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Deutschland.
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der letzteren fallen naturgemäß mit den Erscheinungen der Neurasthenie zusammen, und eine so scharfe Trennung dieser von jenen, wie sie beispielsweise von Beard geschaffen worden, ist wohl kaum durchführbar; so hat Beard viele Dinge unter der Neurasthenie untergebracht, welche andere bereits zu jenen schwereren Erkrankungen rechnen.
Die Zahl der im Laufe der Zeit für die Symptome der Nervenschwache gebrauchten Namen ist beträchtlich: Krankhafte Reizbarkeit, gesteigerte Sensibilität, Kachexie und I)iatli686 n6rvon86, iVIarcasmm und lllal lu-rvcux, .Vildclioii vapoi'6M86, Vaj)our8, iVlai'a8iuu8 und 8tatm8 nervo8U8, nenropathische Disposition oder Konstitution, i^dvrojiatllic;, Nevmg'urlüa prol^itornio, X^vros^asnrio, idiouralAla Aauorala, Luroxoitu- tioQ I161'V«?U86) endlich der Ausdruck Nervosismus, welcher schon seiner Bildung wegen in Vergessenheit gesenkt zu werden verdient.
Blau unterscheidet zwei Arten von Nerven, solche, welche das Gefühl, als sensible, und solche, welche die Bewegung vermitteln, als motorische. Ein ermüdeter Nerv zeigt zunächst gesteigerte Erregung. Dieselbe dauert nicht lange an, sondern geht nach kurzer Frist in das Gegenteil, die Erschöpfung über. Die Neurasthenie ist hervorgernfen durch gesteigerte Nervenerregung und damit gesteigertem Verbrauch. Unter normalen Verhältnissen sind die sensiblen Nerven leichter erregbar als die motorischen; so sind auch meist bei der Neurasthenie die Erscheinungen in der Gefühlssphäre die frühesten, und da eine Steigerung derselbe!! vorliegt, so hat man die gesteigerte Erregbarkeit der Sensibilität mit dem Namen Hyperästhesie bezeichnet. Dann erst folgen Störungen in der Bewegnngs-, d. h. in der muskulären Sphäre, die zunächst ebenfalls in erhöhter Erregbarkeit bestehen, sich aber bald ins Gegenteil verwandeln, so daß ans die Hyperästhesie Muskelschwüche als zweite Hanpterscheinung der Neurasthenie folgt. Ihr Wesen liegt also in gesteigerter Erregbarkeit mit Neigung zur schnellen Ermüdung, besonders der muskulären Sphäre. Treten statt der schnellen Erschöpfung andere Zustände in den Muskeln und anderen Organen, oder stärkere psychische Erregungen ein, so entstehen jene bereits mehrfach erwähnten Erkrankungen, deren Anfang die Neurasthenie bilden kann.
Die Hyperüsthesieen finden sich am meisten in den Muskeln und zugehörigen Gebieten, den Knochen, und machen sich als unangenehme Empfindungen oder Schmerzen bemerklich. Hauptsächlich sind die Schmerzen in den Rückenmnskeln und der Wirbelsäule vorherrschend, und der Rückenschmerz, der von vielen fälschlicherweise aufs Rückenmark bezogen wird, ist eine der konstantesten Erscheinungen der Nervenschwäche. Zahlreiche Menschen, welche mit diesen Schmerzen behaftet sind, glauben schwere „Rückenmürker" zu sein, während sie sich in vielen Füllen bei der Untersuchung als Neurastheniker Herausstellen. Neben diesen Erscheinungen der „Spinalirritation" treten besonders die Zeichen der Cerebralirritation hervor. Unter dieser faßt man Zustände zusammen, die die Kops- und besonders die höheren Sinnesnerven betreffen: verschiedenartige abnorme Gefühle im Kopf, wie Schmerzen, Schwere, Druck, Benommenheit; im Gebiete der Angen das leichte Eintreten von Augenschmerzen, Flimmern, Verschwimmen der Gegenstände: im Gebiete der Ohren Sausen und verschiedenartige Geräusche: Belästigung durch Gerüche; schneller Wechsel der Stimmung, plötzliches Entstehen von Traurigkeit, Angst, Beklommenheit, Neigung zu Zorn, Zerstreutheit, Launenhaftigkeit, Schlaflosigkeit und Schlafsucht. Die Ängstzustünde äußern sich bei ganz verschiedenen Anlässen und treten bei einzelnen Individuen unter ganz entgegengesetzten Verhältnissen auf als bei andern; allen gemeinsam ist, daß die betreffenden Personen wissen, daß eine objektive Veranlassung zur Furcht nicht vorhanden ist, aber ihr Wille und Verstand wird durch die erregbare Natur über- wuuden. Die Ängstzustünde verschwinden erst, wenn die veranlassenden Ursachen schwinden. Einige dieser zahllosen Zustände, deren Bezeichnungen mit dem griechischen Ausdruck für
