Heft 
(1889) 16
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Seite 27 G Deutschland. Lls u;.

gewandelten Europäer liefert, entbehrt nicht einer unbeschreib­lichen Komik. Indem ich ihn wahrheitsgetreu ans eigener Er­fahrung schildere, mache ich darauf aufmerksam, daß mein Held feit einigen Jahren nicht mehr unter den Lebenden weilt. Sein Leichnam ist in dem Erdboden der Stadt Kairo gebettet, welche über vierzig Jahre lang der Schauplatz feiner Thaten bis zu feinem traurigen Ende gewesen ist. Es war wirklich traurig, weil er vom rachsüchtigen arabischen Janhagel und von uubi- schen Hausknechten während des Aufstandes unter Arabi Pascha so gut wie totgeschlagen wurde, wie das Ende meiner Erzäh­lung es leider bestätigen wird, denn ich hätte ihm gern, trotz allem, einen anderen Schluß seines Lebens gegönnt.

Francesco Florio, ans Korsika gebürtig, war in den vier­ziger Jahren unseres Jahrhunderts ans seiner Heimatsinsel nach Ägypten ansgewandcrt, für die Welt ans unbekannten Gründen, die er mir im Laufe meiner Schilderung noch ent­hüllen wird, wie aber der böse Leumund behauptete, um eines Mordes nullen. Es soll sich um eine korsikanische Rache ge­handelt haben, wobei der kleine, aber heißblütige Landsmann des großen Napoleon das Messer zu tief in die Brust des

auserlesenen Opfers senkte. Er war in der Thal klein von Wuchs, hager und mager, und ans seinem spitzen Gesicht, das ein dünngeschichteter Bart umrahmte, sah eilt Paar unendlich kluger Angen heraus, aus welchen man jedesmal den zwei­ten, nämlich stummen Teil seiner mündlich gehaltenen Reden

heranslesen konnte. Dazu die ausdrucksvollen Bewegungen seiner Arme und seiner Hände, welche die Kraststelleu seiner Zuugeu- und Angensprache gleichsam dick unterstrichen oder vielmehr einen Trumpf daraus setzten. So schaute er als

dreißigjähriger Mann ans, als welchen ich ihn im Jahre 18.D'» kennen gelernt hatte, so aber auch- als Siebziger, nach­dem er seinen amtlichen Berns anfgegeben hatte, um seine letz­ten Tage mit Hilfe eines spärlichen Wartegeldes zu beschließen.

Ich erinnere mich kaum, ihn jemals als Fußgänger kennen gelernt zu haben. Er hielt es unter seiner Würde, seilte eige­nen Beine in Bewegung zu setzen, sondern überließ dies Ge­

schäft den Füßen eines leichtgeschürzten grauen Langohrs, dessen Heimat jedoch nicht in Arabien, sondern in einem Bau­ernhöfe am Fuße der Pyramiden zu suchen war. Die kleine Gestalt schwebte gleichsam über dem hohen, bügellosen Polster­sattel, an dessen Bug ein Schuupftuchbültdel mit Ziegenkäse und Brotinhalt befestigt war. In der Hand des Reiters, ans dessen Haupte eilte türkische, pfiffig schräg gesetzte Kopfbedeckung im knalligsten Rot der Färbung schimmerte, spielte eilt spani­sches Röhrchen, das bald den Esel, bald den jungen, braunen Troßknecht streichelte, welcher barfuß hinter dem Meister ein- hertrabte und den langen Schwanz des Grantiers als Deichsel seines Wagen-Jchs ansnntzte.

Viermal täglich sahen die Einwohner derwohlbewahr­ten" Kalifenstadt die beschriebene Dreiheit durch die Gassen und über die Plätze ziehen, zweimal hin, zweimal her desselben Weges und zu denselben Tagesstunden. Seine Wohnstätte, eilt arabisches Hansan der Brücke," die halb zerfallene Burg irgend eines ehemaligen Zwingherrn ans der Mamelukenzeit, mitten im Araberviertel, bildete den Ausgangspunkt des täg­lichen Rittes im heißen Sonnenschein und das altügyptische Museum in der Vorstadt Bulak, am hohen Ufer des heiligen Stromes Nilns, den Schluß der halbstündigen Wanderung.

