ ans die Dauer nicht entziehen. Sind ihre Einflüsse von ver- ! edelnden Folgen auf den wahrhaft gebildeten Geist, so können j sie dagegen verderblich werden für die Unbildung, für den Ein- j Wanderer, hinter dem des eigenen Lebens Krach oder Strafe und Verfolgung die Brücken nach Europa abgebrochen hat. Er vergißt im fernen Osten die Heimat oder erinnert sich ihrer nur mit Haß uud rachsüchtigen Gefühlen im Herzen. Das Gefühl der Freiheit und der Ungebnndenheit inmitten tyrannisch regierter Staaten beherrscht sein Denken und Handeln. Ter europäischen Zuchtrute entlaufen, wird er zn einein ungebärdigen Kinde, dem alles erlaubt zn sein scheint und Pflicht und Recht, ein leerer Begriff ist. Das Bewußtsein, für geleistete Dienste, gegen Hoheit Lohn und rücksichtsvollstes Entgegenkommen nnent- ^ behrlich geworden zn sein, verleitet Leute dieses Schlages zu der albernsten Sellytschätzung, und ihr Hochmut und ihre Uberhebnng j steigern sich in dem Maße, als sie höflichen oder gar ängstlichen Leuten gegenübertreten. Um es mit ein ein Worte zu sagen, sie fahren gleichsam ans der angeborenen europäischen Haut und ^ werden zu einer wahren Landplage für Morgen- und Abendländer im Osteii. Tritt außerdem der Schnapsteusel an sie heran, so ist ein Auskommen mit ihnen unmöglich, und sie werden zn Gassenbuben der schlimmsten Art. Was Wunder, wenn sich der schüchterne Morgenländer vor einem derartigelt Berserkertnm europäischen Ursprungs zurückzieht und soviel als möglich jede nähere Berührung mit demselben meidet. Sein Urteil wird allmählich verwirrt und die Verbitterung erlaubt ihm nicht mehr, die Schlacken des Enropäertums von dem reinen Golde zu trennen.
Daß je nach der Abstammung des im Osten eingebürgerten Europäers dieser Gattung sich Unterschiede in den Merkmalen der Verrohung zeigen, ist zu vermuten und wird durch eiue längere Beobachtung bestätigt. Der Grieche, Italiener oder Malteser bietet andere Merkmale dar als der Engländer und Franzose oder der Deutsche und der Sohn ans dem Norden Europas. Die feurige, aufbrausende Gemütsanlage erzeugt andere Auswüchse als die angeborene Kaltblütigkeit und Gelassenheit, aber die letzten Wirkungen bleiben dieselben und schwächen das allgemeine Urteil nur weuig ab.
Der besondere Fall, der mir noch hellte lebendig vor der Seele schwebt und eines der lehrreichsten Beispiele für den um