Furcht zusammengesetzt sind, sind auch deu Laien vielfach bekannt: die Platzfurcht, Agoraphobie, welche bei mauchen Menschen entsteht, wenn sie über einen weiten Platz gehen. Bei anderen zeigt sich dasselbe Verhalten unter entgegengesetzten Umstünden, bei Anwesenheit in geschlossenen engen Räumen, Klaustrophobie. Wiederum verschieden von dieser ist die Monophobie, die Furcht allein, und die Anthropophobie, die Furcht, mit Menschen zusammen sein zu müsseu. Auch ziemlich bekannt ist der Höhenschwindel, die Furcht, welche Personen befällt, wenn sie von einer steilen Anhöhe in die Tiefe blicken, und umgekehrt die Batophobie, welche eintritt, wenn jemand sich in einem engen Thale befindet und an einer hohen (Felsen-, Mauer-) Waud emporschaut. Sehr verbreitet ist die Gewitterfurcht, Astraphvbie, welche mit verschiedenen Erscheinungen eiu- hergeht. Gewisse Menschen beobachten im Sommer fast unausgesetzt den Himmel, weil sie in beständigem Angstgefühl vor einem herannahenden Gewitter leben; einzelne dieser Individuen befinden sich in einer sehr unglücklichen Lage, und bei manchen Personen steigern sich während eines Gewitters die Erscheinungen bis zu vollständigen Krampfanfällen. Alle diese Zustände krankhafter Furcht, vou deuen hier nur einige wenige erwähnt sind, gehören in das Gebiet der Zwangsvorstellungen und nur daun zur Neurasthenie, wenn sie vorübergehend, unbedeutend sind. Bei längerer Ex- und Intensität geht auch hier die Nervenschwäche in die vorgeschritteneren Stadien der Geistesstörung, der Psychosen, über.
Die oben angeführten Acnskelschmerzen, welche ans einer Hyperästhesie der Muskeln beruhen, betreffen besonders die Unterschenkel und Füße, beteiligen aber auch die Arme und veranlassen die Patienten zu eiuem stetigen Wechsel in der Haltung und Lage ihrer Gliedmaßen, welcher bei nervösen, ruhelosen Menschen leicht in die Angen füllt. Die Hyperästhesie äußert sich außerdem noch hauptsächlich in der Haut, in deren Nerven sich ziehende Schinerzen, ferner geringe Widerstandsfähigkeit gegen höhere oder niedrigere Temperaturen offenbarem Aus letzterem Grunde erkälten sich Neurastheniker leicht, ferner leiden sie viel an Hitzegefühlen, Hautjucken und ähnlichen abnormen Sensationen im Hautorgan.
An den Verdanungsvrganen äußert sich die Hyperästhesie durch vermehrtes und vermindertes Durst- und Hungergefühl, Neigung zu starken Reizmitteln, Alkohol, Tabak, Kaffee, Thee. Dem Alkohol stehen die einzelnen Neurastheniker verschieden gegenüber, indem manche ihn gar nicht, andere, besonders nach Erkältungen, ihn in großen Mengen ohne nachteilige Wirkungen vertragen.
Wie in der Gefühlssphüre ans den Hyperüsthesieen die Anästhesieen entstehen, ebenso folgt in der Bewegnngssphäre ans die gesteigerte Beweglichkeit der Muskeln schnelle Erschöpfung. Viele der Leidenden liegen anhaltend am Tage auf dein Sofa, des Morgens lange im Bett (letztere Annehmlichkeiten bereiten sich auch kerngesunde Menschen recht gern!). Außer der Mnskel- unrnhe leiden Nenrasthcnische an starken Zuckungen und selbst Krämpfen, welche aber nur leichter Natur sind, da sie sonst nicht mehr zur Nervenschwäche gezählt werden dürfen. Diese Krämpfe treten namentlich in den Gesichtsmnskeln ans: Muskeln des Mundes, der Lippen, der Angen; ferner in den Waden- mnskeln. Außerdem sind Krämpfe in den Atmungs-, Kreislauf-, Verdauungsorganen häufig uud bewirken die verschiedenartigsten Erscheinungen von seiten dieser. Auf Krümpfeu im Eirkulationsapparat beruht das leichte Erröteu, welches bei manchen Individuen bereits anftritt, wenn sie von einer anderen Person angeredet werden; Krämpfe in den Atmnngs- organen erzeugen das Gähnen, Schlucken, Hüsteln und manche Formen von Asthma (Heusieber). Die absondernden Funktionen und die Ernährung verhalten sich in ganz entsprechender Weise wie die Funktionen der motorischen Sphäre; es ist ein zu geringes oder ein Übermaß derselben vorhanden. Die Schweiß- und Speichelabsonderung, die Ernährung und Wärmeprodnktion ist zu stark oder zu gering. Solche Personen haben subjektiv Hitze oder Kältegefühl und frösteln vielfach. Auch wirklich