Nur am Tage Allahs und seiner mohninmedaitischen Heiligen ruhte Francesco Florio voll seinen Werkelt und der Freitag ward für ibn zu einem freien Tage im vollsten Sinne des Wortes.

Die Frage des Lesers nach dem Amte, dem Geschäfte oder der sonstigen Thätigkeit des wunderlichen Korsen kann ich, aufrichtig gestanden, nicht in einem Atem beantworten. Während seines langen Aufenthaltes im Morgenlande, über dessen erstellt Teil die dunkle Wolke der Ungewißheit schwebt, hatte er gelernt, alles zu sein und alles selber zu thuil. Auf seiuer weißen, mit großer Goldschrift bedruckten Karte stand es deutlich zu lesen: Iw. Mevulior V. Ich In^onioue an cllek' cl» iVIusoo clo Kon Mtc-886 I<> Vice-Uoi rt Iloulrill, doch war es augenscheinlich nur eine Karte unter Vorbehalt, denn nur unter seilten Freunden besaß sie ihren eigentlichen Kurswert, während der übrigen Welt - wiederum aus unbekannten Gründen ihr Inhalt sorgsam verschlossen blieb. Neben dem Incchnieui' an diel blühten eine ganze Reihe anderer Blumen in dem Garten seiner Thätigkeit, von denen ich nur die bedeutsamsten aufzuzähleu mir erlaubeit will. Er war näm lich Dichter, Maler, Bildhauer, Photograph, Former, Arzt, Glaser, Zimmermauu, Tischler, Schneider und Schuster. Er rühmte sich mit ungehenchelter Lust und Freude, fürMa dame" und feilte erwachsenen Sprossen die notwendigen Be­kleidungsstücke eigenhändig zugeschnitten und genäht zu haben, um durch geschmackvolle und haltbare Leistungen aus dem Ge­biete der Damen- und Herren-Kousektiou die Welt in Erstaunen zu setzen. Unter seinen geschickten Händen war die innere Ein richtung der Florio Burg entstanden, und unter den Hunderten von Nippsachen, welche die Wände und Nischen des arabischen Hanfes schmückten, bis zum bunten Diwan Fimmcr hin, war keilte einzige zu entdeckelt, welche nicht den Stempel seiner künstlerischen Thätigkeit alt sich getragen hätte.

Um von seiner ärztlichen PrapiS ein Wort zu reden, welche er nur auf das Innere seines Heims ansdehnte, so muß zngestauden werden, daß er sie mit weniger Erfolg als die Schneider- und Schusterkuust ausübte. Für sein krankes zwei­jähriges Kind hatte er eine Pferde-Latwerge zusammengebraut, die ihre unheilvolle Wirkling nicht verfehlte. Das arme Ding schied Volt Vater und Mutter und der trauernde Erzeuger nahm sein Tischlerwerkzeug zur Hand, mit das kleine hölzerne Totenhaus mit den Worten: Illen Un vonll, zusantineuzuitagelu. Er hielt es nämlich für vornehm und gewühlt, sich der fran­zösischen Sprache zu bedienen, sobald irgend ein außerordent­liches Ereignis in sein Leben eingriff lind znm sprachlichen Ausdruck anfforderte. Im übrigen waren ihm die heutigen Gallier in der Seele zuwider, am meisten sein französischer Musenmsdirektor, der ihm, dem Chevalier Francesco Florio, den Ruhm seines Lebens schmählichst geraubt habe. Denkmäler zu entdecken, so behauptete er, sei kinderleicht, aber Steinkasten voll hundert Tonnen Wucht vom Fundorte aus nach dem Mu­seum zu transportieren, das sei das größte Verdienst.Wir wollen doch einmal sehen, ob der da" dabei wies er mit dem Finger verächtlich auf seilten Direktor hinim stände wäre, auch nur den kleinsten Ramseskvloß unterm Arm von Tunis nach Bulak zu tragen!"

Mein Freund Mariette, der Direktor, war klug und nach­sichtig genug, derartige Ausfälle gegen seilte Stellung zu über-